• vom 12.03.2017, 10:00 Uhr

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Technikgeschichte

Rekordfahrten mit links




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Von Thomas Karny

  • Der Tiroler Rennfahrer Otto Mathé hatte nach einem Unfall einen gelähmten rechten Arm - trotzdem war er einer der besten Fahrer der Nachkriegszeit und außerdem ein erfolgreicher Erfinder und Konstrukteur.

Otto Mathé, hier links neben seinem Auto mit dem legendären Kennzeichen T 2222. - © TheSamba

Otto Mathé, hier links neben seinem Auto mit dem legendären Kennzeichen T 2222. © TheSamba



Der Krieg war gerade erst zu Ende, sein hinterlassenes Trümmerfeld unübersehbar, das tägliche Brot karg und vieles nur im Schleichhandel zu erwerben. Das Volk lechzte nach Abwechslung und Unterhaltung und bekam das Erwünschte unter anderem im rasch wiederbelebten Motorrennsport geboten. Autos und Motorräder, die irgendwie den Krieg überstanden hatten und nun wie aus dem Nichts auftauchten, bildeten das Starterfeld in Orten und auf Untergründen, die man auch nur irgendwie dafür geeignet hielt. Man fuhr auf Sand, Gras, zugefrorenen Seen und rund um den Kirchturm.

Information

Thomas Karny, geb. 1964, ist Sozialpädagoge, Autor und Journalist.
Mehrere Buchveröffentlichungen zur Zeit- und Motorsportgeschichte. Lebt
in Graz.

Es gab genügend "Wahnsinnige", die ihr Gerät über die oft schwierig zu passierenden Zonengrenzen quer durch ganz Österreich karrten, um Wochenende für Wochenende in Eisenstadt, Graz, Hallein, Korneuburg, Mattighofen, Rankweil, St. Pölten, Stockerau, Wiener Neustadt, rund ums Wiener Heustadelwasser oder auf diversen Trabrennbahnen gegeneinander in Wettstreit zu treten. Zigtausende Zuschauer drängten sich bei diesen Rennen gegen die oftmals nur symbolische Streckenabsperrung eines in Hüfthöhe gespannten Seils, um sich am Knattern, Kreischen und Dröhnen der Rennfahrzeuge zu begeistern. Unfälle waren unvermeidlich, final Verunglückte wurden noch ganz im Gefühl der kriegsbedingten jahrelangen Todesnähe als unausweichliche Kollateralschäden wahrgenommen.

Symbol und Idol

Was da wettkampfmäßig über die Straßen fegte, war dem Spalier stehenden Publikum die wochenendliche Visualisierung eines Traumes, der in sehr ferner Zukunft erst in Erfüllung gehen sollte. Man wäre froh gewesen, hätte man ein Fahrrad besessen, aber die Sehnsucht galt dem Motorrad oder Auto. Der Rennfahrer stand als personifiziertes Symbol für diese bessere Zukunft und war wahrscheinlich schon allein deshalb ein Idol.

So einer wie der Innsbrucker Otto Mathé. Der rollte 1948 in einem zehn Jahre alten Fiat-Sportwagen zum ersten Innsbrucker Hofgartenrennen an den Start und erreichte nach einem wahren Husarenritt hinter dem auf einem wesentlich jüngeren Fiat-Simca fahrenden italienischen Renn-Ass Luigi Villotti den zweiten Rang. Dieses Ergebnis erntete nicht nur große Bewunderung, weil der Wagen in Eigenregie renntauglich gemacht worden war, denn das waren viele andere auch. Geradezu atemberaubend jedoch war, mit welch physischem, nahezu artistischem Aufwand dieses Ergebnis erzielt worden war. Vor jeder Kurve, vor jeder Verzögerung, vor jeder Beschleunigung konnte man beobachten, wie sich Mathé mit dem Oberkörper gegen das Lenkrad warf, seinen linken Arm vom derart fixierten Volant nahm, durch selbiges hindurchgriff, den Gang wechselte und gleich darauf mit sicherem Griff weiter seine Bahn zog.

