• vom 19.08.2017, 15:00 Uhr

Geschichten


Feuerwerkskunst

Krachende Romantik




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Elisabeth Hewson

  • Die Kunst, ein Feuerwerk zu inszenieren, hat eine lange, internationale Tradition. Zurzeit treten in Hannover die besten Feuerwerker gegeneinander an, darunter auch ein österreicherisches Team.



Ein großes Feuerwerk - wie dieses in Hannover - rührt jeden Menschen an.

Ein großes Feuerwerk - wie dieses in Hannover - rührt jeden Menschen an.© Hewson Ein großes Feuerwerk - wie dieses in Hannover - rührt jeden Menschen an.© Hewson

". . . und sie fallen einander in die Arme für den Kuss, den man nie vergisst" - während im Hintergrund Sternengarben, Leuchtblumen und Glitzerfälle den Himmel bemalen. DasHappy End schlechthin, der Höhepunkt jedes fulminanten Festes. Ob Kinder oder Großpapa, ob Rocker oder Opernfan, ein Feuerwerk rührt jeden. Berühmt sind die Feuerwerke zum amerikanischen Unabhängigkeitstag, die Osterfeuerwerke in südlichen Ländern, in Valencia, wo es Anfang März ein recht ungewöhnliches Tageslichtfeuerwerk gibt, und natürlich der Event "Rhein in Flammen", "Kölner Lichter", das "Zürich Fest" mit einer Million Zuschauer jährlich und - unser Donauinselfest.

Information

Der "27. Internationale Feuerwerkswettbewerb"in Hannover dauert noch bis 16. 9. 2017. Die Auftritte von Spanien und Österreich haben bereits stattgefunden, am 19. August zeigt das englische Team sein Können, am 2. September das polnische und am 16. 9. schließlich das Team der USA. Danach wird der Sieger bekannt gegeben.

Elisabeth Hewson
lebt als Journalistin und Autorin in Wien.

Begonnen hat es mit viel Krach und Rauch in China, aber die Romantik einer aufblitzenden Himmelsbeleuchtung haben wir den Italienern zu verdanken, die 1379 mit Schwarzpulver eine neue Kunst erfanden, die Pyromantik. Diese "Blumen aus Feuer", wie man sie in Japan nennt, spiegelten später die Barockgärten für illustre Gäste am Himmel wider, repräsentierten Macht und Reichtum, und erzählten schließlich ganze Geschichten - später sogar dem gemeinen Volk.

Wiener Kunststücke

In Wien wurde Anfang des 18. Jahrhunderts bereits kräftig gezündelt. In der Klosterneuburger Au und in der Spittelau wurden Kunstfeuerwerke in den Sommer- und Herbstmonaten als beliebte Abendunterhaltung geboten, und schließlich durfte man auch im ehemals nur dem Adel vorbehaltenen Prater und im Augarten das Volk belustigen.

Der berühmteste Pyromantiker (übrigens ja nicht zu verwechseln mit einem Pyromanen, einem pathologischen Brandstifter) war Johann Georg Stuwer, der sich "k. k. privilegierter Kunst- und Lustfeuerwerker" nennen und 1773 sein erstes Kunststück zeigen durfte. Das begeisterte die Wiener derartig, dass schließlich 40.000 Zuschauer die Straßen zum Prater völlig verstopften. Seine Konkurrenten, selbst berühmte wie Girandolini und Mellina, mussten dem Marketing-Genie Stuwer Platz machen.

Andere versagten einfach jämmerlich vor dem kritischen Wiener Publikum, wie ein gewisser Tobias Heim, den die Zeitungskritiker erbarmungslos zerrissen:
". . . hatte die Unverschämtheit, das Publikum zu einer Armseligkeit im Prater zu locken, die er für nichts Geringeres als für ein in Wien noch nie gesehenes chinesisches Luftfeuerwerk ankündigte
. . . eine in Wien noch nie gesehene Erbärmlichkeit."

Johann Georg Stuwer, als Stubenrauch (sic!) in Deutschland geboren, hatte die interessanteren Titel und Themen zu bieten, konnte sich den beliebten Freitag als Vorführtag sichern, und ließ es, ganz nach Wiener Geschmack, besonders laut krachen. Josef II. erlaubte ihm Veranstaltungen im Bereich der heutigen Stuwerstraße und hinter der Venediger Au, heute "Feuerwerkswiese". Dort errichtete er ein riesiges Gerüst und eine Zusehertribüne und kassierte allabendlich ein wahres Vermögen. Auf den Ankündigungszetteln wurden ganze Theaterstücke, Schlachten oder Romandarstellungen versprochen, die man kaum ohne diese "Gebrauchsanweisung" und nur mit viel Phantasie erkennen konnte.

Aber die Wiener konnten nicht genug bekommen von "Der feuerspeuende Berg Vesuv in seinem vollen Ausbruche" oder "Orpheus Taten im Reich der Toten", von "Phaetons Sturz aus dem Sonnenwagen" oder "Was der rauhe Winter entzieht, ersetzt der wohltätige Frühling".

Die Darstellung von "Werthers Leiden. Frei nach Göthe" war Stuwer wohl weniger geglückt: "Werthers kurze, dünne Beine standen in merklichem Kontrast zu seinem kürbisgroßen Kopf und dem fassförmigen Bauch, er rollte furchtbar mit den Augen, und dass er ein Schwärmer war, wurde durch die hinter ihm fortwährend aufsteigenden ‚feurigen Schwärmer‘ verdeutlicht . . ." schildert ein Augenzeuge und meint: ". . . ein unfreiwilliger Lacherfolg." Aber doch ein Erfolg.

Die Konkurrenz in der Pyromantik ist auch heute groß und international, und so gibt es etliche Wettbewerbe, bei denen man sich in der Himmelsbemalung mit Kollegen messen kann: In Montreal kann man beim "L’International des Feux Loto-Québec" seit 1985 andere Feuerwerker in den Schatten stellen, seit 2006 in Berlin bei der "Pyronale". So auch in Hannover, wo seit 1991 ein "Internationaler Feuerwerkswettbewerb" in den Herrenhäuser Gärten ausgetragen wird, an dem heuer auch Österreich teilgenommen hat. Ab 18 Uhr strömen dort die Zuschauer in den Park, machen es sich mit Picknick-Körben auf Decken bequem und werden mit Clowns, Reitvorführungen und Stelzenfiguren, mit Bier-, Sekt- und Eisstandeln bis zum Feuerfinale unterhalten.

Fünf Nationen, die eine Jury aus fast hundert Bewerbern auswählt, dürfen ihre pyromantischen Künste in den Nachthimmel sprühen, begleitet von Musik und allerlei Spektakel. "Feuerwerksgeschichten", neudeutsch "Pyromusical", werden sie genannt, denn zu jeder Vorführung gehört ein Thema, das sich die Teilnehmer selbst aussuchen dürfen. Nach der "Pflicht", einem vorgegebenen Musikstück, etwa vier Minuten lang (heuer ist es Sibe- lius mit "Finlandia") kommt die "Kür" von 20 Minuten. Dabei sollen der Barockgarten und der Himmel darüber möglichst stimmig "ausgefüllt" werden.

Werbung

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-17 17:01:14
Letzte ─nderung am 2017-08-17 18:46:46



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Minenfelder ohne Landkarte"
  2. "Ein Vollstrecker der Apokalypse"
  3. Wo Lenin noch am Hauptplatz steht
  4. "Heimat ist ein gefährlicher Begriff"
  5. Toter Oktober
Meistkommentiert
  1. "Heimat ist ein gefährlicher Begriff"

Werbung




Werbung


Werbung