• vom 13.02.2016, 10:00 Uhr

Geschichten


Tod

Warum der Tod ins Leben gehört




  • Artikel
  • Kommentare (5)
  • Lesenswert (9)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Katharina Schmidt

  • Wie es möglich ist, das eigentlich Unerträgliche zu ertragen und daran zu wachsen: Die Geschichte einer Familie, die ihr Kind verlor.

- © Creative Commons

© Creative Commons

Es ist paradox: Noch nie in der Menschheitsgeschichte waren wir so oft mit dem Tod konfrontiert wie heute - und noch nie so wenig. Denn während wir uns an die Leidenden und die Leichen gewöhnt haben, die uns die Fernsehnachrichten, die Zeitungen und die sozialen Medien täglich in unsere Wohnzimmer spülen, kommen wir nur noch selten in die Verlegenheit, uns mit Sterbenden in unserem Umfeld zu beschäftigen. Nicht zu Hause sterben die Menschen, sondern in Spitälern und Heimen, wo viele Ärzte den Tod als ihren Feind betrachten und versuchen, ihn so lange wie nur möglich hinauszuzögern. Oft ohne Rücksicht auf das Wohl des Patienten.

"Und die Decke war blau wie der Himmel . . ."

"Und die Decke war blau wie der Himmel . . ."© Dado Ruvic/Reuters "Und die Decke war blau wie der Himmel . . ."© Dado Ruvic/Reuters

Wir fürchten den Tod so sehr, dass wir uns nicht mit der Frage unserer eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen können. Denn der Tod trifft uns in unserem Innersten, er beleidigt uns in unserem Kontrollbedürfnis und unserem modernen Anspruch, unendlich konsumieren und genießen zu können.

Information

Katharina Schmidt, geboren 1983, ist seit 2006 Innenpolitik-Redakteurin bei der "Wiener Zeitung".

Wenn wir aber hinschauen und uns mit unserer Endlichkeit beschäftigen, kann uns das nicht nur die Angst nehmen. Vielmehr lehrt uns die Akzeptanz der Sterblichkeit auch Achtsamkeit, Demut vor dem Leben und Respekt vor den Menschen, die wir lieben und die uns nahe sind. Im Buch "Eine sonderbare Stille. Warum der Tod ins Leben gehört" (siehe Angaben Seite 34) kommen Menschen zu Wort, die sich schon lange mit dem Thema Sterben beschäftigen. Sie arbeiten im Hospiz oder Krankenhaus, sie pflegen ihre kranken Angehörigen oder sind selbst mit einer lebensverkürzenden Erkrankung konfrontiert. Es lohnt sich, diesen Menschen zuzuhören.

Einer dieser Menschen ist Jacqueline Weise. Ihre Geschichte wird hier in Auszügen wiedergegeben.

Traurig und mutig

"Beim Verabschieden drückt mir Jacqueline Weise ein kleines Gedenkbild in die Hand. Auf der Vorderseite der dunkelhaarige Babykopf, geborgen in den Händen seiner Mutter. Innen das Bild ihres Sohnes Don-Chris, das auch im Flur ihrer Wohnung hängt. Darauf sieht er wie ein zufrieden schlafender Säugling aus. Eine Freundin der Familie, die Fotografin ist, hat die Schläuche der Intensivstation wegretouchiert. Endlich ist er kabellos, hat sich Jacqueline damals gedacht. Ich nehme das Bild, stecke es vorsichtig in meine Tasche - wie einen Schatz. Ich bedanke mich, verabschiede mich, gehe auf die Straße vor dem Gründerzeithaus in einem Wiener Innenbezirk. Und breche erst einmal in Tränen aus.

Das Buch "Eine sonderbare Stille. Warum der Tod ins Leben gehört" von Katharina Schmidt erscheint am 15. Februar im Brandstätter Verlag (192 Seiten, Hardcover, 22,50 Euro). Die Erstpräsentation findet am kommenden Donnerstag, den 18. Februar, um 19 Uhr, in der Buchhandlung Frick, Graben 27, 1010 Wien, statt.

Das Buch "Eine sonderbare Stille. Warum der Tod ins Leben gehört" von Katharina Schmidt erscheint am 15. Februar im Brandstätter Verlag (192 Seiten, Hardcover, 22,50 Euro). Die Erstpräsentation findet am kommenden Donnerstag, den 18. Februar, um 19 Uhr, in der Buchhandlung Frick, Graben 27, 1010 Wien, statt. Das Buch "Eine sonderbare Stille. Warum der Tod ins Leben gehört" von Katharina Schmidt erscheint am 15. Februar im Brandstätter Verlag (192 Seiten, Hardcover, 22,50 Euro). Die Erstpräsentation findet am kommenden Donnerstag, den 18. Februar, um 19 Uhr, in der Buchhandlung Frick, Graben 27, 1010 Wien, statt.

