• vom 24.11.2006, 14:14 Uhr

Kompendium

Update: 24.11.2006, 17:07 Uhr

Weltraum

Vater der Meteoritenkunde




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Von Christian Pinter

  • Vor 250 Jahren wurde Ernst Florens Chladni geboren. Er bewies, dass Steine und Eisenmassen vom Himmel stürzen können.

Eine Probe des Pallas-Eisens, das sich einst vermutlich im Inneren von relativ massereichen Kleinplaneten formte. Foto: Pinter

Eine Probe des Pallas-Eisens, das sich einst vermutlich im Inneren von relativ massereichen Kleinplaneten formte. Foto: Pinter

Eine Probe des Pallas-Eisens, das sich einst vermutlich im Inneren von relativ massereichen Kleinplaneten formte. Foto: Pinter

Eine Probe des Pallas-Eisens, das sich einst vermutlich im Inneren von relativ massereichen Kleinplaneten formte. Foto: Pinter Eine Probe des Pallas-Eisens, das sich einst vermutlich im Inneren von relativ massereichen Kleinplaneten formte. Foto: Pinter

Ernst Florens Chladni, am 30. November 1756 in Wittenberg zur Welt gekommen, muss Jus studieren. Kaum hat er promoviert, stirbt der Vater. Nun darf sich der junge Doktor "Aufregenderem" zuwenden: Ernst vertieft sich in Naturwissenschaft und Musik. 1787 gibt er die Schrift "Entdeckungen über die Theorie des Klanges" heraus. Weitere Werke zur Akustik folgen. Sein Einkommen bestreitet Chladni als Vortragsreisender. Dabei fährt er durch halb Europa und präsentiert zwei selbst erfundene Musikinstrumente, mit klingenden Stäben aus Metall und Glas.


Die Besucher seiner Vorträge können "Töne sehen". Denn Chladni streut feinen Sand auf Platten, deren Kanten er mit dem Violinbogen streicht. Die hoch geschleuderten Teilchen wandern zu jenen Punkten, an denen die schwingende Platte keine Bewegung macht. Symmetrische Muster entstehen. Später wird man die Chladnischen Klangfiguren beim Bau von Gitarren- und Geigendecken einsetzen.

Anfang 1793 hält sich Chladni in Göttingen auf. Dort garniert Georg Christoph Lichtenberg seine Universitätsvorlesungen ebenfalls mit spektakulären Experimenten. Die beiden Männer diskutieren über aktuelle Forschungsergebnisse der Physik. Dabei kommt die Rede auch auf Feuerkugeln. Diese seltenen Leuchterscheinungen ziehen innerhalb weniger Herzschläge übers Firmament, ähnlich den normalen Sternschnuppen. Mit ihrem gleißenden Glanz lenken sie die Blicke auf sich. Mitunter konkurrieren sie sogar mit dem Schein des Mondes oder sind am blauen Taghimmel sichtbar. Für Lichtenberg, der sich mit hohen Spannungen beschäftigt, sind das bloß elektrische Phänomene. Andere hingegen machen dafür die Entflammung von Wasserstoff bzw. "schleimigen" oder "öligen" Dünsten in der Luft verantwortlich.



Was alles herabfällt
Chladni will Elektrizität nicht als Erklärung gelten lassen; dafür erscheint ihm die Atmosphäre hoch oben viel zu dünn. Das Thema nimmt ihn sofort gefangen. Er durchforstet Bibliotheken nach einschlägigen Berichten: Feuerkugeln werfen demnach gar nicht selten "Funken" aus und zerspringen in Dutzenden Kilometern Höhe. Mitunter folgt heftiges Getöse, ein Rasseln oder Donnern, der dem "Rollen vieler Wagen" gleicht - und manchmal fallen sogar Steine vom Himmel!

