• vom 11.06.2017, 15:00 Uhr

Geschichten


Glanz der Warenhäuser

Eine Kathedrale des Handels




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Von Ingeborg Waldinger

  • Das Pariser Warenhaus "La Samaritaine" war jahrzehntelang ein Zentrum des niveauvollen Konsums. Ein Blick in die Kulturgeschichte der Welt des schönen Scheins.

Das Kaufhaus ist ein Blickfang in Paris, steht aber heutzutage leer.  - © Adrian Scottow/ Wikimedia Commons

Das Kaufhaus ist ein Blickfang in Paris, steht aber heutzutage leer.  © Adrian Scottow/ Wikimedia Commons

An der westfranzösischen Atlantikküste, vor den Toren von La Rochelle, erstreckt sich die Île de Ré. Als Ernest Cognacq am 2. Oktober 1839 im Hauptort Saint-Martin-de-Ré geboren wird, gilt die vom Salz- und Weinhandel lebende Insel in Paris als "exotische Provinz". Erst anderthalb Jahrhunderte später sollte das bäuerlich-archaische Ré die Metamorphose zur schicken Feriendestination der Pariser Gesellschaft vollziehen. Die Migration vom Rand ins Zentrum setzte - aus anderen Motiven - weitaus früher ein.

Ernest Cognacq wächst als Halbwaise bei seinem Vater auf, einem Amtschreiber im Handelsgericht von Saint-Martin. Dieser stirbt, als der Sohn gerade einmal zwölf Jahre alt ist. Ganz auf sich gestellt, verlässt Ernest die Schule und bringt sich in La Rochelle, Rochefort oder Bordeaux als "calicot" durch, als Gehilfe in Modewarengeschäften. (Die Bezeichnung calicot geht auf die - nach der indischen Stadt Kalkutta benannte - Baumwollsorte Kalikot zurück.)

Information

Ingeborg Waldinger, geb. 1956, Romanistin und Germanistin, ist Redakteurin im "extra" der Wiener Zeitung und literarische Übersetzerin.

Doch bald drängt es den aufgeweckten Jungen in die große weite Welt. Den Traum der Pariser Weltausstellung 1855 vor Augen, macht er sich auf den Weg in die Metropole und heuert in den "Galeries du Louvre" (später: "Grands Magasins du Louvre", heute: "Le Louvre des Antiquaires") an, die im Erdgeschoss der eben eröffneten 700-Betten-Luxusherberge "Hôtel du Louvre" Einzug gehalten haben.

Die Karriere währt kurz, Meinungsverschiedenheiten mit Kollegen kosten Ernest den Job. Als ein Niemand aus der Provinz hat er schlechte Karten und kehrt vorerst nach La Rochelle zurück. Doch der Reiz des großen Warenzaubers und der Ehrgeiz, in der Welt des Handels zu reüssieren, sind stärker. Ernest wird Wirtschaftsgeschichte schreiben - als Gründer des Pariser Warenhauses "La Samaritaine".

Konsum als Erlebnis

Die "Kathedralen des Handels" sind eine Chiffre der Moderne. Sie repräsentieren eine völlig neue Form des Wirtschaftens und des Konsums. Die Industrialisierung ermöglicht die Massenproduktion von Waren, die Eisenbahn deren zügige Beförderung wie auch eine höhere Mobilität der Kunden. Die neuen Großkaufhäuser bringen den Detailhandel in Bedrängnis und inszenieren den Konsum als Erlebnis. Eine avantgardistische Stahl-Glas-Architektur überspannt gigantische, lichtdurchflutete Verkaufsräume; und dunkelt es, rücken elektrische Lampen das üppige Angebot ins Rampenlicht. Eine Weltausstellung en miniature, gewissermaßen, deren Tore ganzjährig geöffnet bleiben.

Die Auswahl an Waren ist enorm. Sie reicht vom Luxusobjekt bis zur billigen Massenware, wird auf Plakaten, in Kalendern oder per Katalog beworben. Immer neue Kollektionen und Aktionen locken Besucher in Scharen. Sie flanieren, ganz ohne Kaufzwang. Doch sie konsumieren reichlich. Immer neue Tempel entstehen: "Le Bon Marché", die "Grands Magasins du Louvre", "Le Printemps", "La Samaritaine", "Les Galeries Lafayette", um nur einige der legendären Pariser Grands Magasins zu nennen.

Die kapitalistische Marktwirtschaft beschleunigt den Umlauf des Geldes und den Umschlag der Waren. Produzenten wie Händler vertrauen auf das freie Wechselspiel von Angebot und Nachfrage - und auf das unerschöpfliche Potential des Marktes. Sie setzen viel Geld ein - und immer mehr Fremdkapital, dessen Zinsen es erst zu verdienen gilt. Damit kommt jene "Wachstumsspirale" in Gang, deren Zwänge schon die Kapitalismuskritiker der Gründerzeit auf den Plan rufen.

Neue Unternehmer

Die Industrielle Revolution bedingt auch einen breiten gesellschaftlichen Wandel. Sie bringt einen dynamischen Unternehmertypus hervor, und, mit den Angestellten, einen neuen Mittelstand. Abertausende Menschen fliehen die Armut ländlicher Gebiete, um in den Zentren der Produktion und des Handels ihr Glück zu versuchen. Auch Ernest Cognacq wagt einen weiteren Anlauf. Diesmal findet er Arbeit im Pariser Großkaufhaus "La Nouvelle Héloïse", wo er seine spätere Frau, die aus Ober-Savoyen stammende Marie-Louise Jay kennen lernt. Es folgen weitere dürre Jahre.

Ernest absolviert mehrere Arbeitsstationen, etwa im noblen Kaufhaus "Au Tapis Rouge", ehe er 1867 in einem Speicher der Rue Turbigo seinen Textilstand "Au petit Bénéfice" eröffnet. Über dem Hangar-Eingang lockt ein Transparent mit der Losung: "Hier zahlt man keine Luxussteuer". Vielleicht ist der Firmenname unglücklich gewählt, denn der "Bénéfice", der Gewinn erweist sich als gar zu klein, und Cognacq geht in Konkurs. Wieder beginnt er von vorne, als fliegender Händler quer durch Frankreich.

Dann der dritte Versuch in Paris. Der Kaufmann präsentiert sein Stoffsortiment nun in einer Nische des Pont Neuf, auf Kisten mit rotem Baumwollbezug. Alsbald trägt ihm sein Geschäftssinn den Beinamen "Napoleon des Straßenhandels" ein. Auf eben dieser Brücke befand sich einst ein hydraulisches Pumpwerk, das den Louvre und Umgebung mit Seine-Wasser versorgte. Im Volksmund hieß das 1813 zerstörte Pumpengebäude "La Samaritaine" - wegen seines Reliefs, das Jesus und die Samariterin am Jakobsbrunnen zeigte. Ganz nahe jener Stelle hatte Ernest Cognacq seinen Verkaufsstand aufgebaut.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-08 17:56:09
Letzte ─nderung am 2017-06-08 18:18:50



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