• vom 25.11.2017, 12:00 Uhr

Geschichten


Reportage

Die Graffiti-Omas von Lissabon




  • Artikel
  • Lesenswert (5)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Martin Zinggl

  • Mittels "Streetart" und unter kundiger Anleitung bringen portugiesische Senioren Farben in ihren vorwiegend tristen Alltag.

Zuerst widerwillig, aber dann doch voll bei der Sache: Seniorin Maria sprüht ihr ersten Graffiti-Herz an die Wand. - © Zinggl

Zuerst widerwillig, aber dann doch voll bei der Sache: Seniorin Maria sprüht ihr ersten Graffiti-Herz an die Wand. © Zinggl



Initiatorin Lara Rodrigues bringt mittels Schablone das Logo der sprühende Oma an.

Initiatorin Lara Rodrigues bringt mittels Schablone das Logo der sprühende Oma an.© Zinggl Initiatorin Lara Rodrigues bringt mittels Schablone das Logo der sprühende Oma an.© Zinggl

Eine bildhübsche Portugiesin dunkelt den Raum ab, um Fotos an eine Wand zu projizieren, die ihren Vortrag illustrieren. "Die Geschichte moderner Streetart von Lara Seixo Rodrigues", steht auf der beleuchteten Mauer geschrieben. Der Ort dieser Präsentation? Kein hippes Loft im Szeneviertel Lissabons, sondern das "Santa Casa", ein Tagesheim für Greise, Pensionisten und Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen.

18-köpfige Gruppe

Information

MartinZinggl, geboren 1983, ist Autor und Dokumentarfilmer. Der Beitrag ist in längerer Fassung in seinem Buch "Lesereise Lissabon" (Picus Verlag) enthalten.

Unter den Besuchern sind Alzheimer- und Parkinson-Patienten ebenso wie Schizophrene. Sie leiden unter Arthrose und Gicht, sehen oder hören schlecht, sitzen im Rollstuhl oder gehen auf Krücken. Die Gestalten in dem Heim versetzen zurück in ein Portugal der 1960er Jahre: depressive Gesichter, Schnauzbärte, Schiebermützen, Hemden mit endlos weitem Kragen, Pullunder in Erdfarben, konservative Röcke, Kittelschürzen, Hornbrillen und Kopftücher.

"Und, wer waren die allerersten Streetartisten?", fragt Rodrigues in die Runde. Ein Raunen fährt durch die 18-köpfige Gruppe. Dann zeigt sie ein Bild einer Höhlenwandmalerei, zwinkert mit den Augen, lächelt und beantwortet selbst die Frage: "In seiner Ursprungsform ist das moderne Graffiti nichts anderes als die Inschrift an einer Wand."

Am Graffiti-Übungsgelände: Viele Zeichen an der Wand . . .

Am Graffiti-Übungsgelände: Viele Zeichen an der Wand . . .© Zinggl Am Graffiti-Übungsgelände: Viele Zeichen an der Wand . . .© Zinggl

Es folgt eine Einführung in Geschichte, Techniken und unterschiedliche Stile dieser Kunst, ehe Rodrigues die Namen berühmter Graffiti-Künstler aufzählt: JR, Mr. Brainwash, Blek le Rat, Pastel, C215, Swoon, Dondy. Der Wert mancher Bilder, die weltweit in angesagten Galerien hängen, liegt bei 15- bis 20.000 Euro.

Eigentlich ist Rodrigues Architektin, aber nach zehn Jahren in diesem Beruf suchte sie dringend eine neue Lebensaufgabe. Die Zeit, die es benötigte, um die Früchte ihrer Arbeit zu sehen, dauerte der 38-Jährigen zu lange. "Ich wollte unmittelbare, greifbare Ergebnisse, also widmete ich mich fortan dem Kuratieren von Streetart-Projekten", erzählt sie. "Die Besucher in solchen Heimen sitzen lethargisch an ihren Tischen und langweilen sich zu Tode", sagt Rodrigues. "Sie sind frustriert ob ihrer Hilflosigkeit. Warum also nicht etwas Farbe in den tristen Alltag dieser Menschen bringen", dachte sich Rodrigues - und bot den Senioren einen zweitägigen Workshop zum Thema Streetart an.

"Kunst kann Mauern einreißen und Menschen miteinander verbinden. Und Streetart eignet sich besonders dafür", davon ist Rodrigues überzeugt. Und vielleicht hat sie auch selbst ein bisschen Sehnsucht, sich in der Nähe älterer Menschen aufzuhalten. Rodri-
gues’ eigene Großeltern sind bereits verstorben.




weiterlesen auf Seite 2 von 5




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-23 18:02:10
Letzte ─nderung am 2017-11-24 12:17:07



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Die Linke sollte das Moralisieren lassen"
  2. "Du kannst alles, was du willst"
  3. Biotechnologischer Stalinismus?
  4. Durch den Eisernen Vorhang
  5. "Me git, aber me sait nyt"
Meistkommentiert
  1. "Die Linke sollte das Moralisieren lassen"
  2. "Sammeln hat einen kindlichen Ursprung"

Werbung




Werbung


Werbung