• vom 01.07.2005, 12:32 Uhr

Kompendium

Update: 01.07.2005, 12:51 Uhr

Weltraum

Martialisches Manöver




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christian Pinter

  • Am 4. Juli wird der Komet "Tempel 1" von der NASA "beschossen"

Ein "Brösel" des Meteoriten "Orgueil" unter dem Mikroskop. Foto: Pinter

Ein "Brösel" des Meteoriten "Orgueil" unter dem Mikroskop. Foto: Pinter Ein "Brösel" des Meteoriten "Orgueil" unter dem Mikroskop. Foto: Pinter

Ernst Tempel, geboren am 4. Dezember 1821 im sächsischen Niedercunnersdorf, ist Lithograph. Zunächst arbeitet er in Kopenhagen, später in Venedig. Dort erwacht sein Interesse an der Himmelskunde. Er beobachtet das Firmament, hält Ausschau nach bisher unbekannten Objekten. 1859 geht ihm tatsächlich ein Komet ins Netz - ein Dutzend weiterer wird folgen. Tempel will die Astronomie nun professionell betreiben. Er besitzt jedoch keine wissenschaftliche Ausbildung. Am Pariser Observatorium lehnt man seine Aufnahme ab. An der Sternwarte Marseille akzeptiert man ihn nur wenige Monate lang. Tagsüber wieder Lithograph, betätigt sich Tempel nachts als Amateurastronom. Er stöbert fünf Kleinplaneten auf.


Im April 1867 findet er jenen Himmelsvagabunden, den man später "Tempel 1" nennen wird. Vier Jahre danach muss er, weil Deutscher, Frankreich verlassen. Giovanni Schiaparelli nimmt ihn als Assistent am Mailänder Observatorium auf. Der Italiener berechnet die Raumbahn jener Sternschnuppen, die Mitte November über den Himmel huschen. Sie stimmt mit dem Orbit des Kometen Tempel-Tuttle überein, den Tempel und Horace Tuttle 1865/66 entdeckt haben. Offenbar verliert der kosmische Vagabund Material. Kreuzt die Erde die Kometenbahn, verdampfen Teilchen in der Lufthülle.

Staub und Gas im Schweif

Ein Foto des Kometen "Wild 2" - "Tempel 1" ist ähnlich zernarbt. Foto: NASA

Ein Foto des Kometen "Wild 2" - "Tempel 1" ist ähnlich zernarbt. Foto: NASA Ein Foto des Kometen "Wild 2" - "Tempel 1" ist ähnlich zernarbt. Foto: NASA

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften zeichnet Ernst Tempel mehrfach aus. Mit Hilfe eines seiner Funde aus dem Jahr 1864 werden erste Kometenspektren angefertigt - unter anderem von Giovanni Donati nahe bei Florenz. Sie belegen: Im Kometenschweif gibt es nicht nur Staub, sondern auch Gas. Donati, selbst Entdecker, fand 1858 den prächtigen Himmelsvagabunden, von dem helle parabolische Hüllen fortzogen. Offensichtlich strömte die Materie auf der sonnenzugewandten Seite des Kometenkopfs mit hohem Tempo ins All hinaus.

Nach Donatis Tod schlägt Schiaparelli seinen deutschen Assistenten als Leiter der nun verwaisten Sternwarte in Arcetri vor. Doch diese Stelle ist nur sehr dürftig datiert. Tempel führt das halbfertige Observatorium am Sterbeort Galileis als Einmannbetrieb. Tempel stirbt am 16. März 1889.

116 Jahre später nimmt die NASA den Kometen Tempel 1 aufs Korn. Vor langer Zeit verdammte ihn eine Begegnung mit dem Riesenplaneten Jupiter dazu, immer wieder ins innere Planetensystem zurückzukehren. Heute pendelt er auf einer sehr exzentrischen Ellipse zwischen den Bahnen von Jupiter und Mars hin und her. Nur etwa 14 mal 5 km klein, kommt der erdnussförmige Himmelskörper alle 5½ Jahre "ins Schwitzen": In Sonnennähe verwandelt sich das Wassereis knapp unter seiner Oberfläche in Gas. Hoher Druck treibt es in den Weltraum.

