• vom 16.09.2017, 18:30 Uhr

Geschichten


Sportgeschichte

Bolzerei ums Heustadelwasser




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Von Thomas Karny

  • Der Motorrennsport war nach dem Krieg das Terrain der harten Männer und ein Ort der Sehnsucht nach Unterhaltung und Abwechslung. Ein Rückblick.



Faszination Flugplatzrennen: Veranstalter Martin Pfundner winkt 1960 in Zeltweg den damaligen Sieger Stirling Moss auf der Ziellinie ab.

Faszination Flugplatzrennen: Veranstalter Martin Pfundner winkt 1960 in Zeltweg den damaligen Sieger Stirling Moss auf der Ziellinie ab.© Pfundner privat Faszination Flugplatzrennen: Veranstalter Martin Pfundner winkt 1960 in Zeltweg den damaligen Sieger Stirling Moss auf der Ziellinie ab.© Pfundner privat

Es sind Namen wie Wolfgang Denzel, Otto Mathé, Martin Schneeweiß, Fritz Dirtl und Rupert Hollaus, deren Bekanntheit sich bis heute erhalten hat und die man untrennbar mit dem Motorsport der Nachkriegszeit in Verbindung verbringt. Einer Zeit, in der über Alpenpässe harte Bewährungsproben für Mann und Maschine ausgefochten und auf schmalen Stadtstraßen so etwas wie Rundstreckenrennen ausgetragen wurden. Einer Zeit, in der Sand, Gras und Eis als geeignete Untergründe für packende Konkurrenzen herhielten und Publikumsmagnet für Zehntausende Zuschauer waren.

Es liegt nahe, jene Jahre zu einem Männermythos zu verklären, in denen die Helden der Schützengräben zu jenen der Rennbahnen mutierten, auf denen sie in beinhartem Nahkampf die Gegner niederrangen. Tatsächlich waren die Rahmenbedingungen, unter denen diese Veranstaltungen stattfanden - von den Straßen über die Strecken- und Zuschauerabsicherung bis hin zum eingesetzten Fahrmaterial - abenteuerlich. Und unbestritten war die Opferzahl bei Motorsportveranstaltungen - gemessen an heutigen Maßstäben - inakzeptabel hoch, wurde aber dem Zeitgeist entsprechend als Berufsrisiko eingestuft.

Information

Sport-Symposium

Am 18. und 19. September findet in Wien das internationale Symposium "Images des Sports in Österreich. Innensichten und Außenwahrnehmungen" statt.
"Haus des Sports", Prinz-Eugen-Straße 12, 1040 Wien. Nähere Informationen unter: www.univie.ac.at/zeitgeschichte/

Thomas Karny, geboren 1964, ist Sozialpädagoge, Autor und Journalist. Mehrere Buchveröffentlichungen zur Zeit- und Motorsportgeschichte. Lebt in Graz.

Der Rennbetrieb wurde bereits im Herbst 1945 mit dem Rennen "Rund ums Heustadelwasser" in Wien wieder aufgenommen, und schon im Jahr darauf folgten das "Race of the Ries" in Graz sowie einige Sandbahnrennen, um deren Wiederbelebung sich vor allem der dreifache Vizeweltmeister Leopold Killmeyer eingesetzt hatte. Als bedeutendster Motorsport-Organisator trat nach der 1946 erfolgten Fusionierung des Österreichischen Automobilclubs mit dem Österreichischen Touringclub der ÖAMTC auf, bei dem auch die Oberste Nationale Sportkommis-sion für den Kraftfahrsport (OSK des ÖAMTC) angesiedelt und als Vertreter des österreichischen Motorsports bei den internationalen Auto- und Motorradvereinigungen FIA und FIM aufgetreten war. 1947 gab es die ersten regulären Rennsportveranstaltungen und auch einen nationalen Sportkalender.

