• vom 20.05.2017, 16:00 Uhr

Geschichten


Baby-Expo

Fachdiskurse über Schnuller




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Von Manfred Rebhandl

  • Von Stilldecken aus Baumwolle bis zu High-Tech-Kinderwagen: Eindrücke von der Wiener "Baby Expo".

Früher selten, heute selbstverständlich: Männer auf der Babymesse, hier bei einem Wickelwettbewerb. - © Baby Expo

Früher selten, heute selbstverständlich: Männer auf der Babymesse, hier bei einem Wickelwettbewerb. © Baby Expo



Johannes Breit konnte es vor 16 Jahren selbst nicht glauben, dass noch keiner vor ihm die Idee hatte, eine Messe für Babybedarf zu veranstalten. Bis dahin beglückte er die Partywütigen der Stadt mit den "Wickie, Slime & Paiper"-Clubbings in der benachbarten Halle E, nun ist er Herr über die Babyexpo in der großen Wiener Stadthalle. Er war derjenige, der uns Kindern der 70er Jahre, die wir alle nicht erwachsen werden wollen, das Paiper-Eis zurück- brachte, indem er eine entsprechende Petition startete.

Information

Manfred Rebhandl, geboren 1966, lebt als Journalist und Autor in Wien.

Damals wurde er aber auch zum ersten Mal Vater, Tochter Lina brauchte Windeln, Schnuller, Kinderwagen. Als Breit bei der Industrie nachfragte, ob es Interesse gäbe an einer Endverbrauchermesse, gab es natürlich welches: Er begann mit 50 Ausstellern - und heute sind es 250. Sie kaufen bei ihm 6-m2-Boxen (das kleine Start-up-Unternehmen, dessen Socken den Herzschlag des Babys messen) bis zu 150 m2 große Flächen für prominente Anbieter wie Italiens Kinderwagenkönig, der "als einziger Kinderwagenanbieter noch in Europa produziert", wie mir der Generalvertreter für Österreich später verraten wird.

Babys bis 36 Kilo

Manche derer, die ihn damals auf den Clubbings noch auslachten, weil er plötzlich auf Babyversteher machte, rufen Johannes Breit heute an und wollen eine Eintrittskarte, weil sie das späte Elternglück ereilt hat und sie nicht wissen, wo es Stilldecken aus reiner Baumwolle gibt. Die Eintrittskarten kosten regulär elf Euro, am diesjährigen Muttertag für die ersten 300 Besucherinnen nur sechs.

Schon eine Stunde vor dem Öffnen der Tore bildet sich deswegen eine mehrere hundert Meter lange Schlange: fünf Euro Ersparnis pro Nase! Geld spielt eine Rolle, werde ich in der Folge immer wieder hören. Prospekteverteiler machen sich an die Endkunden heran, die hier von den "Ausstellern ohne Streuverluste" erreicht werden, so Breit. Vor einer möglichen frühen Unterzuckerung bewahrt die Anstehenden "der Hannes" vom Apfelhof im Burgenland, der rote, süße Galaäpfel verteilt und gute Stimmung verbreitet.

Dann schiebt sich die versammelte Elternschaft hinein zu den Ausstellern. Sogleich wird mir ein Schwimmreifen vor die Nase gehalten, den ich meinem Baby um den Hals legen soll, damit es nicht untergeht, aber nur in stillen Gewässern wie der Badewanne. Ein entsprechender Werbefilm zeigt einen Wonneproppen, der mit der umgelegten Halskrause um sein Leben strampelt. Kostet heut nur 15 statt normalerweise 20 Euro und ist für Babys bis 36 Kilo geeignet. Ich sage: "Ich überleg’s mir."

Gleich daneben kriegen zwei stärkere Damen an der Grenze zum Rentenalter Wärmepads um den Hals gelegt, die so funktionieren: Knopf drücken und schütteln, eine Mischung aus Salz und Wasser erhitzt das Teil binnen Sekunden auf "Uiii, das ist echt heiß!"-Temperatur, die Damen streifen den Lappen ab und kühlen ihre Haut. Es gibt ihn auch handtellergroß für die Fäustlinge im Winter. Den Beckengurt gegen die Rückenschmerzen soll ich um 50 Euro kaufen, man sichert mir fünf Jahre Garantie zu - und Rückgaberecht, die Firma sitzt in England. Ich sage: "I think about."

Ob schon einmal ein Kind während der Messe geboren wurde?, frage ich Breit, und der lacht. Nein, er wisse nichts davon, dabei gäbe es keinen geeigneteren Ort als hier: Betten wären vorhanden, Tücher, Windeln, Strampler, und wahrscheinlich würde das Kind mit Werbegeschenken überhäuft werden. Wer also billig an Babyausrüstung kommen möchte, der soll den Geburtstermin für Anfang Mai planen und dann auf einen Blasensprung während des Besuchs bei der Expo hoffen, es sind auch Hebammen da.

Und Ercan. Der sympathische Zopfträger verwickelt gerade die Chefin eines heimischen Schnullererzeugers in ein Fachgespräch über Latex oder Silicon, wobei Latex seiner Meinung nach nicht in Frage kommt - weil zu schnell zu porös! "Ist Geschmackssache", sagt die Chefin, und dann fallen Wörter wie "Saugreflex", "Beruhigungsmittel" und "Einsfünfzig", soviel kostet der Schnuller.

Wissende Väter

Eigentlich bekommt ja Ercans schöne Freundin Havva im September ein Mädchen, aber mit Ercan hat sie sich einen Kindesvater ausgesucht, der bis aufs Kinderkriegen und Stillen wirklich alles kann und weiß, auch Folgendes: Mütter, die nicht stillen können, hätten die Kanäle ihrer Brustwarzen "mit schlechter Unterwäsche" verlegt. Einen Platz in der Klinik haben "sie" natürlich schon längst, sagt er, "dort gibt es mehr Keime, da wird die Tochter gleich abgehärtet!" Ercan erzählt von früher, als sie ganze Bäume, naja, zumindest deren Rinde, die Blätter und das Obst daran gefuttert hätten, was sie ihrerseits abgehärtet hätte. Seinen Bruder vielleicht nicht so sehr wie ihn, der hatte nämlich noch bis zum fünften Lebensjahr einen Schnuller und ließ sich herumtragen. "Der war schlau!", lacht er. Allerdings war der Schnuller aus Latex. . .

"Zehn bis 15 Prozent der Babys", höre ich dann noch, "nehmen überhaupt keinen Schnuller", und sie nehmen ihren Eltern dadurch zumindest eine von vielen wichtigen Entscheidungen ab: Ercan hat zum Beispiel gerade vorhin einen Regenschutz für den Kinderwagen gesehen, der laut Internet zu viel Naphthalin enthält. Naphthalin: Farbloser Feststoff mit der Summenformel C10H8. Zwar sieht auch Ercan ein, dass das Teil eigentlich unbedenklich wäre, aber er wird trotzdem einen anderen kaufen, mit weniger C10H8 drinnen. Kostet ein bisschen was, aber das haben er und Havva beim Kinderwagenkauf gespart, weil der auf Rang sechs in der Internetrangliste ihrer Meinung nach der beste war und mit 350 Euro deutlich billiger als der SUV auf Nummer eins für 1300,-. Geld spielt eine Rolle.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-19 13:33:14
Letzte nderung am 2017-05-19 13:44:52



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