• vom 26.05.2017, 18:00 Uhr

Geschichten


Technikgeschichte

Die Lust am schnellen Aufstieg




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Von Peter Payer

  • Hohe Türme mit Aufzügen zählten in vielen Städten schon im 19. Jahrhundert zu den großen Attraktionen. Wien hat sich erst in den 1960er Jahren mit dem Donauturm diesem Trend angeschlossen.



Der Donauturm mit seinem Hochleistungslift, Werbezeichnung der Firma Sowitsch, 1964.

Der Donauturm mit seinem Hochleistungslift, Werbezeichnung der Firma Sowitsch, 1964.© Peter Payer/Christian Lintl Der Donauturm mit seinem Hochleistungslift, Werbezeichnung der Firma Sowitsch, 1964.© Peter Payer/Christian Lintl

Dass frei stehende Stadtaufzüge zu einer Sehenswürdigkeit werden können, hatte sich schon im 19. Jahrhundert abgezeichnet. Der älteste von ihnen, Elevador Hidráulico da Conceição (Elevador Lacerda) im brasilianischen Salvador, entstand bereits im Jahr 1873. Der berühmteste, der Eiffelturm in Paris, 1889 fertiggestellt und 324 Meter hoch, avancierte zur Stadtikone schlechthin.

Andere Städte folgten diesen Beispielen: Stockholm mit dem Freiluftaufzug Katharinahissen (1883), Salzburg mit dem Aufzug auf den Mönchsberg (1890), Prag mit dem Aufzugsturm Petřín (1891), Lissabon mit Elevador de Santa Justa (1902) oder Berlin mit dem Funkturm (1926). Sie alle wurden zu vielbenutzen Anlagen, spiegelten auf jeweils eigene Weise die technische Entwicklung und die Faszination dieser Hebevorrichtungen wider. Während manche rein als Aussichtstürme konzipiert waren, überbrückten andere zusätzlich Niveauunterschiede zwischen einzelnen Stadtteilen, hatten also auch eine wichtige Verkehrsfunktion.

Information

Peter Payer, geboren 1962, Historiker und Stadtforscher, Kurator im Technischen Museum Wien. Zahlreiche Publikationen, zuletzt "Auf und Ab. Eine Kulturgeschichte des Aufzugs in Wien" (2017).

In Wien stellte lediglich das Riesenrad, 65 Meter hoch und damals ebenfalls eine neue Art des Emporhebens, eine vergleichbare Sehenswürdigkeit dar. Bei seiner Eröffnung im Juli 1897 schrieb die "Neue Freie Presse" begeistert: "In ruhiger, vollkommen gleichmäßiger, durch keinerlei Erschütterung gestörter Fahrt erhebt sich der Wagen, und selbst Personen, die, wie der landläufige Ausdruck lautet, an ‚Schwindel’ leiden, können die Fahrt ohne irgend welches Unbehagen machen. Langsam, gleichmäßig steigt der Wagen und immer weiter und freier wird der Ausblick auf den Prater und sein Menschengewoge, und endlich auf die Stadt selbst, die förmlich greifbar erscheint."

Nachkriegs-Neuerung

Angesichts dieses liftähnlichen Erlebnisses stand ein richtiger Stadtaufzug, wie in anderen Me-tropolen, lange Zeit nicht zur Diskussion. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg zeichnete sich eine Änderung ab: Der 68 Meter hohe Nordturm (Adlerturm) des Stephansdoms erhielt in den 1950er Jahren einen Aufzug der Firma Sowitsch, mit dem die Besucher zu einer Aussichtsplattform fahren konnten.

