• vom 22.07.2017, 12:00 Uhr

Geschichten


Reisenotizen

Unter der Glasur eines Märchens




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Von Richard Swartz

  • Asiatische Touristen, böhmisches Bier, deutscher Spargel und dunkle Hotelzimmer - Notizen von einer Reise durch Zentraleuropa.





Wisse er vielleicht, ob Herr Deim in Freistadt noch lebe?

Das war meine Frage. Und ob, sagte er. Sonntags komme er oft hier zum Mittagessen vorbei.

Das fand ich sonderbar. Besaß Herr Deim doch selbst das schönste Schankzimmer im gesamten Mühlviertel. Aber dann fiel mir ein, dass er seinen Gasthof längst verkauft hatte, und wohl deshalb nicht in seinem alten Lokal speiste, weil er nicht schon bei der Rindsuppe daran erinnert werden wollte.

Der Wirt hatte sich zu mir gesetzt und erzählte von den Enten in Böhmen. Die seien groß. Höchstens eine halbe Ente bestellen! Ein Freund von ihm, ein Radfahrer, hatte nach einer anstrengenden Tagesetappe durch den Böhmerwald großen Hunger, und deshalb eine ganze Ente bestellt. Zwei Portionen mit jeweils einem halben Vogel auf dem Teller.

Windkraftwerke: Bäume aus einem Märchenwald, von Riesen bewohnt . . .

Windkraftwerke: Bäume aus einem Märchenwald, von Riesen bewohnt . . .© Norbert Breuer/EyeEm Windkraftwerke: Bäume aus einem Märchenwald, von Riesen bewohnt . . .© Norbert Breuer/EyeEm

Der Freund war klein und drahtig, so wie alle wirklich guten Radfahrer, aber mit der böhmischen Ente hatte er sich übernommen. Bald wurde er abgehängt; die zweite Hälfte ging zurück in die Küche.

Der Giro d’Italia wird immer von denselben kleinen und drahtigen Typen gewonnen, sagte der Wirt.

Die Tour de France auch, sagte ich.

Stimmt, meinte der Wirt. Wenn die vom Rad steigen, reichen sie oft nicht einmal bis zum Sattel.

Brauhaus als Tempel

Im Eggenberger Brauhaus in Ceský Krumlov ist auch mein Hunger groß, aber die Enten sind noch größer. Auch für die Japaner. Oder sie sind Koreaner, vielleicht sogar Chinesen; in Europa verschwinden solche Unterschiede, wenigstens für uns, die hier zu Hause sind. Die kleine böhmische Stadt ist voll von asiatischen Touristen, die sich wie ein kollektives Wesen durch die engen Gassen schlängeln.

Das Brauhaus ist ein Tempel, den man dem Bier gewidmet hat. Die rostfreie Theke ist der Altar, in Bierschaum schwimmend. Statt dem Kelch herrscht hier der Krug. Die asiatischen Touristen werden an zwei langen Tischen platziert, und ihre Führerinnen, zwei fili-grane, trippelnde Mädchen, eilen danach sofort zur Theke.

Das kollektive Wesen vertreibt sich die Wartezeit damit, Fotos zu machen. Zu Individuen wird es erst durch Kamera und Mobiltelefon, erobert damit eine Art Einsamkeit, die wir Europäer auch ohne elektronische Geräte besitzen. Die beiden Mädchen inspizieren mit Augen und Nase alles, was aus der Küche getragen wird. Auf die Salatteller wird etwas aus einem kleinen Plastikbeutel gespritzt, den eines der beiden Mädchen aus seiner Handtasche zieht.

Information

Richard Swartz,geboren 1945 in Stockholm, war viele Jahre lang Osteuropa-Korrespondent für internationale Zeitungen und lebt nun als Schriftsteller u.a. in Wien, Zagreb und Istrien. Zuletzt sind von ihm folgende Bücher erschienen: "Wiener Flohmarktleben" (Zsolnay, 2015); "Blut, Boden & Geld. Eine kroatische Familiengeschichte" (S. Fischer, 2016).

Europa? Alles schön und gut, aber nicht zu viel davon.

Was die asiatischen Touristen von Europa mitbekommen, lässt sich nicht so genau sagen. Sicher ist wohl aber, dass sie hier nur erleben, was sie schon im Voraus entschieden haben zu erleben. Die Ente bestellen sie nicht. Nur ein kleines Bier wird ab und zu bestellt, was hier fast einem Sakrileg gleichkommt.

Dafür wird umso fleißiger fotografiert, nicht um ein Stück Europa festzuhalten, sondern das japanische, koreanische oder chinesische Bild davon zu bestätigen: ein Museum, irgendetwas, was einst war, ohne sich heute bewusst zu sein, dass es nicht mehr ist.

Entmannte Tatkraft

Bautzen ist berühmt für seinen Senf und berüchtigt für ein heutzutage geschlossenes Gefängnis, mit dem man während der kommunistischen Zeit nicht nur Kinder erschrecken konnte.

Und wofür noch?

Für Napoleon vielleicht. Hier stand er in einem nicht ganz geraden Turm, um die Vorposten- oder Rückzugskämpfe rund um die große Völkerschlacht bei Leipzig zu verfolgen. Hat sich für ihn nicht gelohnt. Solche Kämpfe am Rande des eigentlichen Geschehens muss man sich als blutige Gezeiten vorstellen, ein leichtes Sinken und Heben, eine fast unsichtbare Bewegung in der Landschaft, wie der röchelnde Atem eines schwer verwundeten Riesentieres. Die Landschaft aber nimmt davon keine Notiz.

Leipzig war bis zum Ersten Weltkrieg die größte Schlacht der Geschichte. Die zweitgrößte wurde nicht weit von hier, 1866 bei Königgrätz, ausgefochten. Da war aber Napoleon längst tot.

In Bautzen lasse ich mein Haar schneiden. Die Friseurin sagt, es sei einfacher mit Herren als mit Frauen zu arbeiten. Herren sind fast immer mit dem Resultat zufrieden. Im Friseursalon sind sie viel demütiger und nicht so aggressiv wie sonst.

Wie schon Samson, sage ich.

Samson kennt sie nicht.

Ohne Haar sind wir Männer alle Schlappschwänze, sage ich.

Plötzlich klingelt ihr Mobiltelefon. Jetzt wird sorbisch gesprochen, ich verstehe nicht viel, und sobald sie fertig ist, bestätigt sie meine Vermutung: Ja, sorbisch (früher auch wendisch genannt, westslawische Sprache, hauptsächlich in der Lausitz beheimatet, Anm.) ist ihre Muttersprache. Es muss wohl stimmen, obwohl sie sogar ihre Muttersprache mit demselben Akzent spricht, den fast alle Deutschen verwenden, wenn sie eine fremde, slawische Sprache in den Mund nehmen.

Na, was sagen Sie jetzt, fragt sie und lässt mich in den Handspiegel schauen.

Wunderschön!

Und rings um mich ist der Fußboden mit entmannter Tatkraft bestreut.

Schweden in Volkach

Ohne darum zu bitten, kriege ich in Volkach Hilfe beim Einparken. Der ältere Herr bemüht sich sehr, ist sogar rasiert und nüchtern.


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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-20 17:15:12
Letzte nderung am 2017-07-21 17:29:34



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