• vom 09.09.2017, 16:00 Uhr

Geschichten


Stadtgeschichte

Das Ende eines Prachtbaus




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Von Thomas Hofmann

  • "Abschied von der Rotunde" nannte die "Wiener Zeitung" am 18. September 1937 ihren Bericht über die "entsetzliche Katastrophe": Am Tag davor war ein Wiener Wahrzeichen komplett verbrannt.



Rauchende Ruinen - das war alles, was von der Rotunde im Prater übrig blieb.

Rauchende Ruinen - das war alles, was von der Rotunde im Prater übrig blieb.© Sammlung Hofmann Rauchende Ruinen - das war alles, was von der Rotunde im Prater übrig blieb.© Sammlung Hofmann

Information

Thomas Hofmann, geboren 1964, ist Leiter von Bibliothek, Verlag und Archiv der Geologischen Bundesanstalt in Wien. 2017 erschien im Wiener
Metroverlag das Buch Haie, Goethe und die Gurken. Zwei schräge Naturwissenschaftler auf Expedition durch das heutige Wien , das er zusammen mit Mathias Harzhauser verfasst hat.

Es war schier unfassbar, dass Wien binnen einer Stunde eines seiner Wahrzeichen verloren hatte. "Die Rotunde niedergebrannt", schrieb die "Illustrierte Kronenzeitung" und verglich den Brand mit dem des Justizpalastes: "Das größte Feuer seit 10 Jahren". Die Betroffenheit der Wiener war groß. "Als gestern in den ersten Nachmittagsstunden der Schreck- ruf ‚Die Rotunde brennt!’ durch die Straßen von Wien gellte und von Mund zu Mund weitergegeben wurde, da schien mit einem mal der großstädtische Verkehr zu stocken. Und manchem Wiener war es in dieser Stunde bitterweh ums Herz. Die Rotunde bedeutete ja den Aelteren unter uns ein Stück Jugend. Sie war eine Herzenssache Wiens und der Wiener. Sie kam gleich nach dem Stephansturm. Ein Wahrzeichen Wiens. Und wer die Höhen des Kahlenberges erstiegen hatte, der hielt zuerst nach der Rotunde Ausschau, um sich nach ihr zu orientieren. Darum dachte man gestern erst in zweiter Linie an den gewiß ungemein großen Schaden." ("Neue Freie Presse").

Was war geschehen? Am Freitag, den 17. September 1937, hatte um die Mittagszeit ein Arbeiter einen Brand bei Säule 17 der 32 tragenden Säulen in rund 20 Meter Höhe entdeckt. Um 12 Uhr 36 ging der Brandalarm bei der Wiener Berufsfeuerwehr ein, die schon um 12 Uhr 41 vor Ort war. Die Flammen suchten zwischen Blech und Stuckatur ihren Weg und loderten rasch bis zur Kuppel empor, um 12 Uhr 50 kam die Meldung "Großfeuer". Um 13 Uhr 30 blies man zum Rückzug, drei Minuten später stürzte die größte Kuppel der Welt ein. Die Druckwelle trieb das Feuer in die umliegenden Gebäudeteile, die nun umso rascher den Flammen zum Opfer fielen. An ein Löschen war nicht zu denken. Insgesamt, so recherchierte Alexander Markl, Offizier der Berufsfeuerwehr Wien, kamen inklusive der Brandwache, die bis zum Morgen des 18. Septembers vor Ort blieb, 88 Feuerwehrfahrzeuge, 14.000 Meter Schläuche und über 250 Mann zum Einsatz.

Unklare Brandursache

Bald tauchten Mutmaßungen über die Brandursache auf; Kurzschluss, Sabotage oder Unvorsichtigkeit wurden diskutiert. Kurzschluss konnte ausgeschlossen werden, da der Strom für das Hauptgebäude abgedreht war. Ein Sabotageakt, sprich eine Brandlegung, mit dem Ziel großen Schaden anzurichten, wurde nicht angenommen. Wer größtmöglichen Schaden gewollt hätte, würde wohl vor oder gar während der Herbstmesse den Brand gelegt haben - so argumentierte man.

1937 dauerte die Wiener Herbstmesse von Sonntag, 5. September, bis Sonntag, 12. September 18 Uhr 30, sie war erstmals um einen Tag verlängert worden. Zu den Höhepunkten zählten die "Funkmesse" der Radiofunkindustrie, der "Erfinderpavillon" in der Rotunde erwies sich als Publikumsmagnet - die Aussteller zogen eine positive Bilanz. In den Tagen danach waren fast sämtliche Exponate wieder geräumt worden, gegen Ende der Woche war die Rotunde so gut wie leer.

Auch Unvorsichtigkeit als Brandursache wurde nicht weiter in Betracht gezogen, es fehlten die Indizien. Knapp drei Monate später lieferte Ing. M. F. Möller in der "Zeitschrift des Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereines" (Heft 49/50) unter dem Titel "Der Brand der Wiener Rotunde und seine Lehren" eine Analyse. Er folgert im Detail: "Das statische System der Zeltdächer, die die äußere Form eines Kegelstumpfes haben, ist gekennzeichnet durch die Anordnung eines Zug- und eines Druckringes, zwischen welchen sich die Radialsparren spannen. [. . .] Wird nun die Festigkeit des Materials an einer Stelle des Zugringes zerstört, so beginnt der Zugring unter der Einwirkung dieser hohen Kräfte langsam auseinanderzufließen, die Dachhaut reißt auf und die Kuppelmitte sinkt allmählich ab. Die Säulen, die die ganze Kuppelhalle zu tragen haben, neigen sich nach außen und der ganze Bau stürzt in sich zusammen. Das Feuer ist nun bei der Rotunde tatsächlich bei einem der Tragpfeiler zum Ausbruch gekommen, so daß der Zugring von Beginn an unter dem Einfluß der hohen Brandtemperaturen stand."

Weltausstellungs-Palast

Wien wollte 1873 nicht nur mit der Weltausstellung per se, sondern auch mit deren Architektur einen nachhaltigen Akzent setzen. Wilhelm Freiherr von Schwarz-Senborn, der Generaldirektor der Wiener Ausstellung, hatte das Gebäude der Pariser Weltausstellung (1867) in schlechter Erinnerung, "es glich einem riesigen Gasometer" und wollte für Wien nur das Beste, um "nämlich der Monotonie zu entgehen." Im englischen Schiffsbauingenieur Scott Russell fand er den Mann, der die Vorlage zur Rotunde lieferte, die Ausführung lag in Händen des heimischen Architekten Carl Hasenauer. Schwarz-Senborn war schon im Vorfeld begeistert: "Der hervorragende Mittelbau der Weltausstellungsgebäude ist eine grosse eiserne Rotunde, deren äusserer Durchmesser 107,83 m und deren Höhe 84,1 m beträgt. Auf 32 Säulen, von Blech und Winkeleisen zusammengesetzt, deren Grundfläche 3,048 m lang, 1,22 m breit und deren Höhe 24,384 m ist, ruht ein kegelförmiges Dach, ebenfalls ganz von Eisen, das unter einem Winkel von 31° bis zu einer Höhe von 48,2m ansteigt und durch einen Dachring von 30,9 m Durchmesser abgeschlossen wird." Nicht nur die Rotunde war größer, als alles Bisherige, auch das Ausstellungsareal schlug alle Rekorde, es war fünf Mal größer, als jenes in Paris.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-07 18:42:05
Letzte Änderung am 2017-09-07 18:58:22



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