• vom 13.08.2017, 12:30 Uhr

Geschichten


Plakatkunst

Leitbilder der Sehnsucht




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Von Ingeborg Waldinger

  • Der altösterreichische Plakat-Künstler Anton Reckziegel hat die Tourismus-Werbung der Schweiz nachhaltig geprägt.



Schöpfer harmonischer Ikonen: Anton Reckziegel.

Schöpfer harmonischer Ikonen: Anton Reckziegel.© Verlag Schöpfer harmonischer Ikonen: Anton Reckziegel.© Verlag

Reisen ist, mit Kurt Tucholsky gesprochen, die Sehnsucht nach dem Leben. Im Umkehrschluss hieße das: Wir leben nicht, wir existieren nur. Den Takt schlagen andere. Reisen beginnt also mit einem großen Traum: mit dem Traum von Überschreitung des Alltags, seiner Spielregeln, Zeitkorsette und Hie-rarchien. Auf Reisen, so die Wunschvorstellung, ist alles anders: da verwischen die sozialen Grenzen, da regieren Muße, Sinnenfreude, Feierlaune. Ein Ausnahmezustand, in dem Genuss und Abenteuer sich aufs Wundersamste verbinden.

Diese Fantasie speist sich aus Narrativen und Bilderwelten quer durch die Genres und Jahrhunderte, - und wird von einer Branche gezielt (kommerziell) bedient: der Tourismuswerbung. Die Breiten- und Tiefenwirksamkeit ihrer Hochglanzbilder wird längst via Film und Fernsehen, das Internet und die Sozialen Medien erzielt. Daneben hält sich noch das altbewährte Werbe-Medium Katalog.

Das Tourismus-Plakat hingegen ist weitgehend Geschichte. Es hatte sich vor Jahrhunderten aus den öffentlichen Kundmachungen entwickelt. Das Bild verdrängte zunehmend den Text und wurde zum Hauptträger der Werbe-Botschaft. Die technischen Voraussetzungen für die vielfarbigen Großformate bot die Lithografie etwa ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Zu jener Zeit also, da das Reisen als Selbstzweck langsam an Breite gewann. Ein Massenprogramm war es noch lange nicht.

Eines der ersten Sehnsuchtsziele war die Schweiz. Als ein Pionier ihrer visuellen Reisewerbung gilt der Altösterreicher Anton Reckziegel. Seine Kunstplakate haben das touristische Schweiz-Bild nachhaltig geprägt. Auf sein Schaffen kommen wir noch ausführlich zu sprechen.



Information

Ausstellungen:
"Macht Ferien!" Schweizer Tourismuswerbung (Plakate, Fotografien, Filme). November 2017 bis Juni 2018 im Verkehrshaus Luzern.
"Fremdvertraut. Außensichten auf die Schweiz". Das Land als Quelle der Inspiration für international renommierte Fotografen. 25. 10. 2017 - 7. 1. 2018, Musée de L’Élysée, Lausanne.

Bildband:
Urs Kneubühl/Agathon Aerni (Hrsg.): "Reklamekunst und Reiseträume. Anton Reckziegel und die Frühzeit des Tourismusplakats". Scheidegger & Spiess, Zürich 2017, 160 Seiten, 58,- Euro.

Schweiz Tourismus:
www.myswitzerland.com

Ingeborg Waldinger, Romanistin und Germanistin, ist Redakteurin im "extra" der Wiener Zeitung und literarische Übersetzerin.

Befeuert wurde der Schweiz-Hype unter Europas Reisenden zunächst aber nicht durch Werbe-Plakate, sondern durch die Literatur, u.a. das Monumentalgedicht "Die Alpen" des Zürcher Gelehrten Albrecht von Haller (1729) und den Briefroman "Julie oder die Neue Héloïse" des Genfer Philosophen und Schriftstellers Jean-Jacques Rousseau (1761). Haller idealisiert das Bergvolk und stilisiert die Alpen zu mythischen Hochlagen des Widerstands-/Nationalgeistes. Das war eine unverhohlene Kritik an der Feudalherrschaft. (Die Helvetische Republik wurde erst 1798, nach vielen Aufständen gegen die Herrschenden, gegründet). Hallers Poem weckte die Neugier auf diesen Hort der Freiheit - und auf die spektakuläre Hochgebirgsnatur.

Auch Rousseaus Briefroman "Julie oder die Neue Héloïse" feiert die alpine Urkraft; die Hauptbühne des Liebesdramas zwischen dem bürgerlichen Hauslehrer Saint-Preux und der adeligen Julie d’Étanges aber bildet der Genfersee. Das Buch wurde ein Bestseller, seine Schauplätze zu Pilgerzielen der empfindsamen Reise-Elite. Selbst den Geheimrat aus Weimar fasste es dort ans Gemüt.

Dreimal bereiste Goethe die Schweiz. Er kämpfte sich mehrmals den Gotthardpass hinauf, um zu erahnen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Wie untrennbar für ihn auf diesen Touren Schauder und Erhebung beieinander lagen, ist in Adolf Muschgs neuer Erzählung "Der weiße Freitag" nachzulesen.

Neben den Dichtern (und Malern) lenkte bald auch der Alpinismus die Sehnsucht Richtung Alpen; Erstbesteigungen der höchsten Gipfel hatten Signalwirkung (z.B. Jungfrau im Jahr 1811), Sportsgeist und Abenteuerlust obsiegten über die alte Angst vor dem Hochgebirge.

Lange Zeit nur Durchgangsland auf der Grand Tour in den Süden, war die Schweiz nun also selbst zum Reiseziel geworden. Schon um 1830 befuhren Dampfschiffe die großen Seen. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschlossen Eisenbahnlinien Region um Region, und kühne Tragseil- bzw. Zahnradbahnen das Hochgebirge. Das Hotelangebot entwickelte sich rasch, erste Grandhotels entstanden. Johannes Badrutt legte 1864 mit seinem luxuriösen Kulm Hotel in Sankt Moritz den Grundstein für den Schweizer Wintertourismus: Er umwarb seine britischen Sommergäste mit einer Wette: Der Moritzer Winterzauber biete stets auch milde Tage; bei Nichtzutreffen übernehme er, Badrutt, die Reisekosten.

Sein Wettbudget blieb unangetastet, die Briten kamen - und blieben bis Ostern. Die Kulturkritik an der Kommerzialisierung der Bergnatur ließ nicht lange auf sich warten: Alphonse Daudet etwa machte die "prunkvolle Karawanserei" Rigi Kulm zur Bühne seiner Satire "Tartarin in den Alpen".

Pionier des Reiseplakats

Ihre Blütezeit erlebten die Grandhotels in der Belle Époque. Genau in diese Zeit fiel auch die Tätigkeit des Plakatkünstlers Anton Reckziegel für den Schweizer Fremdenverkehr. Eine Ausstellung im Alpinen Museum der Schweiz in Bern jüngst und ein prächtiger Begleit-Bildband des Zürcher Verlags Scheidegger & Spieß zur Ausstellung würdigen sein Werk und stellen es in den Kontext der Entwicklungen in Kunst, Drucktechnik und des Tourismusmarketings seiner Zeit. In den Jahren 1893-1909 prägte Reckziegel "die Sprache des jungen Mediums Plakat wie kein Zweiter", erklärt Beat Höchler, Direktor des Alpinen Museums Schweiz, im Vorwort.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-10 18:03:08
Letzte ─nderung am 2017-08-11 16:38:08



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