Motorsport in der Nachkriegszeit hieß vor allem Motorradsport. Für 1950 wies der Rennkalender von 72 angekündigten Motorsportveranstaltungen 59 für Motorräder aus, in Lustenau wurde einmalig sogar der "Große Preis von Österreich" ausgetragen, ab 1952 organisierte der ARBÖ das "1.-Mai-Rennen", ein Motorrad-Event auf dem "toten" Autobahnstumpf in Liefering. So war es nicht verwunderlich, dass die ersten großen heimischen Motorsportstars die Sandbahnfahrer Martin Schneeweiß und Fritz Dirtl sowie der Straßenweltmeister von 1954, Rupert Hollaus, waren. Wesentlich für ihre Erfolge waren neben ihrem fahrerischen Können handwerkliches Geschick und technisches Know-how.

Martin Schneeweiß, Sandbahn-Europameister von 1937, hatte bereits vor dem Krieg eine spezielle Gummi-Hinterradfederung entwickelt, von der noch Fritz Dirtl, der nach Schneeweiß’ Tod 1947 das Motorrad "geerbt" hatte und in den 1950er Jahren als der schnellste Sandbahn- und Speedwayfahrer Mitteleuropas galt, profitieren sollte. Ehe Rupert Hollaus von NSU als Werksfahrer engagiert wurde, bildete der gelernte Kfz-Mechaniker mit Vater und Bruder, beide ebenso fachkundig wie er, einen erfolgreichen Privat-Rennstall. Für eine in der eigenen Werkstatt in Traisen nachgebaute Langbeinschwinge hatte es seitens anderer Rennfahrer eine derart große Nachfrage gegeben, dass man "ungeschaut eine Kleinserie hätte auflegen können", wie Hollaus’ Bruder Reinhart vor vielen Jahren dem Autor in einem Interview verriet. Ebenso wie Schneeweiß starben auch Hollaus und Dirtl den Rennfahrertod.

Im Licht der Motorradveranstaltungen fristeten Autorennen zunächst nur ein Schattendasein. Zu klein war das Starterfeld, zu schlecht das Fahrmaterial. Beim Innsbrucker Hungerburgrennen 1947, das als Wiedergeburts-
stunde des heimischen Autorennsports gilt, siegte der deutschstämmige "Bergkönig" Hans Stuck, der dank eines österreichischen Passes und einer ÖAMTC-Fahrerlizenz im Gegensatz zu seinen bis 1950 für Auslandsrennen gesperrten Landsleuten an den Start durfte, ohne nennenswerte Konkurrenz in einem Cisitalia.

Der kleine italienische Rennwagenhersteller war zu jener Zeit insolvent, Karl "Carlo" Abarth führte bereits Übernahmeverhandlungen. Der Italo-Österreicher war eine schillernde Figur im heimischen Rennsport, der vor dem Krieg Sandbahnrennen fuhr und 1934 als Beifahrer von Martin Schneeweiß in einem selbst konstruierten Beiwagengespann auf der Strecke Ostende-Wien eine medienwirksame Wettfahrt gegen den Orientexpress gewann. Nach dem Krieg wurde Abarth als Motortuner und Hersteller von Eigenkonstruktionen bekannt.

Alpenfahrt

1949 erlebte die traditionsreiche Österreichische Alpenfahrt, deren Vorkriegs-Ruhm immerhin 48 Fahrer an den Start lockte, ihre Wiederauflage. Der Tscheche Karel Vrdlovec gewann das Rennen in einem Tatra, der aus Graz stammende BMW-Vertreter Wolfgang Denzel, der mit einem Eigenbau auf VW-Basis angetreten war, die Sportwagenklasse bis 1100 ccm. Der Tiroler Otto Mathé, der nach einem Motorradunfall nur mehr den linken Arm gebrauchen konnte, fiel auf dem Ur-Porsche "Typ 64" zwar aus, konnte das Rennen aber im darauffolgenden Jahr gewinnen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-14 16:51:06
Letzte ─nderung am 2017-09-15 16:31:23



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