• vom 01.10.2017, 14:00 Uhr

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Musik und Literatur

"Nur eine flüchtige Erscheinung"




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Von Wolfgang Ludwig

  • 1787 reiste Wolfgang Amadeus Mozart nach Prag, um dort seinen "Don Giovanni" uraufzuführen. Eduard Mörike hat diese Episode 1855 in der Novelle "Mozart auf der Reise nach Prag" fantasievoll neu erzählt.

Das Schloss Gratzen/Nové Hrady bei Gmünd war vermutlich das Vorbild für den fiktiven Schauplatz von Mörikes Novelle. - © Ludwig

Das Schloss Gratzen/Nové Hrady bei Gmünd war vermutlich das Vorbild für den fiktiven Schauplatz von Mörikes Novelle. © Ludwig



Eduard Mörike, Zeichnung von Bonaventura Weiss.

Eduard Mörike, Zeichnung von Bonaventura Weiss.© Ullstein Eduard Mörike, Zeichnung von Bonaventura Weiss.© Ullstein

Vor 230 Jahren reiste Wolfgang Amadeus Mozart in Begleitung seiner Frau Constanze zum zweiten Mal von Wien nach Prag, wo er die Uraufführung des "Don Giovanni" leiten sollte. Die Monate vor dieser Reise waren von Todesfällen überschattetet: Mozarts Vater und ein Freund starben bereits vor dem Sommer, ein weiterer Freund, der erst neunundzwanzigjährige Leibarzt Siegmund Barisani, verstarb im September. Die Oper und einige andere Kompositionen waren noch nicht fertiggestellt, und zwei Tage vor der Abreise, am 29. September 1787, war Mozart brieflich wieder einmal mit lästigen Geldangelegenheiten beschäftigt.

Die Reise begann vermutlich am Montag, den 1. Oktober 1787, führte wahrscheinlich über Schrems, Trebon (Wittingau) und Tabor, dauerte fünf bis sechs Tage und verlief wohl ziemlich unspektakulär, wenn man von den allgemein üblichen schlechten Straßen und den mäßig komfortablen bis unangenehmen Unterkünften auf den Poststationen einmal absieht.

Information

Wolfgang Ludwig, geboren 1955, unterrichtet nach langjähriger Tätigkeit in Südosteuropa in Wien Deutsch und Geografie und schreibt Kulturreportagen.

Mozart hatte mit der Oper irgendwann im Frühjahr 1787 begonnen, von seinem Librettisten Lorenzo Da Ponte hatte er den größten Teil des Textes schon im März erhalten. Die Fertigstellung erfolgte aber erst im Oktober in Prag. Es ist anzunehmen, dass Mozart sich während der Reise immer wieder mit den noch unfertigen Teilen beschäftigte. Schriftliche Aufzeichnungen über den Reiseverlauf existieren nicht.

"Lautester Beyfall"

Schon zu Beginn desselben Jahres war Mozart, dessen Karriere in Wien nicht ganz nach Plan lief, in Prag gewesen und hatte dort eine triumphale Premiere der "Hochzeit des Figaro" erlebt. Doch diesmal erwartete ihn in Prag einiges Ungemach: In einem Brief an den Freund Emilian Gottfried Jacquin, geschrieben am 15. Oktober, klagte er, dass "das hiesige theatralische Personale nicht so geschickt wie das in Wienn" sei, und es bei der Einstudierung Verzögerungen gebe. Dann wurde noch eine Sängerin krank, was zu einer weiteren Verschiebung der Premiere führte, die am 29. Oktober endlich stattfinden konnte.

Einige Tage darauf, am 4. November, berichtete Mozart seinem Freund Jacquin von dem großen Erfolg der Oper, die "mit lautesten Beyfall" aufgenommen wurde. Für den 12. oder 13. November plante er seine Rückreise nach Wien, wo das Werk im Mai 1788 aufgeführt werden sollte. Soweit die Realität der Reise.

Siebenunddreißig Jahre nach der Premiere in Prag, im August 1824, wurde "Don Giovanni" in Stuttgart gegeben. Unter den Besuchern war der junge, 1804 geborene Eduard Mörike zusammen mit seinem jüngeren Bruder August, beide große Mozart-Verehrer. Einige Tage nach der Aufführung beging der depressiv veranlagte August Selbstmord. Etwa 30 Jahre später wollte Mörike mit einer kleinen Novelle anlässlich des 100. Geburtstages von Mozart nicht nur den Komponisten würdigen, sondern auch seines Bruders gedenken.

Bereits 1852 hatte Mörike mit dieser Novelle begonnen, am 6. Mai 1855 schickte er das noch nicht ganz fertige Manuskript an seinen Verleger Cotta und gab diesem seine Absichten bekannt: "Meine Aufgabe bei dieser Erzählung war, ein kleines Charaktergemälde Mozarts (. . .) aufzustellen." Im Sommer 1855 (ein Jahr vor Mozarts Hunderter) erschien das kleine Werk im "Morgenblatt für gebildete Stände" und im November 1855 in Buchform, die auf 1856 vordatiert wurde, damit das Erscheinungsjahr mit Mozarts Jahrestag übereinstimmte. Eine Buchausgabe vor Weihnachten war natürlich auch damals ein gutes Geschäft. Die Erstauflage umfasste 1200 Stück. Mörike erhielt ein Honorar von 300 Gulden, für den Abdruck in der Zeitschrift gab es nochmals 50 Gulden.

Lob von Storm

Cotta wies Mörike am 9. Juli 1855 darauf hin, dass das Honorar für den kleinen Umfang der Novelle recht hoch sei, "was Sie meiner Hochachtung für Sie zuschreiben wollen". Das Werk hatte Erfolg, weitere Auflagen folgten. Theodor Storm, mit Mörike bekannt, lobte die Novelle in einem Brief an seinen Freund, den Kunsthistoriker Friedrich Eggers, als "selten wertvolles Festgeschenk" für Mozart.

Von einer Reise sollte die Novelle handeln. Mozart hatte deren ja mehrere unternommen. Aber die Reise nach Prag zur Premiere des von Mörike so geliebten "Don Giovanni" bot sich an - und da auf dieser Reise nichts Besonderes geschehen war, konnte Mörike seiner Fantasie freien Lauf lassen.

Doch ist das Endprodukt keineswegs abwegig geraten. Die Hauptperson, seine Handlungsweisen, sein Charakter, das war wirklich Mozart! Da spielt es überhaupt keine Rolle, dass Mörike ein Abfahrtsdatum annahm, das um einige Tage von der tatsächlichen Abreise abwich.

Der Plot ist einfach liebenswürdig: Mozart und seine Frau Con-stanze machen auf der Reise nach Prag irgendwo im Waldviertel Rast (möglicherweise denkt Mörike an Schloss Nové Hrady/Gratzen bei Gmünd). Mozart entfernt sich gedankenverloren von der Kutsche, gelangt in einen paradiesisch wirkenden Schlosspark, in dem ein Pomeranzenbäumchen in einem Topf zum Weitertransport herumsteht.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-29 14:45:08
Letzte nderung am 2017-09-29 14:53:41



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