• vom 22.07.2005, 10:36 Uhr

Kompendium

Update: 22.07.2005, 10:51 Uhr

Canetti

Dichterspuren in Ruse




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Von Mella Waldstein

  • Eine Wanderung durch Elias Canettis Geburtsstadt in Bulgarien

Der Hauptplatz von Ruse - oder "Rustschuk", wie der türkische Name lautet.

Der Hauptplatz von Ruse - oder "Rustschuk", wie der türkische Name lautet.

Die Stadtbibliothek von Ruse, in der Canettis Bücher auch in deutscher Sprache aufliegen. Fotos: Manfred Horvath

Die Stadtbibliothek von Ruse, in der Canettis Bücher auch in deutscher Sprache aufliegen. Fotos: Manfred Horvath Die Stadtbibliothek von Ruse, in der Canettis Bücher auch in deutscher Sprache aufliegen. Fotos: Manfred Horvath

Hier verliert die Donau ihre Konturen, sie geht in die Breite. Im Abendlicht liegt Ruse, eine durchschnittliche osteuropäische Stadt: Industriegürtel, Hochhausgürtel und eine Altstadt, die zur Donau hin abfällt. Der Reiseführer vermerkt: "Zunächst wird nichts Ihre Aufmerksamkeit fesseln. Die Landschaft ist flach und eintönig, Ruse selbst ist zwar die viertgrößte Stadt und der größte Donauhafen Bulgariens, ansonsten aber für einen Besucher aus dem Ausland ohne größeres Interesse. Es wäre denn, er wollte unbedingt die Stadt kennen lernen, in der Elias Canetti geboren wurde."

"Canetti?" , frage ich erwartungsvoll, als ich die Buchhandlung in der Fußgängerzone betrete. "Canetti" , antwortet freundlich die Verkäuferin und führt mich zu einem Regal, in dem ein Dutzend Bücher des Nobelpreisträgers aufgereiht ist. Die Kunden im Geschäft beugen sich aber lieber über Computerfachbücher, blättern in Französich-, Englisch- oder Deutschlehrbüchern oder schmökern in Managementbroschüren. Man will wieder dorthin kommen, wo man schon einmal gewesen ist: Zur Vielfalt von Kulturen und Sprachen, die regen Handel und Wohlstand mit sich brachten. Elias Canetti hat in seinem Erinnerungsband "Die gerettete Zunge" das versunkene Bild von Ruse - er nennt seine Heimatstadt mit ihrem türkischen Namen: "Rustschuk" - lebendig erhalten:

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"Rustschuk, an der unteren Donau, wo ich zur Welt kam, war eine wunderbare Stadt für ein Kind, und wenn ich sage, dass sie in Bulgarien liegt, gebe ich eine unzulängliche Vorstellung von ihr, denn es lebten dort Menschen der verschiedensten Herkunft, an einem Tag konnte man sieben oder acht Sprachen hören. Außer den Bulgaren, die oft vom Land kamen, gab es noch viele Türken, die ein eigenes Viertel bewohnten, und an dieses angrenzend lag das Viertel der Spaniolen, das unsere. Es gab Griechen, Albanesen, Armenier, Zigeuner. Vom gegenüberliegenden Ufer der Donau kamen Rumänen, meine Amme, an die ich mich aber nicht erinnere, war eine Rumänin. Es gab, vereinzelt, auch Russen. Als Kind hatte ich keinen Überblick über diese Vielfalt, aber ich bekam unaufhörlich ihre Wirkung zu spüren."

In der Bibliothek, die gegenüber vom Stadttheater liegt, freut sich eine Mitarbeiterin über meine Suche nach Canettis Werken. Schon ruft sie die Direktorin Iskra Kancheva herbei und bietet mir Kaffee an. "Aus Wien kommen Sie" , stellt Frau Kancheva zufrieden und in fließendem Deutsch fest. Sie drückt mir eine Kopie der Geburtsurkunde von Elias Canetti in die Hand. "Akt Nr. 477. Elias Canetti, geboren am 25. Juli 1905 um 11 Uhr vormittags . . ."

