• vom 10.09.2017, 12:00 Uhr

Geschichten


Stadtspaziergang

Wiener Untergrund




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Von Manfred Rebhandl

  • Schriftstellerin Alex Beer hat einen Krimi über das Wien nach dem Ersten Weltkrieg geschrieben: "Der zweite Reiter". Eine Wanderung zu den Schauplätzen.



Alex Beer am Tor zu Wiens Unterwelt (Litfasssäule).

Alex Beer am Tor zu Wiens Unterwelt (Litfasssäule).© Rebhandl Alex Beer am Tor zu Wiens Unterwelt (Litfasssäule).© Rebhandl

Ich treffe Schriftstellerin Alex Beer an einem der Schauplätze ihres Krimis "Der Zweite Reiter", der im Wien nach dem Ersten Weltkrieg angesiedelt ist. Wir stehen vor einer Litfasssäule gegenüber dem Eislaufverein, die früher "Turm" geheißen hätte: Durch ein kleines Loch in der Eisentür, das jemand herausgebrochen hat, sieht man die Wendeltreppe, die hinunterführt in Wiens Unterwelt. Seit dem Mittelalter, dann verstärkt während der Monarchie, errichtete man eine weitläufige, verzweigte Kanalisation mit teils engen Rohren, teils breiten Wegen. Mal fließt mehr Wasser dort unten, mal weniger. Seit Ende des 19. Jahrhunderts, so Beer, lebten dort Menschen, anfangs unbehelligt, später von der Polizei verfolgt. Um die guten Plätze stritten und kämpften die, die nicht einmal als Bettgeher Unterschlupf fanden. Sie schliefen in "Betten, die niemals kalt wurden", so Beer.

Information

Manfred Rebhandl, geb. 1966 in Roßleithen/OÖ, lebt in Wien. Er schreibt Krimis um den Superschnüffler Rock Rockenschaub, die am Wiener Brunnenmarkt spielen, und Reportagen für Zeitungen.

Die ganz armen Hunde stellten sich vor Obdachlosenquartieren wie dem in der Blattgasse auf der Landstraße an, das 200 Betten hatte und stets überfüllt war. Man kam nur mit einer Zuteilkarte hinein, die gezwickt wurde, und nach fünf Nächten musste man draußen bleiben; in ihrem Buch schreibt Beer: "Ein Pulk von Männern in allen Altersklassen, vom bartlosen Knaben bis hin zum gebeugten Greis, hatte sich vor dem großen Tor versammelt. Es mussten mehrere Hundert sein, und die meisten von ihnen trugen weder Mützen noch Handschuhe oder winterfeste Jacken. Bibbernd warteten sie auf Einlass. Sie drängten sich eng aneinander, denn ein eisiger Wind, der den Geruch von Schnee heranwehte, war aufgezogen."



Schleichhandel

In der Unterwelt aber herrschten "die Wilden", und Schleichhändler erledigten dort ihre Geschäfte. Der engagierte Sozialist Max Winter, der als Erster Sozialreportagen verfasste, schlief bei den Obdachlosen und stieg hinab in die Kanalisation, er berichtete darüber in der "Arbeiterzeitung". Seine wichtigsten Artikel wurden in Buchform verlegt, sie dienten Beer zur Recherche - etwa "Höhlenbewohner in Wien" oder "Im unterirdischen Wien". Wolfgang Maderthaner wiederum schrieb "Anarchie der Vorstadt". Darin beschreibt er die dort ansässigen Banden, die oft sehr junge Mitglieder hatten und "Platten" genannt wurden. Es gab die "G’stutzte Mirzl Platte", die "Holumek Platte", die "Steinhauer Platte" oder - am schlimmsten von allen - , die "Beer Platte".

Da muss Alex Beer lachen, aber sie heißt ja eigentlich Daniela Lacher und stammt aus Vorarlberg, mit Verbrechen hat sie nur zu tun, wenn sie ihre Krimis schreibt und dafür monatelang in der Nationalbibliothek alte Zeitungen liest. Sie fand dort einen Artikel des "Illustrierten Wiener Extrablattes", das diese Platten bereits 1905 mit den "Apachen aus Paris", den "Hooligans aus London" oder den "Mularias aus Triest" verglich und meinte, "dass in Paris, London, Triest durch die Banden in zwei Monaten nicht so viele Verbrechen begangen wurden wie in Wien in zwei Nächten." Nach Kriegsende war es dann freilich noch schlimmer.

"Keine Fisimatenten!", hieß ein guter Rat, wenn man von Banden ausgeraubt wurde. Das Diebesgut lagerte dann zum Beispiel unter dem Schwarzenbergplatz. Von der Litfasssäule, an der wir stehen, erreichte man unterirdisch einen "Zwingburg" genannten Hohlraum, der das ganze Jahr über trocken blieb. "Man konnte ihn nur über einen Steg erreichen, der jederzeit eingezogen werden kann", liest man in Beers Buch. "In dem Raum häuften sich Kisten und Fässer in allen Größen und Formen. Dazwischen werkelten im Schein von Gaslaternen unzählige Männer, die emsig stapelten, schleppten und Geld zählten."

In Beers Krimi heißt einer der Schleichhändler Veit Kolja, er war früher mit Rayoninspektor August Emmerich befreundet, der den Mord an einem "Kriegszitterer" aufzuklären hatte. Das waren Männer, die psychisch schwer angeschlagen aus dem Krieg nach Hause kamen und die Erinnerungen daran nicht mehr loswurden. Auch der Mann seiner Luise, mit der Emmerich sich zusammengetan hatte, ist ein solcher, und als er unversehens aus sibirischer Gefangenschaft heimkehrt, ist auch Emmerich sein Obdach los.

Das Schicksal meinte es eben nicht gut mit Emmerich: "Nicht nur, dass seine Schuhe eine Nummer zu klein waren", schreibt Beer, "es waren zudem auch noch Kriegsstiefel. Leder war rar, weswegen man begonnen hatte, Schuhe mit Holz zu besohlen. Er quetschte seine durchgefrorenen Füße in die klobigen Treter, nahm den Verband ab und trat zurück auf den Flur". Gegen die Schmerzen, die ihm ein Granatsplitter im Bein bereitet, schluckt er "Heroin von BAYER", damals legal und in Tablettenform in den Apotheken erhältlich. Heroin war ein eingetragener Markenname.

Wir gehen nun schmerzfrei über den Schwarzenbergplatz, unter dem die Zwingburg lag, und Beer erzählt, dass viele vom "Strotten", vom Wühlen in Abfällen und Sortieren derselben, lebten. Auch bekannt waren damals die sogenannten Fettfischer, im Buch heißt es über sie: "Emmerich querte die Nußdorfer Lände und stapfte einen (. . .) Abhang zum Ufer des Donaukanals, der im Volksmund Wiener Arm genannt wurde, hinunter. Aus dem Donaukanal fischten die Fettfischer Knochenreste und alles, was sich an die Seifenfabrikanten verkaufen ließ." Hygiene war ein Riesenproblem, Seife Mangelware, Krankheiten allgegenwärtig.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-07 18:48:09
Letzte ─nderung am 2017-09-07 18:56:37



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