Laien haben schon alles Mögliche herabstürzen sehen: etwa "Sterne", die großen "Hall" erzeugten, wenn man Wasser darauf goss. Oder "Blut", "Fleisch", "Schwefel", "Quecksilber" und "Geldmünzen". Kein Wunder, dass Gelehrte nur mit Amüsement auf solche Erzählungen reagieren. Weniger lustig finden sie das 1790 verfasste Protokoll des Gemeinderats von Barbotan in Frankreich. Es nennt 300 Augenzeugen eines Steinschauers. Damit, so empört sich ein Wissenschaftler, hätte man einen "physikalisch unmöglichen Vorgang" auch noch amtlich beglaubigt.

Schon 1751 wurden Augenzeugen einvernommen, die den Absturz zweier Eisenstücke im kroatischen Hraschina beobachtet hatten. Das Protokoll gelangte nach Wien, zusammen mit Zeichnungen der weithin sichtbaren "feurigen Kugel" - und der 40 kg schweren, sichergestellten Hauptmasse. Der Leiter der einst von Kaiser Franz I. gegründeten Naturaliensammlung veröffentlichte den Report erst 1790: Andreas Stütz hält die ganze Sache für ein "unverzeihliches Märchen" . Das Hraschina-Eisen sei bloß vom Blitz getroffen worden, meint er.

Don Rubin de Celis beschrieb 1788 einen anderen, höchst bemerkenswerten Fund. In Campo del Cielo, Argentinien, war er auf 80 Tonnen von "geschmeidigstem und reinsten Eisen" gestoßen - in einer Gegend, "wo 100 Meilen umher keine Eisenbrüche, keine Berge, ja nicht einmal Steine anzutreffen" waren. 150 km südwestlich des sibirischen Krasnojarsk hatte ein Schmied 1749 auf Goldsuche ebenfalls gediegenes Eisen entdeckt. Es lag "ganz oben aufeinem Schiefergebirge" . Der deutsche Forschungsreisende Peter Simon Pallas brachte die zunächst knapp 700 kg schwere Masse 1776 nach St. Petersburg. Sie gleicht "einem groben Seeschwamm löchrigen Eisens" ; die Zwischenräume sind mit "bernsteingelbem Glase" ausgefüllt. Weil sich das Pallas-Eisen sowohl von rohem als auch von geschmiedetem Eisen unterscheidet, diskutieren Gelehrte angeregt über seine Entstehung.

Chladni selbst liegt zunächst keines der rätselhaften Stücke vor. Er muss mit Beschreibungen Vorlieb nehmen. Doch darin entdeckt er Parallelen. Schließlich verwebt er Feuerkugeln, akustische Erscheinungen, Steinfälle und Eisenfunde zu einer neuen Theorie. Für ihn haben die strahlenden Kugeln nichts mehr mit Blitzen, Irrlichtern oder Polarlichtern zu tun. Sie stammen vielmehr von Objekten, die mit dem Tempo von Himmelskörpern in die Erdatmosphäre eindringen. Die Reibungshitze, so vermutet Chladni, sorge für die furiose Leuchterscheinung. Um dem Luftwiderstand wenigstens einige Sekunden lang zu trotzen, muss der Grundstoff der Kugeln "ziemlich dicht und schwer sein" ; diese "beträchtliche Schwere" lässt die abgebremsten Massen - wir nennen sie "Meteorite" - schließlich zu Boden stürzen.



Wichtiges Element Eisen
Chladni weiß: Das spezifische Gewicht der Erde ist im Mittel größer als das von Erdkrustengestein. Verborgenes Eisen würde den Widerspruch auflösen. So vermutet er einen "beträchtlichen Vorrat davon in dem Inneren der Erde" . Offenbar enthalten auch alle Meteorite "Eisen, entweder allein oder mit Schwefel oder einigen Steinteilen vermischt" . Deshalb ist Eisen für Chladni fortan nicht nur ein gemeinsames Erkennungsmerkmal der Meteorite, sondern auch ein wichtiger Bestandteil sämtlicher Weltenkörper.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2006-11-24 14:14:30
Letzte Änderung am 2006-11-24 17:07:00



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