• vom 17.09.2017, 16:48 Uhr

Geschichten


Fotogeschichte

Wie ein Heldenbild entsteht




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Von Anton Holzer

  • Vor 50 Jahren starb Ernesto Che Guevara. Ein Porträt, das den Revolutionär in heroischer Pose zeigt, wurde zum wahrscheinlich meistreproduzierten Foto aller Zeiten. Die Geschichte einer linken Ikone.



Diesem Bild aus dem Jahr 1960 entnahm der Fotograf den berühmten Ausschnitt.

Diesem Bild aus dem Jahr 1960 entnahm der Fotograf den berühmten Ausschnitt.© A. Korda / Wikimedia Diesem Bild aus dem Jahr 1960 entnahm der Fotograf den berühmten Ausschnitt.© A. Korda / Wikimedia

Vor etwa einem Jahr erzielte der Fotoapparat eines gewissen Alberto Díaz Gutiérrez bei einer Auk- tion den erstaunlichen Preis von 18.000 Euro. Wer war dieser Mann? Und was machte seine Kamera, eine Leica, so wertvoll? Die Antwort ist einfach und kompliziert zugleich: Mit diesem Apparat hat der 1928 in Kuba geborene Fotograf das wohl meistreproduzierte Foto der Welt aufgenommen: ein zur Ikone gewordenes Porträt Ernesto Che Guevaras, das jeder kennt: ein jugendliches, entschlossenes Gesicht, den Blick in die Ferne gerichtet. Und als besonderes Kennzeichen: das lange, zerzauste, wallende Haar. Darauf die berühmte Baskenmütze mit dem revolutionären Stern.

Der sagenhafte Preis der Kamera resultiert also aus dem sagenhaften Bild. So wie eine Ikone, der wunderbare Kräfte zugesprochen werden, strahlte das Porträt von Che aus und adelte nun, Jahrzehnte nach der Aufnahme, sogar das Handwerkszeug, mit der das Foto hergestellt worden war: die Kamera aus dem Besitz von Alberto Díaz Gutiérrez, der sich seit den 1950er Jahren Alberto Korda nannte.

Information

Anton Holzer, geboren 1964, arbeitet als Fotohistoriker, Publizist, Kurator und Herausgeber der Zeitschrift "Fotogeschichte" in Wien. Vor kurzem erschien sein Buch: "Krieg nach dem Krieg. Revolution und Umbruch 1918/19" (Theiss Verlag, Darmstadt, 2017). www.anton-holzer.at

Entstanden war das wohl berühmteste Foto der Weltgeschichte am 5. März 1960 in Havanna, und zwar bei einer Trauerfeierlichkeit. Aber erst als Che Guevara am 9. Oktober 1967 in Bolivien starb, wurde aus dem Porträt eine wiedererkennbare Ikone, zunächst als Heldenbild für die politische Linke der 68er- und Nach-68er-Zeit, dann als universal einsetzbares Emblem. Längst ist die ehemalige linke Projektionsfigur zum popkulturellen Accessoire geworden. Che dient zwar noch immer als beliebtes Postermotiv im Jugendzimmer, aber mit seinem Porträt wird darüber hinaus alles beworben, was vorstellbar ist: Kinderschuhe und Bikinis, Zigaretten, Wein und Bier, Autos und Telefon. Wir finden das Konterfei des Che, mal als Foto, mal als stilisierte rot-schwarz eingefärbte Grafik (1968 vom irischen Künstler Jim Fitzpatrick hergestellt), auf Kaffeetassen und Handtüchern, auf T-Shirts und Uhren.

Die Nase des Genossen

Aber blenden wir zunächst zurück in das Jahr 1960, als die kubanische Revolution erst wenige Monate alt war. Das Foto, das Alberto Korda im März dieses Jahres von Che Guevara machte, war auf den ersten Blick unscheinbar: Rechts schieben sich die Blätter einer Pflanze ins Bild, links ist das angeschnittene Gesicht eines Parteifunktionärs zu sehen. Korda war im Zuge der Revolution zum politisch engagierten Fotojournalisten geworden. Die Werbe- und Modefotografie, von der er bisher gelebt hatte, hatte er an den Nagel gehängt und sich fortan der Dokumentation der Revolution gewidmet. Die Pflanze und die Funktionärsnase schnitt Korda weg und machte die Szene zum Hochformat. Derart "frisiert", sandte er das Bild an die Zeitung "Revolu-ción", für die er damals arbeitete. Doch diese rückte am folgenden Tag ein anderes Che-Bild auf ihre Titelseite. Das Foto verschwand in der Schublade.

Ernesto Rafael Guevara de la Serna, der sich erst als Revolutionär Che Guevara nannte, war der revolutionäre Gestus nicht in die Wiege gelegt. Er stammte aus einer bürgerlichen Familie in Argentinien, studierte Medizin in Buenos Aires und bereiste als junger Mann zahlreiche südamerikanischen Länder. Die Begegnung mit Fidel Castro im Jahr 1955 leitete eine radikale Wende in seinem Leben ein. Er wurde zum Revolutionär und zog 1959, nachdem die kubanische Diktatur besiegt war, an der Seite Castros in Havanna ein. Che wurde zum kubanischen Staatsbürger und sein rasanter politischer Aufstieg begann. Mit 31 Jahren wurde er zum Präsidenten der kubanischen Zentralbank ernannt, später zum Industrieminister. Er trat zunehmend aus Castros Schatten und wurde zum unkonventionell auftretenden, wortgewaltigen und charismatischen Botschafter der kubanischen Revolution.

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass gerade Alberto Korda es war, der Che unsterblich machte. Denn die politische Karriere des Fotografen hatte 1959 an der Seite Castros begonnen. Korda wurde bald zu dessen Leibfotografen und begleitete den Staatschef auf seinen zahlreichen Auslandsreisen. Er war es, der Castros politische Auftritte in Bildern modellierte, auch wenn er später auf seine Unabhängigkeit pochte und festhielt: "Fidel hat mir nie ein Gehalt gezahlt." Als Korda Anfang März 1960 das berühmte Che-Foto machte, konnte er noch nicht ahnen, dass er damit ungewollt auch Castro in den Schatten stellte.

In den Augen von Che verpuffte der revolutionäre Elan allzu schnell. Und die politische Eintracht der ehemaligen Kampfgenossen begann rasch zu bröckeln. Immer öfter gerieten Anfang der 1960er Jahre Castro und Che übers Kreuz. Als Che im März 1965 plötzlich alle seine Ämter niederlegte und über Nacht spurlos aus Kuba verschwand, hatte dies mit den Konflikten innerhalb der kubanischen Führung zu tun, aber auch mit außenpolitischen Differenzen: Che begann sich, anders als Castro, China anzunähern, konnte sich aber nicht durchsetzen. Als Geschäftsmann verkleidet, reiste er zunächst in den Kongo, um dort die linken, von Kuba unterstützten Rebellen zu unterstützen, später nach Bolivien, wo er sich unter falschem Namen der nationalen Befreiungsarmee anschloss. Am 8. Oktober 1967 wurde er verwundet, gefangen genommen und einen Tag später von einem kolumbianischen Offizier erschossen.


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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-14 16:54:05
Letzte ─nderung am 2017-09-15 16:32:38



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