• vom 28.01.2018, 12:00 Uhr

Geschichten


Kriminalgeschichte

Doch kein edler Räuber




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Von Christian Hütterer

  • Der vor 200 Jahren hingerichtete Johann Georg Grasel wurde von der Nachwelt zu Unrecht zu einem Robin Hood des Waldviertels verklärt.

Johann Georg Grasel (Mitte) mit zwei Räuberkumpanen in Ketten. Lithographie, nach 1815.

Johann Georg Grasel (Mitte) mit zwei Räuberkumpanen in Ketten. Lithographie, nach 1815.© Imagno/Getty Images Johann Georg Grasel (Mitte) mit zwei Räuberkumpanen in Ketten. Lithographie, nach 1815.© Imagno/Getty Images

Am 31. Jänner 1818 versammelten sich tausende Wiener vor den Toren der Stadt, um einen jungen Mann zu sehen. Er war selbst erstaunt, so viele Neugierige anzuziehen. "Jessas, so vü Leit", soll er gesagt haben. Ein paar Minuten später war er tot. Bei dem Mann handelte es sich um den Räuber Johann Georg Grasel, der im Alter von 28 Jahren auf dem Glacis in der Nähe der heutigen Rossauer Kaserne hingerichtet wurde. Jahrelang hatte er im Waldviertel und im südlichen Mähren Angst und Schrecken verbreitet, nach seinem Tod wurde er zu einem edlen Dieb verklärt, der die Reichen bestahl, um den Armen zu helfen.

Vor zweihundert Jahren herrschte große Unsicherheit in weiten Teilen der österreichischen Monarchie. Die Napoleonischen Kriege und der Staatsbankrott des Jahres 1811 hatten dazu geführt, dass die Behörden die öffentliche Sicherheit nicht mehr garantieren konnten. Wurden Kriminelle erwischt, so sperrte man sie in Gemeindekotter, die aber nur schlecht gesichert waren und aus denen man leicht entkommen konnte.


Berüchtigte Banden
Dazu kam noch ein anderer Umstand, der das Leben von Übeltätern aller Art erleichterte: Zu jener Zeit war die Gerichtsbarkeit noch nicht vereinheitlicht, sondern zwischen den Grundherrschaften und dem Landesfürsten geteilt. Das daraus resultierende Gewirr von Behörden mit begrenztem Aktionsradius erleichterte das Leben von Kriminellen.

All dies führte dazu, dass sich in verschiedenen Teilen Österreichs Räuberbanden formierten, und manche von ihnen waren in einem weiten Umkreis berüchtigt. Simon Kramer, genannt Krapfenbacher-Simerl, der mit seinen Komplizen sein Unwesen in Kärnten trieb, gehörte dazu, ebenso die Bande der Stradafüssler oder Stradafiasla, die im Grenzgebiet zwischen der Steiermark, Niederösterreich und dem heutigen Burgenland die Bevölkerung terrorisierte.

In diese Zeit der Unsicherheit wurde am 4. April 1790 in Neu-Serowitz (heute Nové Syrovice) in der Nähe von Znaim der Familie Grasel ein Kind geboren, dem der Name Johann Georg gegeben wurde. Der Vater arbeitete als Abdecker und gehörte damit einer Berufsgruppe an, die keinen guten Ruf hatte. Seit dem Mittelalter galten die Abdecker - auch Schinder genannt - als unehrenhaft, obwohl sie eine wichtige Funktion erfüllten. Sie kümmerten sich nämlich um Verwertung von verendeten Tieren und leisteten damit einen Beitrag zur Verhinderung von Seuchen und Krankheiten.

Dennoch standen sie am Rand der Gesellschaft, was wiederum zur Folge hatte, dass Ehen meist nur innerhalb der Gruppe geschlossen wurden, und so stammte auch Grasels Mutter aus einer Abdeckerfamilie. Die Abdecker waren aber nicht nur in sozialer Hinsicht, sondern auch im örtlichen Sinn vom Rest der Bevölkerung getrennt. Sie lebten meist in sogenannten Wasenmeistereien, die abseits der Siedlungen lagen und deshalb ein ideales Versteck für Kriminelle waren.

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Dokument erstellt am 2018-01-25 17:56:06



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