• vom 16.01.2016, 11:00 Uhr

Geschichten


Nepal

Kolonie der Vergessenen




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Von Martin Zinggl

  • In einem Spital im Südosten von Nepal werden Leprakranke behandelt. Die offiziell als ausgerottet geltende Krankheit kennt nur eine Zielgruppe: die Ärmsten der Armen.

Erinnert mit Bungalows aus rotem Ziegelstein mehr an eine Ferienanlage, ist aber eine Station für Leprakranke: die Klinik im nepalesischen Lalgadh. - © Zinggl

Erinnert mit Bungalows aus rotem Ziegelstein mehr an eine Ferienanlage, ist aber eine Station für Leprakranke: die Klinik im nepalesischen Lalgadh. © Zinggl

"English?", frage ich den Fahrer.

"Yes!", antwortet dieser.

"What is your name?"

"Yes!"

"How many hours to Kathman- du?"

"Yes!"

Gut, seine Englischkenntnisse könnten eventuell noch etwas verbessert werden, aber schließlich finde ich heraus, dass er Kamal heißt. Es wird eine schweigsame Fahrt. Nur ein einziges Mal entkommt ihm ein knappes, emotionsloses "Oh", als wir beinahe in eine Horde wilder Affen rasen, die hastig die Fahrbahn überqueren. Dank seines kriminell anmutenden Fahrstils braucht Kamal keine fünf Stunden für die Strecke, die im Normalfall rund acht Stunden dauert.

Lebenslange, schmerzfreie Qualen, das ist Lepra: Ein Betroffener im Krankenhaus Lalgadh am Gehbarren.

Lebenslange, schmerzfreie Qualen, das ist Lepra: Ein Betroffener im Krankenhaus Lalgadh am Gehbarren.© Zinggl Lebenslange, schmerzfreie Qualen, das ist Lepra: Ein Betroffener im Krankenhaus Lalgadh am Gehbarren.© Zinggl

Information

Martin Zinggl, geboren 1983, hat Kultur- und Sozialanthropologie
studiert und lebt als Autor und Dokumentarfilmer in Wien und Barcelona.

Frieden mit Schicksal

Auf dem Weg in das Krankenhaus in der nepalesischen Hauptstadt sterbe ich 193 Tode, einen für jeden Kilometer, den wir seit dem Lepraspital in der südöstlichen Ortschaft Lalgadh zurückgelegt haben. Über den mangelnden Sitzkomfort und die eingeschränkte Beinfreiheit wage ich allerdings nicht zu klagen, denn direkt hinter mir liegt auf einer Pritsche zusammengekauert Ram, ein 16-jähriger Leprapatient. Neben ihm auf dem Boden seine Beinprothese, die der Junge aus Janakpur seit der Amputation seines linken Beins vor einem Jahr trägt. Am Tag zuvor rutschte sein Beinstumpf bei einem falschen Schritt von der Prothese ab und Ram stürzte. Nun liegt er mit einem offenen Oberschenkelbruch im spärlich ausgerüsteten Rettungswagen und wird in ein Le-praspital in Kathmandu überführt, da es in Lalgadh keinen orthopädischen Chirurgen gibt.

Herausragend ist seine Demut: Ram macht keinen Mucks, kein Schluchzen, keine Beschwerde - und das liegt nicht daran, dass er zu sehr damit beschäftigt ist, sich festzuklammern. Ram hat sein Schicksal längst akzeptiert und Frieden damit geschlossen. Fahrer Kamal rast über die kurvigen Bergstraßen, sodass Ram im hinteren Teil des Wagens herumgeschleudert wird. Kamal bremst, Ram fällt erneut und stößt sich den Kopf an der Kante des Medizinschranks. Blut rinnt ihm aus dem Haaransatz am Scheitel. Wie sehr kann ein Mensch eigentlich von Pech verfolgt sein?

