• vom 11.03.2006, 00:00 Uhr

Kompendium


Astronomie

William Shakespeares Planet




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Von Christian Pinter

  • Aus der Literatur aufs Firmament - Über die Uranusmonde Oberon, Prospero & Puck
  • England, vor 225 Jahren: Am 13. März 1781 durchmustert der Musiker und Amateurastronom William Herschel den Abendhimmel über dem Kurort Bath. Er sucht nach engen Sternpaaren. Nahe dem unteren Horn des Sternbilds Stier hält er überrascht inne: Im Teleskop taucht ein grünliches Scheibchen auf - ziemlich winzig, doch ausgedehnter als gewöhnliche Fixsterne.

Zunächst glaubt William Herschel, einen neuen Kometen gefunden zu haben. In Wahrheit hat er einen fernen Riesenplaneten entdeckt, viermal größer als die Erde.


Langer Namensstreit

Mit dem ersten einschlägigen Fund seit dem Altertum erweitert Herschel das planetare Ensemble zum Septett - und verdoppelt schlagartig den Radius des Sonnensystems. König Georg III. ernennt ihn dafür zum Hofastronomen. Dankbar tauft der Entdecker das Gestirn nun "Georgium Sidus" ("Georgsstern"). Dies steht in krassem Gegensatz zu den anderen Planetennamen, die der römischen Mythologie entspringen. Bei französischen Astronomen stößt diese Verbeugung vor dem englischen König auf wenig Gegenliebe. Sie ziehen die Bezeichnung "Herschels Stern" vor. Als neutrale Alternative schlägt man die kleinasiatische Fruchtbarkeitsgöttin Kybele vor. Erst 1782 hat man ihr in Madrid ein eindrucksvolles Denkmal errichtet. Doch am Himmel setzt sie sich ebenso wenig durch wie die römische Kriegsgöttin Minerva. Selbst "Neptun" stößt damals noch auf Ablehnung. Der Gewässergott erinnert Frankreich zu schmerzlich an die letzte Niederlage seiner Flotte gegen die englische, 1782 vor der Antilleninsel Dominica. Johann Bode, Direktor des Berliner Observatoriums, bringt den Himmelsgott "Uranus" ins Spiel. Sein Wiener Kollege Maximilian Hell verwendet diesen Namen fortan in den jährlichen Planetentafeln. Als der in Berlin lebende Chemiker Martin Heinrich Klaproth 1789 das Uran entdeckt, wird es schon nach dem neuen Gestirn benannt.

Glaubt man der um 700 v. Chr. entstandenen "Theogonie" des Griechen Hesiod, so brachte die Erdgöttin Gaia den Uranus, den späteren Vater ihrer Kinder, selbst hervor - damit er sie sternreich bedecke und den seligen Göttern niemals wankender Wohnsitz sei.

Bis sich der deutsche Namensvorschlag auch international durchsetzt, werden aber noch Jahrzehnte vergehen. Einstweilen übernimmt wieder England die Regie bei der Erforschung des siebenten Planeten: 1787 stößt William Herschel auf zwei von dessen Monden. Der Bierbrauer William Lassell entdeckt 1851 zwei weitere Trabanten. Im folgenden Jahr schlägt Herschels Sohn John, mittlerweile selbst ein berühmter Himmelsforscher, Namen für die Uranusmonde vor. Ähnlich seinem Vater hadert auch er mit der antiken Mythologie: Die alten Götternamen passen für ihn nicht so recht ins Zeitalter der Wissenschaft. Deshalb wählt John keine antiken Gottheiten als Namenspatrone, sondern Figuren aus der englischen Literatur.

Spätere Entdecker folgen seinem Beispiel und machen Uranus so zu einem Unikum im Planetenreigen: Fast alle seiner heute 27 bekannten Satelliten sind nach Gestalten aus Werken William Shakespeares benannt. Und zwei entstammen dem 1712 veröffentlichten Gedicht "Der Raub der Locke" des Engländers Alexander Pope.