Der ehemals erfolgreiche Rad- und Motorradrennfahrer war 1934 bei einem Sandbahnrennen in Graz mit seiner Eigenbau-Maschine böse zu Sturz gekommen und gegen einen Pfosten geprallt. Wenige Tage später teilten die Ärzte dem 27-Jährigen mit, dass sein rechter Arm gelähmt bleiben würde. Fortan bewältigte Mathé sein Leben als Linkshänder, den gelähmten Arm steckte er abgewinkelt unter den linken Teil der Jacke. Ein bisschen erinnerte er damit an Napoleon.

Ein regelrechter Siegeszug setzte ein, nachdem Mathé 1949 von Ferdinand Porsches Sohn Ferry den "Typ 64" erstanden hatte. Der Wagen war zwar etwa gleich alt wie der im Hofgartenrennen eingesetzte Fiat, doch wies er eine stromlinienförmige und darüber hinaus aus Alu gefertigte Karossiere auf und war schon allein dadurch wesentlich leichter und schneller. Ursprünglich war der Wagen für die Wettfahrt von Berlin nach Rom, die 1938 in Anlehnung an das harte Straßenrennen Lüttich-Rom-Lüttich hätte stattfinden sollen, entwickelt worden, doch dieses Rennen kam nie zur Austragung.

Das Siegerfahrzeug

Der Wagen gilt als Vorfahre des Porsche 356 und wurde vom einarmigen Mathé, nachdem er ihn entsprechend seinen Bedürfnissen auf einen Rechtslenker mit linksseitiger Schaltung umgebaut hatte, mit dem legendär gewordenen Autokennzeichen T 2222 von Sieg zu Sieg gefahren. Unter anderem gewann er 1950 die 1200 Kilometer lange "Internationale Österreichische Alpenfahrt", die durch schwieriges, kurvenreiches Gelände führte und nur zu etwa einem Drittel asphaltiert war. Alternativ dazu setzte Mathé einen der ersten in Gmünd gefertigten Serien-Porsche sowie einen Eigenbau-Porsche ein und startete dabei in unterschiedlichen Hubraumklassen. 1952 konnte er bei der berühmten "Stella Alpina" vier von sieben Bergprüfungen für sich entscheiden, gewann 22 Saisonrennen und erstmals die österreichische Meisterschaft.

Es ist vielleicht das Jahr 1953, das den Übergang vom Champion zum Mythos Otto Mathé markiert. Am 18. Oktober jenes Jahres stand zum Aschenbahnrennen in der Wiener Krieau neben den bekannten Wagen ein seltsam geformter Monoposto am Start: eine flach und niedrig ausgeführte Frontpartie, die nicht mehr als ein Beinschutz zu sein schien, und hinter dem tief ausgeschnittenen Cockpit hob sich ein mächtiger Buckel, unter dem sich ein vor der Hinterachse montierter 1500-ccm-Porschemotor verbarg. Die Mittelmotorkonstruktion war zwar nicht unbekannt (Ferdinand Porsche hatte bereits in den Dreißigerjahren die Rennwagen der Auto-Union nach diesem Konzept bauen lassen), doch wirklich durchsetzen wird sie sich im Monoposto-Rennsport erst einige Jahre später. Die Vorder- und Hinterachse entstammten dem Volkswagen, das Chassis war eigenhändig zusammengeschweißt, die ganze Rennflunder wog rund 400 Kilogramm. Mathé fuhr an jenem Tag die gesamte Konkurrenz - egal, ob Cooper oder 2-Liter-Bristol mit dem deutschen Star-Rennfahrer Hans Stuck am Steuer - in Grund und Boden.


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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-10 13:06:05
Letzte ─nderung am 2017-03-10 13:54:30



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