• vom 17.12.2016, 08:00 Uhr

Geschichten


Ukraine

Eine vergessene Welt




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Das Dorf Deutsch-Mokra ist heute noch beinahe jenes von damals, mit seinen gemütlichen, teils in grellen Farben getünchten Schindelhäuschen, der gemächlich verrichteten Holzarbeit, den Pferdefuhrwerken, die Holz und Reisig befördern, derweilen eine mit Kopftuch bekleidete bucklige Alte schöne Büschel von Heu unter den Armen trägt. Die Kirche, ein schlichter Holzbau, zieren im Inneren fromme deutsche Sprüche.

Im alten Schulgebäude gefriert einem der Atem. Die Heizung ist ausgefallen, nicht aber der Unterricht, und so sitzen die kleinen Kinder mit Mäntelchen und Hauben in ihren kleinen Bänken, starr vor Kälte und auch vor Ehrfurcht, denn die Lehrer zeigen eine gehörige Strenge beim Eintrichtern der deutschen oder englischen Vokabeln. Österreichische Zivildiener der "Landlerhilfe" unterstützen die einheimischen Lehrer in Deutsch-Mokra, wie auch in Königsfeld, beim Deutsch- und Englischunterricht. "Guten Morgen, ruft die Sonne, guten Morgen, ruft das Kind, guten Morgen, ruft die Mutter, guten Morgen ruft der Wind", sagt eines der Kinder zur Begrüßung ein Gedicht auf.

Die Evakuierung

Während es in Deutsch-Mokra, das sie das "Ahnendorf" nennen, nun fast keine Altsalzkammergütler mehr gibt, leben deren einige noch im größeren Königsfeld, das rund 1500 Einwohner zählt. Die Unbilden der staatspolitischen und kriegerischen Spielchen im Laufe der Geschichte haben das Bleiben auch hier freilich zu einer Sache des Herzens gemacht, denn was wollte man nicht schon alles aus ihnen machen? Nach dem Ausgleich von 1867 patriotische Ungarn, nach dem Ersten Weltkrieg tschechoslowakische Staatsbürger, im Zweiten Weltkrieg wieder Ungarn und auch deutsche Krieger. Doch das war erst der Anfang, 1945 fanden die Sowjets, sie seien immer schon Deutsche gewesen und brachten viele von ihnen nach Sibirien; als die Sowjetunion zerfiel, erhielten sie einen ukrainischen Reisepass und eine Reihe neuer Probleme.

Trotzdem blieben manche all die würdelosen Jahre in Königsfeld, wie Elisabeth Kais in ihrem Haus an der Werchowina, dort, wo der Weg hinaufbiegt zum Friedhof, dessen Gräber kaum noch gepflegt werden können. 1944 wurden die meisten Königsfelder und Deutschen der anderen Dörfer nach Thüringen evakuiert. Hitler benötigte tüchtige Arbeitskräfte in der deutschen Industrie. Damals wurden auch die Juden, deren Friedhof heute völlig von Buchen verwachsen ist, von den Nationalsozialisten deportiert.

Viele Altösterreicher blieben in Deutschland, manche kehrten bereits ab 1946 wieder in ihre Heimat zurück, wurden aber nach Sibirien und in den Donbass verschleppt. Plötzlich hatten aber die verbliebenen Deutschen in Königsfeld keine Rechte mehr. "Wenn wir uns in der Reihe um Brot anstellten, kam ein Ukrainer und stellte sich einfach vor uns", erzählt Elisabeth Kais. Nach Stalins Tod 1953 seien sie aus den Gefängnissen und Arbeitslagern zurückgekehrt.

Elisabeth Kais wird nicht mehr fortgehen. Der Fernseher läuft in der Wohnzimmerstube, die alte Frau verfolgt gespannt eine Gerichtsshow auf RTL, doch unser Besuch aus der "Urheimat", wie sie Oberösterreich nennt, bietet heute das bessere Programm. Das Idiom von Elisabeth Kais klingt einem Österreicher vertraut. Sie spricht jene Sprache, die man vor 250 Jahren im Salzkammergut sprach und die sich dort auch in einigen abgeschiedenen Gebieten lange erhalten konnte.

Schlicht und gemütlich

Der Raum mit den von Blumen gezierten hellblauen Wänden, den schwarzweißen und farbigen Erinnerungsbildern, dem holzbeheizten bäuerlichen Küchenofen hat sich die Gemütlichkeit aus einer anderen Zeit herübergerettet. Die Wanduhr geht hier nicht nach Kiew, sondern zeigt die Stunde, die es gerade im Salzkammergut schlägt. Neben dem Bett im Schlafzimmer hängt ein schönes Hochzeitsbild, das ein glückliches Paar zeigt. Das Kleid, erzählt sie mit feierlicher Stimme, sei ihr Nachthemd gewesen, die Mutter habe einfach Spitzen drauf genäht. Aus der Not eine Tugend zu machen, das liege den Menschen hier seit Generationen im Blut. Sie hat einen köstlichen Apfelstrudel gebacken, dessen Rezept ihr die Mutter überliefert habe.

Elisabeth Kais wurde 1933 in Königsfeld geboren. Ihr Vater war Ukrainer, die Mutter hieß Plakinger. Als ihre Mutter, die bereits acht Kinder zur Welt gebracht hatte, im Jahr 1944 mit Zwillingen schwanger war, habe der Vater die Familie wegen einer anderen Frau verlassen. "Er schlachtete noch ein Schwein, nahm sich das beste Fleisch und war auf und davon", erzählt Elisabeth Kais mit gebrochener Stimme. Noch immer wird sie vom Zorn gepackt, wenn sie über ihren Vater spricht. Später habe er ein Gesuch an das Gemeindehaus geschickt. "Er nahmat mei Mama fuat, sie soi ålles verkafn, a Kuah, a Schweindl und die Nahmaschin." Doch die Mutter habe gesagt: "Die Nahmaschin ist mei Brot." Sie habe auf der Gemeinde abgesagt, und so sei man geblieben.

Eine ihrer Schwestern lebe noch in Deutschland, eine zweite wie sie selbst in Königsfeld. Ihr Ehemann, Franz, sei vor zwei Jahren gestorben. Sein Vorfahre Ma-thias Kalsz, ein lediger Holzknecht, zuletzt wohnhaft in Obereck Nr. 2 bei Ischl, habe sich damals unter den Auswanderern befunden, und aus Kalsz sei irgendwann Kais geworden. 23 Jahre lang habe ihr Mann als Lokführer auf der Schmalspurbahn zwischen Königsfeld und Tereswa gedient, auf der man über ein Jahrhundert lang die Baumstämme ins Tal beförderte, ehe durch Hochwasser das plötzliche Ende für die Waldbahn kam.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-15 18:20:13
Letzte ─nderung am 2016-12-16 17:40:41



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