• vom 29.07.2006, 00:00 Uhr

Kompendium


Literatur

Erinnerung an den "kleinen Fisch"




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Von Marta Marková

  • Der tschechisch-isrealische Romancier Avigdor Dagan ist heuer verstorben - Ein Besuch bei seinen Verwandten.
  • Das Wiedersehen in Jerusalem hat nicht mehr stattfinden können. Avigdor Dagan, Jahrgang 1912, starb im Mai 2006, kurz vor unserem vereinbarten Treffen. Ich war dennoch neugierig auf sein im nördlichen Jerusalem gelegenes Zuhause, das er in seinen Werken so oft beschrieben hat.

Stella Dagan, die Witwe des kürzlich verstorbenen Autors. Foto: Marková

Stella Dagan, die Witwe des kürzlich verstorbenen Autors. Foto: Marková Stella Dagan, die Witwe des kürzlich verstorbenen Autors. Foto: Marková

Sderot Hameiri in Kiriat Mosche ist eine typische Jerusalemer Durchfahrtsstraße, die einen Hügel hinan führt: zweispurig, mit einer grünen Allee in der Mitte und einer Tabaktrafik am Ende. Nach Dagans Beschreibung hatte ich mir sein Heim als kleines, gelbes Einfamilienhaus vorgestellt, doch dann stand ich plötzlich vor einem typischen Jerusalemer Gebäude: statt Ziegeln heller Naturstein.

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Durch die schwarze Gittertür mit dem Messingschild "Avigdor Dagan" hindurch sah ich die bepflanzte Terrasse, die er liebevoll "Gärtchen" genannt hatte. Man muss sie queren, um die Parterrewohnung zu erreichen. In der kleinen Halle begrüßten mich seine Hähne, die stummen Zeugen der Sammelleidenschaft des Schriftstellers. Seinerzeit hat Jan Kristofori für Dagan fast 100 Hähne gemalt. Zum Sammeln war Avigdor Dagan durch das Beispiel seines Prager Freundes, des Schriftstellers Frantiek Langer verleitet worden, der allerdings Kamele gesammelt hatte. In Wien, wo Dagan seine diplomatische Laufbahn 1978 als israelischer Botschafter beendet hatte, hatte er gute Freunde wie die Schauspielerin Lotte Ledl gefunden, doch kamen auch seine Prager Freunde zu Besuch, vor allem Frantiek Langer und dessen Frau Anicka.



Die Ehefrau erzählt
Stella Dagan, Jahrgang 1914, erwartete mich schon im Wohnzimmer. Sie saß in ihrem Rollstuhl gleich neben der Eingangstür, fast versteckt, dünn und doch sehr wach. Sie erzählte mir ihre Geschichte: Nachdem sie und ihr Mann 1949 nach Jerusalem gekommen waren, wohnten sie bis 1955 im Stadtteil Musrara, nur fünf Meter von der damaligen jordanischen Grenze entfernt. Wer waren sie damals? Dagan hieß noch Viktor Fischl und war ein Ex-Beamter des tschechoslowakischen Außenministeriums. Mit ihm kamen seine Frau und die beiden Söhne, der siebenjährige Peter Daniel, der 1942 in London geboren wurde und in Prag schon die Schule besucht hatte, und der zweijährige, in Prag geborene Martin Gabriel.

Der Schriftsteller und Übersetzer Viktor Fischl hatte eine gewisse Karriere hinter sich. Nach dem Universitätsstudium an der Karlsuniversität (Soziologie und Jus) wurde er 1935 Parlamentssekretär der tschechoslowakischen "Jüdischen Partei" ( Zidovské strany ) und Redakteur des Wochenblattes "Jüdische Nachrichten" ( Zidovské zprávy ). Ein Jahr später veröffentlichte er sein erstes Werk, den Gedichtband "Hebräische Melodien" ( Hebrejské melodie ). 1939 emigrierte er nach England, wo er in der tschechoslowakischen Exilregierung in London mit Jan Masaryk zusammenarbeitete, dem er nach dem Krieg nach Prag ins Außenministerium folgte. Diese Zeit inspirierte ihn zu dem Buch "Gespräche mit Jan Masaryk".

Als junger Mann schrieb Fischl vier Gedichtbände. Aber erst sein Prosawerk "Das Lied über das Leid" brachte ihm 1948 den Preis des Europäischen Literaturklubs (ELK). 1949 entschied er sich, nach Israel auszuwandern. "Wir wollten schon immer nach Palästina, es war unser Traum", sagt Frau Stella entschieden.

Das erste in Israel entstandene Buch schrieb er auf Hebräisch, veröffentlichte es aber noch unter seinem alten Namen. Ab wann hat er sich "Avigdor Dagan" genannt? Die Antwort auf diese Frage bekam ich von Gabriel Dagan, dem um zehn Jahre jüngeren Bruder des Schriftstellers.



Das Leben des Bruders
1949 war auch er, Pavel Fischl, nach Israel emigriert. Im Unterschied zu seinem Bruder wurde er nicht in Jerusalem ansässig, sondern in Tel Aviv. Dort begann er im israelischen Nationaltheater, der "Habima", zu spielen, später wurde er Dramaturg im von Josef Pacovský (Josef Milo) gegründeten Kammertheater.

"Als mein Bruder 1955 auf seinen ersten diplomatischen Posten entsandt werden sollte, verlangte der damalige Außenminister von ihm einen israelischen, also einen nicht deutschen Namen! Wir haben uns den Kopf zerbrochen, doch kein Name war uns recht. Ich bat eine Freundin um Hilfe, die bekannte Schriftstellerin Lea Goldberg. Sie war damals als zweiter Dramaturg in der Habima tätig. Sie schlug an die 50 Namen vor, doch keiner hat uns gefallen. So beschlossen wir, uns Zeit zum Nachdenken zu lassen und uns nach einer Woche wieder zu treffen. Dann kam Lea Goldberg mit dem Namen Dagon, denn Dag bedeutet Fisch und on klein. Fischl ist ja doch ein kleiner Fisch!

Ich war sofort einverstanden und nahm den Namen Dagon an. Ich spielte damals in einem Kammerspiel, musste meinen Namen für Plakate und Programme, die gerade frisch fertiggestellt wurden, angeben. Ich hieß bereits Dagon, als mein Bruder sagte, dass sein Minister mit der Namensänderung noch immer nicht zufrieden sei. Es habe eine historische Philister-Figur gegeben, die eben diesen Namen getragen und die Juden bekämpft hätte - vor mehr als zweitausend Jahren! Deshalb durften wir diesen Namen nicht annehmen. Mein Bruder schlug den Namen ,Dagan vor. Dagan, das bedeutet doch Roggen, erwiderte ich. Da bat er mich, zu ihm nach Jerusalem zu kommen, damit er mir den Unterschied zwischen dem kleinen Fisch und dem Roggen erklären könne. Als ich ankam, nahm er ein Blatt Papier und zeichnete ein Resch, ein hebräisches, großes R. Darin war ein kleiner Fisch, der eine Ähre Roggen im Maul hatte. Das ist der Unterschied, sagte mein Bruder."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2006-07-29 00:00:01
Letzte Änderung am 2006-07-28 16:11:00



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