Für die Mondfunde seines Vaters holte John Herschel Oberon und Titania, den Elfenkönig und die Elfenkönigin aus dem "Sommernachtstraum", auf die Himmelsbühne. Dank Durchmessern von mehr als 1.500 km spielen Titania und Oberon die Hauptrollen im Uranus-Theater. Ähnlich wie die kleineren Mitglieder des Mond-Ensembles bestehen beide aus einer Mixtur von Gestein und Wassereis. Allerdings wird das Eis bei Temperaturen um minus 190 Grad C hart wie Stein und formt richtige Landschaften.

Titanias Antlitz hat arge Falten bekommen. Offenbar kühlte ihre Haut viel rascher aus als ihr Leib. Als dann tiefere Schichten endlich nachzogen, dehnte sich der Mondkörper ein wenig aus. Dabei riss das Oberflächeneis. Brüche und Täler entstanden. Die Elfenkönigin hätte trotzdem keinen Grund zur Eifersucht: Manche ihrer Schluchten stellen unseren Grand Canyon in den Schatten. Das Gesicht ihres Gatten Oberon ist älter, wie die höhere Zahl an Einschlagskratern beweist. Die "Altersflecke" werden von hellem Auswurfmaterial umkränzt.

Bei Shakespeare sind die streitenden Elfenherrscher "Geister einer anderen Art" . Doch im All fallen Parallelen zwischen ihnen und den beiden deutlich kleineren Mondfunden William Lassells auf. Für den lichtschwächsten der 1852 bekannten Satelliten wählte John Herschel den Namen "Umbriel" (vgl. lat. umbra , Schatten, Dunkelheit). Alexander Pope beschreibt diesen Geist im "Lockenraub" als traurig finsteren Wicht, dem "frohen Sonnenlicht" verhasst. In fast drei Milliarden km Erddistanz ist es mit Sonnenschein tatsächlich schlecht bestellt. Umbriel bekommt kaum drei Promille des uns vertrauten Lichts ab. Er besitzt, wie Oberon, eine überaus alte, von Kratern zernarbte Oberfläche.

Ein buntes Ensemble

Nicht ein einziger Uranussatellit hat eine Atmosphäre. Deshalb fände Ariel, der lufttrinkende Geist aus Shakespeares "Sturm", keine Labung auf seinem Mond. Auch Ariel besticht, ähnlich Titania, mit eindrucksvollen Can-yons. Erstarrte Eislava bedeckt deren Böden. Mit Durchmessern unter 1.200 km könnte man Ariel und Umbriel gerade zwischen Wien und London schieben. Die kleinere Miranda, 1948 von Gerard Kuiper entdeckt, reichte kaum bis zum Bodensee. In Shakespeares "Sturm" ist Miranda die geistvoll scherzende weibliche Hauptfigur. Im Sonnensystem mutet sie geradezu einzigartig an. Nirgendwo sieht man Vergleichbares. Unterschiedlich alte und höchst gegensätzliche Geländeformationen aus Eis prägen ihre Oberfläche. Sie sind scharf von einander abgegrenzt. Es gibt kraterzernarbte Ebenen, aber auch Regionen mit teils parallelen, teils einander kreuzenden Höhenzügen. Vielleicht folgte dieser Himmelskörper einst einer etwas anderen Bahn und wurde deshalb von der Anziehungskraft eines Nachbarsatelliten "durchgeknetet". Die dabei auftretende Reibung erhitzte das Mondinnere, was wiederum tektonische und vulkanische Prozesse in Gang setzte. Nach einer weiteren Bahnänderung versiegte die Energiequelle wieder. Miranda erstarrte.

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Schlagwörter

Astronomie, Uranus

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2006-03-11 00:00:01
Letzte Änderung am 2006-03-10 16:40:00



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