• vom 17.09.2017, 16:48 Uhr

Geschichten


Fotogeschichte

Wie ein Heldenbild entsteht




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Ein Gescheiterter

Hier könnte die Geschichte Che Guevaras enden. Der Revolutionär, der seine Zukunft im bewaffneten Kampf unter linken Gleichgesinnten suchte, hatte seine Massenbasis, aber auch die kubanische Unterstützung verloren. Er war ein gescheiterter Held. Was nun geschah, war kaum vorherzusehen. Che wurde zum Helden, ja mehr noch: zur Projektionsfläche aller möglichen linken Projekte, und zwar weit über Kuba, Süd- und Mittelamerika hinaus.

Dass dies möglich wurde, hat viel mit der Fotografie zu tun, die Alberto Korda sieben Jahre zuvor aufgenommen hatte. Innerhalb weniger Monate wurde das Foto zur Ikone, die sich wie ein Lauffeuer in Europa, Südamerika und später auch weltweit verbreitete.

Am Beginn dieser Massenvervielfältigung stand der linke italienische Verleger Giangiacomo Feltrinelli, ein glühender Anhänger der kubanischen Revolution und insbesondere Che Guevaras. Er war es, der nach dem Tod Ches dessen Porträt aus dem Jahr 1960 als Poster reproduzieren ließ und in der linken Mailänder Szene verbreitete. Binnen kurzem war das Foto in vielen europäischen Ländern bekannt. Es traf mitten in die heiße Phase der Studentenbewegung und es gab der stärker werdenden Anti-Vietnam-Politik der Linken ein markantes Gesicht.

Wenige Monate vor seinem Tod hatte Che noch einen Aufruf an diese internationale Anti-Kriegs-Bewegung verfasst und aus seinem bolivianischen Versteck in die linke Öffentlichkeit geschmuggelt. "Zwei, drei, viele Vietnams" forderte er darin als "Schläge gegen den Imperialismus", ein Slogan, den auch der Anführer der deutschen Studentenbewegung, Rudi Dutschke, publik machte.

Die Verwandlung Ches zum Helden erfolgte in zwei Schritten. In den späten 1960er und in den 1970er Jahren wurde er zur Ikone vieler linker Bewegungen, die sich, wenn auch oft nur unscharf, an seine politischen Forderungen erinnerten. So traten Ches Verehrung für den Diktator Stalin, die er zeitlebens nie wiederrief, oder sein Eintreten für den bewaffneten Kampf hinter dem suggestiven Porträt des jungen, unbändigen Revolutionärs zurück, der für eine Erneuerung des revolutionären Elans und ein Aufbrechen der alten Parteistrukturen stand.

Ende der 1970er Jahre begann der revolutionäre Elan der Studentenbewegung freilich zu erlahmen. Nun begann eine neue Phase in der Verbreitung der Ikone Che Guevara. Als die palästinensischen Terroristen im Jahr 1977 eine deutsche Lufthansa-Maschine entführten und ihre Forderungen in T-Shirts mit dem Konterfei Che Guevaras vorbrachten, schien das Bild des kubanischen Revolutionärs als massentaugliche Projektionsfläche an ein Ende gekommen zu sein.

Aber erstaunlicherweise konnte diese Indienstnahme des Che-Sujets für die Ziele des Terrors dessen Erfolgszug nicht stoppen. Im Gegenteil: Je mehr in den 80er Jahren die Kraft der Studentenbewegung schwand, desto stärker verbreitete sich das Motiv, nun aller konkreten politischen Forderungen entkleidet, als Emblem für Jugendlichkeit, Ausbruch und Individualismus. Mit Che und seiner Politik hatte dies alles nur mehr wenig zu tun.

Solange die Fotoikone Che als im weitesten Sinne emanzipatorisches Emblem funktionierte, sah Alberto Korda, der Fotograf, wohlwollend zu. Verdient hat er mit der millionenfachen Vervielfältigung des Bildes zeitlebens nichts. Mehr als ein wenig lokaler Ruhm war ihm nicht beschieden. So wurden seine Bilder immer wieder für Kuba-Bildbände verwendet, auch auf etlichen Ausstellungen war er präsent. Beruflich ging er in späteren Jahren ganz andere Wege: Als ob er sich vom Revolutionsfotografen abwenden wollte, wandte er sich neuen, unpolitischen Themen zu, etwa der Unterwasserfotografie.

Später Zorn

Im Jahr 2000 aber wurde Alberto Kordas revolutionärer Furor noch einmal entfacht, als der Wodka-Hersteller Smirnoff mit dem Che-Motiv zu werben begann. Nun beschloss der inzwischen 72-jährige Fotograf sein Urheberrecht am berühmten Bild geltend zu machen. "Ich bin entschieden dagegen, mit dem Bild des Che für Produkte wie Alkohol oder andere Zwecke zu werben, die seinem Ruf schaden", meinte er damals.

Korda erstritt in einem außergerichtlichen Vergleich 50.000 Dollar, die er für Medikamente und ein kubanisches Kinderprojekt einsetzte. Mit einem Mal war der Urheber des berühmten Bildes ins Licht der großen internationalen Öffentlichkeit getreten. Er wurde in TV-Dokumentationen und auf Vernissagen herumgereicht. Lange allerdings konnte er sich nicht mehr in seinem Ruhm sonnen, denn er verstarb im Jahr 2001.

Wenige Jahre danach, 2008, erschien erstmals ein auflagenstarker Bildband, der nicht nur sein berühmtes Foto, sondern auch das Handwerk des Fotografen vorstellte. Der bezeichnende Titel des spanischsprachigen Bandes lautet: "Alberto Korda: Conocido - Desconocido" (Alberto Korda: Bekannt und unbekannt).


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-14 16:54:05
Letzte ─nderung am 2017-09-15 16:32:38



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