• vom 26.11.2017, 13:00 Uhr

Geschichten


Iran

"Ich bin wie der Erdboden"




  • Artikel
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Andrea Nießner

  • Der iranische Schriftsteller Mahmud Doulatabadi hat in seiner Jugend als Schafhirte gearbeitet. Wir haben ihn in Teheran getroffen, und ebenso einen greisen Hirten in den Bergen besucht.

Der Hirte Ghahreman Khameschi lebt in einer harten, archaischen Bergwelt. - © Sh. Habibian

Der Hirte Ghahreman Khameschi lebt in einer harten, archaischen Bergwelt. © Sh. Habibian

Südlich des Kaspischen Meeres erstreckt sich von Westen nach Osten auf einer Länge von etwa 600 Kilometern das Alborzgebirge, dessen südliche Ausläufer unmittelbar an die Hauptstadt Teheran heranreichen. Nordöstlich der Stadt liegt als höchste Erhebung des Iran und des gesamten Nahen Ostens der 5604 Meter hohe Damavand, Ziel für begeisterte Bergsteiger aus aller Welt. Poetisch beschreibt der Dichter Mohammad-Taqi Bahar (1884-1951) den stets schneebedeckten Vulkan als "weißen Dämon", an den in der Mythologie ein dreiköpfiger Drache namens Azhi Dahaka gekettet ist.

Der Schriftsteller Mahmud Doulatabadi (2. v. l.) mit seinen Gästen: Peter Gruber, Bodo Hell, Andrea Nießner und Farhad Nadjafi (v. l. n. r.).

Der Schriftsteller Mahmud Doulatabadi (2. v. l.) mit seinen Gästen: Peter Gruber, Bodo Hell, Andrea Nießner und Farhad Nadjafi (v. l. n. r.).© S. Firnzubadi Der Schriftsteller Mahmud Doulatabadi (2. v. l.) mit seinen Gästen: Peter Gruber, Bodo Hell, Andrea Nießner und Farhad Nadjafi (v. l. n. r.).© S. Firnzubadi

Einige Autostunden nordwestlich von Teheran liegt die Kleinstadt Kelardasht (Provinz Mazarandan). Weiter taleinwärts nehmen wir in der Alpinstation Roud Barak Quartier, die als Ausgangspunkt für eine Gipfeltour auf den zweithöchsten Berg des Landes gilt, den Alam-Kuh (4848 Meter, Auf- und Abstieg 72 Stunden). Unser erstes Ziel sind die vorgelagerten Hochebenen von Mazichal, wo wir durch Weidegebiete wandern und mit unserem Guide Ali Farzi den Schafhirten Ghahreman Khameschi in seiner bescheidenen Hütte aufsuchen.

Information

Werke von Mahmoud Doulatabadi sind in deutschen Übersetzungen von Bahman Nirumand und Sigrid Lotfi im Unionsverlag Zürich erschienen:
Der leere Platz von Ssolutsch. 1991
Die Reise. 1992
Kelidar. 1997
Die alte Erde. 2000
Der Colonel. 2010
Nilofar. 2016

Das bilaterale Projekt "Literatur und Lebenswelt Alm" kam auf Einladung des Österreichischen Kulturforums in Teheran zustande (Oktober 2017, Organisation Thomas Kloiber, Farhad Nadjafi) und wurde vor allem durch Simultanübersetzer (F. Nadjafi, S. Radjabi) hervorragend begleitet. Ein Symposium an der Shahid Beheshti Universität, Lesungen und ein Filmabend ergänzten das reichhaltige Programm. Teilnehmer der Delegation aus Österreich waren Schriftsteller, Hirten und Botaniker (Bodo Hell, Peter Gruber, Ernst Vitek, Jalil Noroozi, Andrea Nießner).

Andrea Nießner, geboren 1955 in Zwettl, lebt als Physiotherapeutin und Autorin in Salzburg.

Karges Hirtenleben

Ähnlich wie zwischen dem Schnalstal in Südtirol und dem Nordtiroler Ötztal bewegen sich auch im Alborz jedes Jahr Hirten mit ihren Schaf- und Ziegenherden zwischen Sommerweiden im Gebirge und Winterweiden in der Ebene des Kaspischen Meeres hin und her. Sie leben in einfachen Unterkünften, schlafen auf Fellen am Boden vor der offenen Feuerstelle, nebenan der Platz für Milchverarbeitung, Lebensmittel und Habseligkeiten. Aufgrund des frühen Wintereinbruchs sind die hochgelegenen Almen heuer fluchtartig verlassen worden. Es ist zwar Gras nachgewachsen, kurz und schön grün, aber für das Vieh nicht gut verträglich.

Vom Schmelzwasser ist der Boden aufgeweicht, sodass selbst die Nissan Patrols im Schlamm stecken bleiben. Wir gehen zu Fuß weiter. Die zwei Wiener Botaniker, die uns begleiten, informieren zunächst über neueste Studien zu Klimaerwärmung, Beweidung und Tourismus, und deren Auswirkung auf die hiesigen Berggebiete. Im Weidekuschelgelände stehen mächtige Eichen, und auf den feuchten Triften blüht eine Unzahl von herbstlichen Safrankrokussen. Bald entdecken wir eine unseren Alpen nicht unähnliche Flora sowie die bekannten Weidegangeln, welche die Hänge weithin gerippt erscheinen lassen. Von sogar hier zurückgelassenen Dosen eines weltbekannten Tauringetränks würde die Chronistin lieber schweigen. Aus dem Bildhintergrund strahlen die höheren Gipfel schneebedeckt herüber.




weiterlesen auf Seite 2 von 3




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-23 17:56:11
Letzte ─nderung am 2017-11-24 12:12:48



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Die Linke sollte das Moralisieren lassen"
  2. "Du kannst alles, was du willst"
  3. "Me git, aber me sait nyt"
  4. Biotechnologischer Stalinismus?
  5. "Sammeln hat einen kindlichen Ursprung"
Meistkommentiert
  1. "Die Linke sollte das Moralisieren lassen"
  2. "Sammeln hat einen kindlichen Ursprung"

Werbung




Werbung


Werbung