• vom 25.04.2015, 09:00 Uhr

Geschichten

Update: 28.04.2015, 16:18 Uhr

Yoga

Schmerz? Oder süßer Schmerz?




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Von Bettina Figl

  • Die heilige Stadt Rishikesh im Norden Indiens gilt als Welthauptstadt des Yoga. Bericht von einem Selbstversuch, sich in 28 Tagen zur Yogalehrerin ausbilden zu lassen.

Einatmen und strecken: Der ziehende "süße Schmerz" ist Ziel der Übung. - © Martina Velicky

Einatmen und strecken: Der ziehende "süße Schmerz" ist Ziel der Übung. © Martina Velicky

Zahllose Angebote im einstigen Ort der Kontemplation . . .

Zahllose Angebote im einstigen Ort der Kontemplation . . .© Figl Zahllose Angebote im einstigen Ort der Kontemplation . . .© Figl

Ein junger Inder packt mich an der Schulter, presst sein Knie in meinen Rücken und dreht dessen oberen und den unteren Teil in zwei verschiedene Richtungen. Ich komme mir vor wie ein Stück nasse Wäsche, das ausgewunden wird. 15 angehende Yogalehrer harren in der Rumpfdrehung aus. Lehrer Prashanth - strahlend weiße Zähne, Ansatz eines Schnauzers und goldener Ring im Ohr - zählt in melodischem Singsang: "Eiiight, niiine, teeen"; das sind keine Sekunden, sondern Yogi-Atemzüge, also halbe Ewigkeiten. Wir sitzen am Boden, die Beine überkreuz, und während sich meine Gesichtszüge immer mehr verkrampfen, fixiert mich Prashanth mit seinem breiten Eddie-Murphie-Lächeln und fragt: "Schmerz? Oder süßer Schmerz?"

Einatmen und strecken, ausatmen und drehen: Der ziehende "süße Schmerz" ist Ziel der Übung - im Gegensatz zum plötzlichen, stechenden Schmerz. Was ist Yoga? Diese Frage hat mich nach Indien geführt. An Tag eins erfahren wir: Alles ist Yoga. Zuerst lernen wir zu atmen. Denn mit unserer flachen Atmung sei uns kein langes Leben beschieden, wird uns erklärt. Und anders als im Westen landläufig geglaubt wird, sollen die Asanas (Sanskrit für Körperübungen) auch nicht dazu führen, so fit und flexibel wie möglich zu werden. Sie sollen lediglich ermöglichen, in der Meditation - dem wichtigsten Aspekt von Yoga - schmerzfrei auszuharren.


Die Knie schmerzen
Davon bin ich weit entfernt. Den ganzen Tag im Schneidersitz, ständig schlafen die Beine ein, die Knie schmerzen. Dass diese Position "easy pose" heißt, klingt wie ein schlechter Witz. Wie so oft dieser Tage denke ich an die Worte einer Freundin vor der Abreise: "Du fährst nach Indien? Auf ein Eso-Bootcamp? Fahr doch nach Italien, dort gibt es gutes Essen, tollen Wein und schöne Männer." Zumindest zwei dieser Punkte erfüllt auch der Indien-Trip. Aber dazu später.

Rishikesh liegt im Norden In-diens, unweit der Grenze zu Nepal und Tibet, und gilt als Welthauptstadt des Yoga. Die Kleinstadt ist mit 60.000 Einwohnern etwa so groß wie Villach. Und doch unvergleichbar: In einer Haschisch-Wolke sitzende Sadhus - "falsche Heilige" - grüßen mit einem entspannten "Hare Om, Baba"; Inder mit Bauchläden voller Farbtöpfchen malen Touristinnen Bindis - kunstvoll-bunte Punkte - zwischen die Augenbrauen, wo sich das energetische dritte Auge befinden soll. An fast jeder Straßenecke dampft heißer Chai, ein in Milch aufgekochter Gewürztee, in großen Bottichen.

Die Stadt ist von den sattgrünen Vorläufern des Himalaya umringt, und durch den Ganges in zwei Teile gespalten. Der heilige Fluss der Hindus zieht hier ausgedehnte Schlangenlinien, ist glasklar und so wild, dass es die Paddler in den Rafting-Booten durchbeutelt. Ein Bad in "Mutter Ganges" soll Leben spenden, verjüngen und freimachen. Das kann man im chaotischen Stadtteil Lax Manjula gut gebrauchen: Auf der Hängebrücke drängeln sich Mopeds hupend an Touristen, Affen und Kühen vorbei, alle paar Meter will jemand Gebetsketten, Postkarten oder Zuckerrübensaft verkaufen.

Hinduistische Pilger legen in der heiligen Stadt oft einen Zwischenstopp auf der Reise zur 250 Kilometer entfernten Gangesquelle ein. In den unzähligen Ashrams - klosterähnlichen Meditationszentren, wörtlich: "Ort der Anstrengung" - und Yogaschulen sind Touristen aus dem Westen aber längst in der Überzahl.

Ich habe mich für eine Schule mit indischen Lehrern, kleinen Klassen und prall gefülltem Stundenplan entschieden: Um 6 Uhr beginnen wir den Tag mit Sonnengrüßen, drei Stunden lang Hatha-Yoga und Pranayama (Atemübungen). Zum Frühstück um 9 Uhr 15 - es fühlt sich an, als wäre bereits der halbe Tag vergangen - gibt es Kurkuma-Nudeln, Milchreis und Chai. Vor dem Mittagessen Anatomie, danach Philosophie, dann Ashtanga.

Singen und keuchen
Diese dynamische Form des traditionellen Hatha-Yoga wird von Vipin unterrichtet. Der junge Inder mit Fönfrisur und Popeye-Armen sieht aus, als wäre er einem Bollywood-Film entsprungen. Jeder seiner Sätze endet mit dem typisch indischen Kopfwackeln und jede seiner Stunden beginnt mit dem Mantra: "Vakratunda Mahakaja . . ." Erst singen, dann keuchen: In Ashtanga wird jede Position nur fünf Ujjayi-Atemzüge lang gehalten (das keuchende Ausatmen soll den Herzschlag verlangsamen), doch die vielen Sprünge und Liegestütze machen die Yogahalle zur Kraftkammer. Der Tag geht mit Schlafyoga zu Ende: Wir liegen in Savasana, der Totenstellung, und ein Swami - der Titel für einen geachteten Guru - brummt uns mit einem langgezogenen "Relaaax" in den Halbschlaf. Während wir tiefere Bewusstseinsebenen erreichen sollen, überlege ich, ob ich die Moskitos, die um mein Ohr schwirren, erschlagen darf oder sie gleichmütig erdulden muss.

Es sind nicht die einzigen Tiere, die sich zu uns verirren: Einmal flattert ein Kolibri durch die Yogahalle, regelmäßig nähern sich Affen übers Dach, und durch die umliegenden Sträucher stolzieren Pfaue, die nächtens in katzenähnliches Gejammer einstimmen. Angeblich kommen manchmal sogar Elefanten in die Nähe der Yogaschule - doch für die riesigen Fladen, die den Weg zu unserer Schule säumen, sind wohl die omnipräsenten Kühe verantwortlich . . .

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-04-23 18:56:16
Letzte nderung am 2015-04-28 16:18:07



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