Geht es nach der ländlichen, nepalesischen Gesellschaft, sind Leprapatienten "gottverflucht" und müssen dafür büßen, dass sie in einem früheren Leben etwas Furchtbares gemacht haben. Schließlich steht es so auch in den alten Hinduschriften geschrieben: eine "große Krankheit", genannt Maharog, wird die Übeltäter überkommen.

Was Ram wohl verbrochen hat, um so gestraft zu werden? Die restliche Fahrt grüble ich darüber, wie ungerecht die Welt ist und durch welche kosmische Glückskonstellation die einen auf die Zuckerseite des Lebens fallen, während die anderen umso kräftiger in den sauren Apfel beißen müssen? Denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein gesunder, in unprekären Verhältnissen lebender Mensch an Lepra erkrankt, ist in etwa so groß, wie einen Lotto-Sechser zu gewinnen. In Lalgadh versammeln sich diese unglücklichen "Gewinner". Wie Gespenster schlendern die Patienten die Gänge in der auf Leprakranke spezialisierten Klinik entlang. Alleine oder zu zweit, manche mit Gehstock, andere im Rollstuhl. Still, ziellos, zerbrechlich, gebrandmarkt. In ihren Augen spiegelt sich Unsicherheit und Leere wider.

Ängste und Abscheu

Inmitten eines großzügigen, grün angelegten Gartens erinnert das Spital mit seinen Bungalows aus rotem Ziegelstein äußerlich mehr an eine friedliche Ferienanlage. Nach Dienstschluss spielt das Personal Badminton, während sich die Patienten mit Brettspielen die Zeit vertreiben. Mit Eintreten der Dunkelheit löst das Zirpen der Grillen den Vogelgesang ab, unterbrochen nur vom gelegentlichen Stöhnen eines Leidenden, um daran zu erinnern, dass man hier nicht auf Urlaub ist. Die meiste Zeit aber verhalten sich die armen Teufel ruhig und tapfer.

Lepra begleitet uns nun schon seit Jahrtausenden, hat sich in den Köpfen der Menschen aber erst im 13. Jahrhundert, während der Kreuzzüge, festgesetzt, ehe sie Ende des 16. Jahrhunderts in Mitteleuropa ausgerottet wurde.

Und dennoch wissen wir bis heute sehr wenig über diese mysteriöse Krankheit. In der Regel dauert es zwischen zwei und zwanzig Jahren, bis Lepra im Körper ausbricht. Die Ansteckungsgefahr ist gering, man müsste schon über einen sehr langen Zeitraum mit einem Erkrankten auf engstem Raum zusammenleben, um sich selbst zu infizieren.

Zudem hat der Großteil der Menschheit eine genetische Immunität gegen die chronische Krankheit entwickelt. Aber da Lepra bereits in der Antike Ängste und Abscheu auslöste, setzte man damals schon vorsorglich die Betroffenen aus. Daran hat sich in so manchen armen Ländern Asiens und Afrikas nicht viel geändert. Auch in Nepal isoliert man Menschen, die an "Maharog" leiden. Ihr Dasein ist eine Last. Aber nicht nur die Gesellschaft ächtet Leprakranke, das nepalesische Gesetz verbietet ihnen sowohl zu arbeiten, als auch zu heiraten.

50 Patienten pro Tag

Weltweit infizieren sich jährlich rund eine Viertelmillion Menschen. Geht es nach der Weltgesundheitsorganisation (WHO), gilt Lepra seit der Jahrtausendwende als eliminiert. Die genaue Defini- tion lautet: wenn weniger als ein Patient unter 10.000 Einwohnern behandelt wird. So gesehen ist auch Nepal seit 2009 theoretisch leprafrei. Aber eben nur theoretisch, denn die Krankheit tritt mittlerweile in mehreren Teilen des Landes endemisch auf, vor allem im südlichen Terai - und Lalgadh zählt zu den meist beschäftigten Lepraspitälern der Welt.

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Schlagwörter

Nepal, Lepra, Krankheit, Spital, Ladagh, Extra

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-01-15 13:23:06
Letzte Änderung am 2016-01-15 13:56:07



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