Fiktion und Wirklichkeit

Dieser Urkunde werde ich in Ruse noch öfter begegnen; und den Programmheften des letzten Canetti-Symposiums, in dem man sich unter anderem mit der Bedeutung der oralen Erzählkultur Bulgariens für Canettis Werk beschäftigte. Auch die Geschichten von Canettis Amme, die vom gegenüberliegenden Donauufer, aus Rumänien, stammte, trugen ihren Teil bei zur Aufhebung von Wirklichkeit und Fiktion in Canettis Werk.

"Wir sind stolz, einen so großen Mann zu haben" , beteuert die Direktorin. "Immer habe ich zugehört, wenn er auf Radio Free Europe in bulgarischer Sprache seine Kapitel über Ruse vorgelesen hat." Im Lesesaal zeigt sie Canettis Bücher in deutscher Sprache: "Das Gewissen der Worte", "Die gerettete Zunge", "Die Fackel im Ohr" und "Die Blendung", mit einem Widmungsstempel der Republik Österreich. Dass es nur für eine Taschenbuchausgabe gereicht hat, beschämt ein wenig.

Wien war- nach einem zweijährigen Aufenthalt in Manchester - Canettis zweite Station auf seinem europäischen Lebensweg. Wien war die Stadt, in der sich seine Eltern kennen lernten, Wien war die Anbindung zur Welt. "Die übrige Welt hieß dort Europa ", schreibt Canetti in seinen Erinnerungen, ". . . und wenn jemand die Donau hinauf nach Wien fuhr, sagte man, er fährt nach Europa, Europa begann dort, wo das türkische Reich einmal geendet hat."

Geheimnisvolles Deutsch

Deutsch war auch die Sprache, in der sich seine Eltern unterhielten, wenn etwas nicht für Kinderohren bestimmt war. Der kleine Elias prägte sich Wort für Wort ein, ohne den Sinn zu verstehen. Die geheimnisvolle Erfahrung von dieser Sprache war es, die ihn später zu einem deutschsprachigen Dichter werden ließ. Die Alltagssprache der Familie war Spaniolisch.

Eine Reise der Canettis im Jahre 1915 von "Europa" in die alte Heimat offenbarte auch eine andere Seite der Heimatstadt. "Rustschuk wurde von den Spaniolen, die ich in England und Wien kannte, nur mit Verachtung erwähnt, als ein provinzielles Nest ohne Kultur, wo die Leute gar nicht wussten, wie es in "Europa" zugeht . . . Nur der Großvater, der sich nie für etwas schämte, sprach den Namen der Stadt mit feurigem Nachdruck aus, da war sein Geschäft, das Zentrum seiner Welt, da waren die Häuser die er mit wachsendem Wohlstand erworben hatte. "

Die Ulica Slavianska führt zur Donau hinab. Die Bürgerhäuser an dieser Straße könnten auch in Triest, Graz, Brünn oder Teschen stehen. Über der Einfahrt des Hauses Nr. 12 befindet sich ein Monogramm. Das C steht für Canetti. In dem Haus ist ein Lager untergebracht. Doch bald soll es Begegnungsstätte und Kulturzentrum werden. In der Ulica Slavianska residierte Canettis Großvater in seinem Kontor. Er handelte mit Kaffee, Tee, Reis, Schokolade, Streichhölzern, Seifen, Sensen. "Auf dem Boden standen große Säcke mit verschiedenen Getreidesorten, es gab Säcke mit Hirse, mit Gerste und solche mit Reis. Ich durfte, wenn meine Hände sauber waren, hineingreifen und die Körner fühlen. Das war ein angenehmes Gefühl."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2005-07-22 10:36:30
Letzte ─nderung am 2005-07-22 10:51:00



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