Anfang der 1960er Jahre, im Zuge der Vorbereitungen zur Wiener Internationalen Gartenschau (WIG 64), bot sich sodann Gelegenheit für eine wirklich spektakuläre Elevation. Jenseits der Donau, auf dem Gelände des Donauparks, entstand Europas größte florale Freiluftausstellung, ein Versuch der Nachkriegszeit, Wien wieder auf der internationalen Landkarte zu positionieren. Neben dem Blütenzauber von tausenden Sträuchern und Blumen wurden auf dem Gelände auch neue Formen der Mobilität präsentiert: So konnte man mit einem Sessellift elegant durch die Lüfte schweben, mit der Kleinbahn oder eigenen Motor-Rikschas herumfahren - oder mit dem Express-Aufzug den Donauturm hinauffahren.

Der Donauturm, errichtet nach Mustern in Stuttgart und Dortmund, sollte zum weithin sichtbaren Erkennungszeichen der Großveranstaltung werden. Im Unterschied zu den Vorbildern war er jedoch kein Fernsehturm, sondern ausschließlich Aussichtsturm und Landmark für das städtebauliche Entwicklungsgebiet jenseits der Donau.

Nach Plänen des Architekten Hannes Lintl und des Statikers Robert Krapfenbauer wurde am 1. August 1962 mit den Bauarbeiten begonnen. Der Turm bestand aus einem 181 Meter hohen, konisch verlaufenden Stahlbetonschaft, gefolgt von einem Stahlmast bis zu einer Gesamthöhe von 252 Metern. Stolz berichteten die Zeitungen, dass der Donauturm somit der höchste Turm Wiens und Österreichs (bis dahin war dies der Stephansdom) und der zweithöchste Turm Europas sein werde. Eine eigene Errichtungs- und Betreibergesellschaft wurde gegründet, an der die Zentralsparkasse der Gemeinde Wien (95 Prozent) und die Brauerei Schwechat (5 Prozent) beteiligt waren.

Die Eröffnung erfolgte nach knapp zweijähriger Bauzeit am 16. April 1964. In dem Schaft fuhren fortan zwei Personenaufzüge, fünf Kleinlastenaufzüge und ein hydraulischer Aufzug, alle hergestellt von der Wiener Firma Sowitsch, die damit ein wichtiges Prestigeprojekt realisieren konnte. Das seit 1914 bestehende Unternehmen hatte gerade seinen Produktionsstandort am Wienerberg ausgeweitet und stand im harten Wettbewerb mit den übrigen Wiener Aufzugsfirmen, allen voran Freissler und Wertheim.

Die Geschwindigkeit der beiden Personenaufzüge war sensa-tionell: Mit 6,2 Meter pro Sekunde stellten sie die damals schnellsten Lifte Europas dar. Innerhalb von nur 24 Sekunden erreichte man die 150 Meter hoch gelegene Aussichtsterrasse. Über eine weitere Liftstation konnte man von dort in das darüber liegende Zentralgeschoß (165 Meter) fahren. Von hier gelangte man wahlweise in das Café oder das Restaurant, die sich jeweils - eine weitere technische Besonderheit - langsam im Kreis drehten und so einen bequemen Rundumblick ermöglichten.

Doppeldeckeraufzug

Eine Liftkabine konnte bis zu 14 Personen befördern, die stündliche Förderleistung beider Aufzüge zusammen betrug 800 Personen in jeder Richtung. Zur reibungslosen Abwicklung des Verkehrs wurden die Kabinentüren gegenüberliegend angeordnet (Durchlader), sodass ein- und aussteigende Fahrgäste einander nicht behinderten. Bei starkem Wind reduzierte man die Geschwindigkeit auf 2,5 Meter pro Sekunde, da die Schwankung des Turmes die Aufzugskabel zu sehr bewegte. Und noch eine weitere Besonderheit gab es: Der linke Aufzug war - erstmalig in Österreich - als Doppeldeckeraufzug ausgeführt. Während im Oberdeck Personen transportiert wurden, gelangten zeitgleich im Unterdeck die Mahlzeiten von der im Keller gelegenen Küche ins Restaurant.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-26 12:57:06
Letzte ─nderung am 2017-05-26 13:09:31



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