Drei Stunden hat sich Familie Weise Zeit genommen, um ihre Geschichte zu erzählen. Drei Mal sind mir dabei die Tränen gekommen - nie zuvor in mehr als zehn Jahren Journalismus ist mir das passiert. Die Geschichte von Don-Chris Herbert Weise und seiner Familie ist unglaublich traurig, aber sie macht auch unglaublich viel Mut. Sie zeigt, wie es möglich ist, das eigentlich Unerträgliche zu ertragen und daran zu wachsen: Den Tod des eigenen Kindes.

Auch für Jacqueline ist es nicht einfach, davon zu erzählen. Sie hat sich gut vorbereitet, viele ihrer Gedanken auf Zetteln festgehalten. Sie schluckt oft, macht lange Nachdenkpausen. Aber sie weint nicht. Sie will, dass ihre Geschichte hinausgetragen wird. Sie will anderen Menschen in einer ähnlichen Situation helfen. Sie will vor allem kein Mitleid. Die 35-Jährige ist ausgebildete Pflegekraft, sie weiß Diagnosen zu deuten und kennt sich im Krankenhausbetrieb aus.

Am 23. Juni 2015 kam ihr Sohn per Kaiserschnitt auf die Welt, sechs Wochen zu früh, in der 34. Schwangerschaftswoche. Während sich Jacqueline noch von der Narkose erholte, erfuhr sie zum ersten Mal, dass mit dem Kleinen etwas nicht stimmte. Er wurde sofort nach der Entbindung auf die Neugeborenen-Intensivstation des Spitals gebracht, er lag im Brutkasten und musste beatmet werden.

Glasknochenkrankheit

"Ich war sehr müde, traurig, schwach und wütend auf einfach alles, was geschah", erzählt Jacqueline, "ich war die ganze Zeit in einem Gedankenkarussell, aber trotzdem habe ich irgendwie funktioniert". Der wenige Tage alte Säugling musste eine Untersuchung nach der anderen über sich ergehen lassen, die Ärzte taten sich schwer mit einer Diagnose.

"Eines Sonntagnachmittags hatten wir dann ein Gespräch mit den Ärzten. Wir haben wirklich gespürt, wie schwierig es für sie war, sich auszudrücken." An diesem Tag schwand für die Familie alle Hoffnung. Bis heute ist die Diagnose nicht endgültig geklärt, aber es bestand ein hochgradiger Verdacht, dass der kleine Don-Chris an einer schweren Form der Glasknochenkrankheit - Osteogenesis Imperfecta - litt, einer sehr seltenen Erbkrankheit, die in den unterschiedlichsten Schweregraden vorkommen kann und nicht heilbar ist.

Vom Moment der vorsichtigen Diagnose an war der Familie klar, dass ihnen nicht viel Zeit mit Don-Chris vergönnt sein würde. "Also haben wir verzweifelt versucht, jeden Tag mit ihm zu genießen." Das war nicht leicht, schließlich kreisten Jacquelines Gedanken ständig um die Frage, wie lange ihr Sohn noch durchhalten würde und wie es ihm ging.

Auch Don-Chris’ Schwestern, die achtjährige Emma und die zweijährige Chy Chy, mussten versorgt werden. Aber "Don-Chris war ‚Love‘, er brachte noch mehr Liebe in unsere Familie", sagt seine Mutter heute - denn durch ihn bekamen die Weises auch sehr viel Unterstützung: Bekannte auf der ganzen Welt meldeten sich, Freunde kümmerten sich um die Töchter oder brachten Essen, Nachbarn boten ihre Hilfe an, eine Gemeinschaft entstand. Auch im Spital, bei Don-Chris, wollte Familie Weise das Leben feiern - sie ließen ihn inmitten der Schläuche und Geräte der Intensivstation taufen.


weiterlesen auf Seite 2 von 3




5 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-02-12 14:11:08
Letzte nderung am 2016-02-12 14:52:12



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Der Held hinter der Kamera
  2. Neugier, Humor und Improvisation
  3. "Die Linke sollte das Moralisieren lassen"
  4. Biotechnologischer Stalinismus?
  5. "Du kannst alles, was du willst"
Meistkommentiert
  1. "Die Linke sollte das Moralisieren lassen"

Werbung




Werbung


Werbung