Dabei wird Staub mitgerissen. Er reflektiert die Sonnenstrahlen, während solares UV-Licht das Gas zum Leuchten bringt. Rasch bildet sich in diesem Bahnabschnitt um den Kern eine auffällige Hülle, die Koma (vgl. griech. kome , Haar). Nähern sich die "Haarsterne" der Sonne noch mehr, erfasst der Sonnenwind Gas und Staub und formt daraus die berühmten Kometenschweife. In ihnen hat die Spektralanalyse seit Donatis Lebzeiten schon vier Dutzend verschiedener Moleküle identifiziert. Zu den komplexesten zählt das erst jüngst nachgewiesene Ethylenglykol.

Das Innere von Kometen besteht wohl aus einem Konglomerat von Eis, Steinchen und Staub. Deshalb verglich sie Fred Whipple 1950 mit "schmutzigen Schneebällen" . Die Staubkörner an der rauen Oberfläche tragen wahrscheinlich silikatische Kerne in sich, die von organischen Verbindungen und anfangs auch noch von Wassereis ummantelt sind. Beim Bad in der Sonne gehen die flüchtigen Substanzen verloren. Die so veränderten organischen Mäntel kleben aneinander, bauen eine schwarze Kruste auf. Sie wächst mit jeder neuen Annäherung an die Sonne.

Weil Tempel 1 das vermutlich schon mehr als hundert Mal gemacht hat, ist seine Kruste mehrere Meter dick. Auf dem Weg ins Vakuum hinaus müssen sich Gas und Staub durch Risse oder Poren dieser Deckschicht zwängen. Besitzer größerer Amateurteleskope erspähen den äußerst lichtschwachen Kometen jetzt nahe dem hellen Stern Spica in der Jungfrau. Im Juli durchläuft er wieder seinen sonnennächsten Bahnpunkt. Wenige Stunden zuvor wird er jedoch das Opfer eines bösen Angriffs.

Die Sonde "Deep Impact" steuert auf ihn zu. Zunächst nur, um ein paar Fotos zu machen, sodass den Forschern bald Nahaufnahmen von insgesamt vier Kometenkernen vorliegen werden. 1986 porträtierte die europäische Sonde "Giotto" den Schweifstern Halley, 2001 beäugte der NASA-Roboter "Deep Space 1" dessen Kollegen Borrelly, und im Vorjahr nahm die US-Sonde "Stardust" den Kometen "Wild 2" unter die Lupe. Die Oberfläche dieser nur 4 km kleinen Welt ist von etlichen Kratern gezeichnet. Sie zeugen von Kollisionen mit noch winzigeren Himmelskörpern.

Mit Fotos allein begnügt sich Deep Impact ( impact , engl. Einschlag, Wirkung) aber nicht. Am 3. Juli entlässt sie ihre nur einen Meter kleine Tochtersonde. Diese nähert sich "Tempel 1" noch mehr, überwindet in jeder Sekunde 10,2 km. Ihre Bordkamera hält immer feinere Details fest. Die Muttersonde spielt Relaissatellit, leitet die Kometenbilder zur Erde weiter. Bei uns treffen sie 7,5 Minuten später ein. So lange braucht der lichtgeschwinde Datenstrom, um 134 Millionen km zu überwinden. Die letzte Aufnahme sendet das kleine Raumfahrzeug am 4. Juli knapp vor 8 Uhr MEZ. Augenblicke später existiert es nicht mehr.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Weltraum, Kometen, Weltuntergang

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2005-07-01 12:32:50
Letzte Änderung am 2005-07-01 12:51:00



Werbung




Werbung


Werbung