• vom 22.07.2005, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 22.07.2005, 11:57 Uhr

Canetti

Der große Auftritt mit der Schnur




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Von Eduard März

  • Eine wenig schmeichelhafte Erinnerung an Elias Canetti

Im Laufe meines nun schon recht langen und auf Grund der unruhigen Zeitläufe einigermaßen bewegten Lebens hatte ich immer wieder Gelegenheit, eindrucksvollen Persönlichkeiten zu begegnen. Einigen von ihnen, allen voran meinem verehrten Lehrer, dem großen österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter, habe ich mit Freude Worte der Erinnerung gewidmet. Etwas anders steht es um meine wiederholten Begegnungen mit Elias Canetti im Wien der dreißiger Jahre, denen ich aus eigenem Antrieb wohl kaum einen Aufsatz gewidmet hätte. Wenn ich mich nach langem Zögern nun doch entschließe, über dieses Thema zu berichten, so tue ich dies vorrangig aus dem Gefühl der Verantwortung des Zeitzeugen gegenüber der historischen Wahrheit und aus dem Befremden darüber, wie sehr Elias Canetti in seinen Lebenserinnerungen diese Wahrheit "umdichtet". (In diesem Zusammenhang möchte ich meinem Freund Robert Schediwy für sein Interesse und seine technische Hilfe bei der Erstellung dieses Manuskriptes herzlich danken.)

Vor allem der dritte Band seiner Memoiren, das "Augenspiel", scheint mir ein Musterbeispiel jenes "selektiven Erinnerungsvermögens" zu sein, das in letzter Zeit in Österreich mit Recht heftiger Kritik ausgesetzt war. Viele von Elias Canettis engsten Freunden und Bewunderern aus jener Zeit, in der auch ich ihm begegnete, kommen in diesem Buch kaum vor, wobei manches dafür spricht, dass dies wegen ihrer politischen Anschauungen geschah, an die der Literaturnobelpreisträger wohl heute nicht mehr erinnert werden möchte. Darüber hinaus finden sich in diesem Memoirenwerk auch derart verletzende und mitleidlose "Abrechnungen" mit längst Verstorbenen, dass sie mich an einige Szenen erinnern, die ich mit Canetti selbst erlebte, und in denen er naive und ein wenig selbstgefällige, aber durchaus gutartige Menschen in wenig humaner Weise bloßstellte.

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Die vergessenen Freunde

Meine erste Begegnung mit Elias Canetti im Wien der frühen dreißiger Jahre verdanke ich dem damaligen Redakteur der "Arbeiter-Zeitung" und späteren kommunistischen Minister und Abgeordneten Ernst Fischer. Dieser brillante Mann, der leider einen Teil seiner großartigen Begabung in wenig sinnvollen tagespolitischen Engagements verzettelt hat, war damals allem Anschein nach Elias Canettis engster Freund. Ich habe die beiden jedenfalls immer zusammen gesehen, ja sie waren geradezu unzertrennlich. Dies geht auch aus Ernst Fischers Memoiren hervor, der glaubwürdig berichtet, er habe anlässlich der Geschehnisse des 12. Februar 1934 mit seiner Frau Unterschlupf bei Canetti gefunden. Übrigens berichtet auch diese, Ruth von Mayenburg, in ihren Lebenserinnerungen über das enge und herzliche Verhältnis zu Canetti.

Ernst Fischer, der ja auch später mit seinen Verdiensten um den "Prager Frühling" und einen "Kommunismus mit menschlichem Antlitz" eine höchst achtenswerte, wenn auch tragisch erfolglose Rolle gespielt hat, ist gewiss ein Freund, dessen sich auch ein Nobelpreisträger nicht zu schämen braucht. Um so befremdlicher erscheint es, dass er im dritten Band von Canettis Erinnerungswerk nur ganz am Rande, nämlich als Teilnehmer an einer Lesung aus dem Manuskript der "Blendung" Erwähnung findet.

Während aber Fischer immerhin noch kurz genannt wird, finden andere von Canettis Freunden aus dem gleichen Milieu überhaupt keine Erwähnung: Ich denke hier vor allem an Fritz Jerusalem, der sich später Fritz Jensen nannte, und an Walter Hollitscher. Wann immer ich Elias Canetti traf, war das in Zirkeln radikal linker Intellektueller, und Fischer, Hollitscher und Jerusalem waren hier Canettis engste Freunde und literarische Anhänger.

Walter Hollitscher, später Professor an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin und philosophischer "Guru" der KPÖ, fand sich stets "zu Füßen" Canettis, der mit seiner unbestreitbaren dialektischen Begabung zweifellos eine große Faszinationskraft ausstrahlte.

Ein durchaus beachtenswerter Freund und Bewunderer Canettis aus diesem Kreis war auch der junge Mediziner Fritz Jerusalem. Er hatte später eine relativ hohe Funktion bei den "Internationalen Brigaden" im Spanischen Bürgerkrieg inne, ging dann als Arzt nach China, wurde Fernostkorrespondent kommunistischer Zeitungen und schrieb unter dem Schriftstellernamen Fritz Jensen das seinerzeit viel beachtete Buch "China siegt". Er kam 1955 bei einem geheimnisumwitterten Flugzeugunglück auf dem Flug nach Bandung ums Leben.

Warum kommen diese durchaus farbigen Charaktere im dritten Band von Elias Canettis Autobiographie nicht zur Sprache, warum enthält auch der zweite Band nur einen sehr diskreten Hinweis auf die sogenannten "Phelonen", einen einschlägigen privaten Intellektuellenzirkel? Nun, es scheint, als ob Elias Canetti heute einen diskreten Schleier über seine Nähe zu linken und kommunistischen Freunden legen wollte. Angesichts der Bedrohung durch den Faschismus und der damals noch ungenügenden Kenntnisse über die Verbrechen des Stalinismus ist die radikal linke Einstellung, die wir damals mit vielen Intellektuellen teilten, aus heutiger Sicht gewiss nicht als ehrenrührig zu betrachten. Dennoch mag hier ein möglicher Ansatzpunkt für "Verdrängungen" liegen.

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Dokument erstellt am 2005-07-22 00:00:00
Letzte nderung am 2005-07-22 11:57:00



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