• vom 25.02.2006, 00:00 Uhr

Kompendium


Weltraum

Ein Kosmos in Pastell




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Von Christian Pinter

  • Die Farben der Sterne sind eine Herausforderung für das Sehvermöge n

Seit dem 20. Mai 1990 verblüfft uns das Hubble-Weltraumteleskop mit spektakulären, bunten Bildern aus dem All. Hingegen mutet uns der Kosmos, blicken wir selbst zum Firmament hinauf, farblos an. Wir sehen zunächst bloß weiße oder graue Lichtpünktchen vor schwarzem Hintergrund. Lügen die Farbfotos oder ist das menschliche Auge, himmelskundlich betrachtet, eine "Fehlkonstruktion"?


Im Prinzip sind die Sterne Sonnen wie die unsere - allerdings höchst unterschiedlich temperiert. Anhand ihrer Spektren und abfallender Hitzegrade ordnet man sie den Klassen O, B, A, F, G, K und M zu. (Merksatz: "Oh Be A Fine Girl/Guy Kiss Me" .) Im Inneren der mächtigen Himmelsgaskugeln verschmelzen leichte Atomkerne zu schwereren. Die so erzeugte Energie dringt langsam zur Sternoberfläche vor. Astronomen nennen sie "Photosphäre" (griechisch photos bedeutet: das Licht). Sie sendet elektromagnetische Strahlung aller Wellenlängen aus, darunter auch sichtbares Licht. Deshalb leuchten Sterne grundsätzlich weiß.

Könnte man einen Fieberthermotmeter in die Photosphäre unserer Sonne stecken, kletterte er auf 5.500 Grad C. Doch Sterne mit größerer Masse strahlen um vieles heißer. Das Maximum ihrer Lichtabgabe zielt darum in Richtung Blau oder gar Ultraviolett. So mischt sich etwa bei Iota Orionis oder bei Zeta Orionis, Orions linkem Gürtelstern, ein Schuss Blau ins Sternenweiß. Beide gehören zur Spektralklasse O, deren Mitglieder bis zu 50.000 Grad C heiß werden. Ebenfalls sehr hitzig geht es auf den B-Sternen zu. Temperaturbereich: 25.000 bis 11.000 Grad. Die meisten hellen Orion-Sterne reihen sich hier ein und zeigen deshalb bläulichen Einschlag.

Sirius im Großen Hund oder Castor in den Zwillingen repräsentieren die A-Klasse. Bei Temperaturen über 7.500 Grad lässt sich der bläuliche Ton meist nur erahnen; das Sternenweiß mutet einfach "kalt" an. Praktisch ohne Farbstich nimmt man die über 6.000 Grad heißen F-Sterne wahr - etwa den berühmten Polarstern. In scheinbar "warmes", also leicht gelbliches Weiß kleiden sich hingegen G-Sterne wie Capella im Fuhrmann. Auch unsere Sonne gehört zu dieser Spektralklasse.

Bei den kühleren Sternen rückt das Maximum der Lichtproduktion zunehmend gegen gelb oder orange. Aldebaran im Stier und Pollux in den Zwillingen gehören zu Klasse K. Photosphärentemperaturen zwischen 4.700 und 3.200 Grad C sorgen für gelblichen, golden, mitunter auch etwas orangefarbigen Einschlag. In etwas deutlicheres Orange hüllen sich die noch kühleren M-Sterne, wie etwa Beteigeuze im Orion beweist.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als noch sehr wenige Spektraluntersuchungen vorlagen, zog man Sternfarben zur Abschätzung der Oberflächentemperaturen heran. Eine britische Amateurastronomengruppe verglich die Tönungen von 900 Sternen mit einer neben das Teleskop gelegten Farbtafel. Kein leichtes Unterfangen - sehen die Sternfarben doch allesamt blass aus. Die Farbsättigung ist bescheiden. So dominiert Weiß in den heißen Klassen O und B mit einem Anteil von 90 Prozent. Kein Wunder, dass Josef Johann Littrow, 1819 bis 1840 Direktor der Wiener Sternwarte, das "Fehlen" wirklich blauer Sterne beklagte. Selbst bei den kühlsten M-Sternen beträgt der Weißanteil noch 80 Prozent.

Orions Schulterstern Beteigeuze hat das Ende seiner Karriere erreicht. Er hat sich mächtig aufgebläht, ist 700 Mal größer als unsere Sonne. Dabei sank die Oberflächentemperatur auf 3.000 Grad C. In der dünnen Gasatmosphäre solcher Riesensterne kondensiert bereits wieder Staub aus: Vor allem das darin enthaltene Titanoxid schluckt den Blauanteil des Photosphärenlichts. Die Sternoberfläche erscheint deshalb in einem etwas kräftigeren Orangeton, als es ihrer Temperatur entspricht.

Rote Riesen im Teleskop

Noch effizienter filtern Kohlenstoffverbindungen kurzwelliges Licht fort. Der im Teleskop eindrucksvolle W Orionis zählt zu diesen Kohlenstoffsternen. 1845 verglich John Hind den Kohlenstoffstern R Leporis - sein Sternbild "Hase" hockt zu Orions Füßen - mit einem "Blutstropfen". Knapp zuvor hatte William Herschel die Konstellation des Cepheus gemustert und dessen Riesenstern My Cephei "Granatstern" getauft. Freilich: In Relation zu den kräftigen Farben, die uns im Alltag umgeben, schimmern auch diese Sterne bloß pastell. Wirklich "rote" Riesen gibt es zwar in der astronomischen Terminologie - am Nachthimmel aber suchen wir sie vergeblich. Ähnlich blass getönt sind rote Zwerge. Diese kühlen, lichtschwachen Gnome entziehen sich dem freiäugigen Blick - obwohl doch etliche von ihnen in unmittelbarer Sonnenumgebung weilen. Arm an Brennstoff, glimmen sie oft kühler als der Leuchtfaden einer Glühbirne. Mit noch geringerer Masse müssen die braunen Zwerge auskommen. Bei Temperaturen weit unter 1.700 Grad C kondensiert Natrium in den Atmosphären der Ministerne aus. Es schluckt den Gelbanteil des Photosphärenlichts. Könnten wir braune Zwerge sehen, hätten diese wohl einen purpur- bis magentafarbigen Teint.

Farbeindrücke sind grundsätzlich auch von der Helligkeit abhängig. Intensives Licht "überlädt" die Rezeptoren, lässt Farben ausbleichen. In der Regel muten punktförmige Gebilde blasser an als flächige. Um kräftigere Farben wahrzunehmen, stellen erfahrene Beobachter Fernglas oder Fernrohr bewusst ein wenig unscharf: Die Sternpünktchen zerrinnen zu Scheibchen, die Farbsättigung steigt.

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Dokument erstellt am 2006-02-25 00:00:01
Letzte Änderung am 2006-02-24 14:42:00



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