• vom 18.03.2005, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 11.04.2005, 15:00 Uhr

Astronomie

Grenzen am Himmel




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Von Christian Pinter

  • Vor 75 Jahren erhielten die Sternbilder ihren verbindlichen Umriss

Gleich nach dem Ersten Weltkrieg gründen Himmelsforscher im belgischen Brüssel die Internationale Astronomische Union (IAU), um die Zusammenarbeit über irdische Grenzen hinweg zu fördern. Die IAU soll unter anderem dort, wo Standardisierungen nötig sind, als maßgebende Instanz wirken. Schon bei ihrem ersten Zusammentreten im Jahr 1922 schreibt die Generalversammlung der IAU den Bestand der Sternbilder fest. Niemand darf von nun an Konstellationen hinzufügen oder streichen.


Die Mehrzahl der uns vertrauten Sternbilder ist Tausende von Jahren alt. Oft griffen die Griechen Motive aus Mesopotamien auf, die sie dann mit eigenen Legenden verwoben. Ihre Figuren agieren meist miteinander, spielen Rollen in wahren Himmelsdramen: So kämpft etwa Herkules mit dem Drachen, dem Krebs und dem Stier. Er tötet den Löwen und die Wasserschlange, durchbohrt den Adler mit dem Pfeil. Ein anderer Held, Perseus, rettet die Andromeda, Tochter des Königs Cepheus und der eitlen Cassiopeia, vor dem Meeresungeheuer Cetus - bei uns "Walfisch" genannt. Zuvor köpft er die todbringende Medusa, deren Rumpf das geflügelte Ross Pegasus entsteigt.

All diese Figuren sind zu Sternbildern geworden, mit Ausnahme des schrecklichen Medusenhaupts. Es ist bloß ein Bestandteil der Perseus-Figur und damit gleichsam "gebannt".

Die Namen der Sternbilder

48 griechische Konstellationen bilden das Rückgrat unseres Sternbilderhimmels. Seit dem 16. Jahrhundert vermehrten Astronomen den klassischen Bestand mit weiteren Figuren. Sie fügten diese in unbesetzt gebliebene Räume ein und hofften darauf, dass ihre Schöpfungen in neue, gute Sternkarten aufgenommen würden. Nur so bestand eine Chance auf allgemeine Anerkennung. Nicht selten wurden die jungen Kreationen von späteren Kartenzeichnern allerdings wieder eliminiert.

Das größte Niemandsland bildete die Region rund um den himmlischen Südpol, die den Griechen verborgen geblieben war. Ab 1595 bestückten die niederländischen Seefahrer Pieter Keyzer und Frederick de Houtman sie mit einem Dutzend neuer Bilder. Seither tummeln sich dort Vögel wie Pfau, Paradiesvogel, Tukan oder Kranich. Ab 1751 füllte Nicolas de Lacaille 14 weitere Lücken am Südhimmel auf. Er wählte dazu unter anderem Namen von Erfindungen seiner Epoche. Mit "Mikroskop", "Luftpumpe", "Fernrohr" oder "Pendeluhr" brach der Franzose radikal mit dem "zeitlosen" Charakter der kosmischen Bilderwelt.

Selbst am Nordhimmel gab es noch Lücken zu füllen. Wahrscheinlich war es Jakob Bartsch, der Schwiegersohn Keplers, der dazu Einhorn und Giraffe ersann. Der Danziger Astronom Johannes Hevelius erweiterte die himmlische Menagerie jedenfalls um Luchs, Füchse, Eidechse, Kleiner Löwe und Jagdhunde. Sein 1690 publizierter Atlas war dem polnischen König Johann III. Sobieski gewidmet, der die türkischen Belagerer vor Wien geschlagen hatte. Ihm schenkte Hevelius das Sternbild "Schild des Sobieski". Es wurde später entpolitisiert und zum schlichten "Schild".

Andere Ehrbezeugungen für Könige und Gönner hat die Zeit restlos getilgt - etwa die "Karlseiche", die "Georgsharfe" oder das "Brandenburgische Szepter". Johann Bodes "Luftballon", seine "Elektrisiermaschine" und die "Buchdruckerwerkstatt" existierten nur kurz. Auch die "Katze", das "Rentier" oder der "Kleine Krebs" zogen sich wieder vom Himmel zurück. Der "Mauerquadrant" löste sich gleichsam in Sternschnuppen auf: Einzige Erinnerung an dieses Bildchen sind die stets zu Jahresbeginn von dort ausstrahlenden Meteore, "Quadrantiden" genannt.

Machen wir Inventur: Tierfiguren wie Skorpion, Rabe oder Chamäleon bilden fast die Hälfte der 88 verbliebenen Sternbilder. Manchmal verstecken sich darin Götter oder Menschen. So verführte etwa Zeus die Leda in Gestalt des Schwans. Die von Zeus ebenfalls geschwängerte Kallisto wurde in den Großen Bären verzaubert, ihr Vater, der grausame König Lykaon, in den Wolf. Einst tarnte sich der fliehende Gott Pan als Ziege. Noch während seiner Verwandlung sprang er in einen Fluss. Deshalb trägt der Steinbock einen Fischschwanz.

Jedes sechste Sternbild verkörpert - ganz ohne Metamorphose - ein göttliches oder menschliches Wesen. Dazu zählen unter anderem der Wassermann, der Jäger Orion und der Bärenhüter Bootes. Der Frauenanteil erschöpft sich in Jungfrau, Andromeda und Cassiopeia. Selbst wenn man das Haar der Berenike hinzuzählt, bleibt die Quote unerfüllt. Zentaur und Schütze sprengen Kategorien: aus ihrem Pferdeleib ragt ein menschlicher Oberkörper.

Ein Drittel der Bilderwelt widmet sich unbelebten Objekten wie Waage, Leier oder Becher. Schiffskiel, Hinterdeck und Segel formten einst das Schiff Argo. Es stach in See, um das goldene Vlies zu holen. Dessen einstiger Träger weilt, nebenbei bemerkt, ebenfalls am Firmament: der Widder.

Manche Bilder gibt es in zwei Versionen: Hund, Löwe und Bär treffen wir in großer und in kleiner Ausgabe an. Krone, Dreieck und Wasserschlange kennen ein Pendant am Südhimmel. Zwillinge, Fische und Jagdhunde brauchen kein Double: Sie sind an sich schon doppelgestaltig.

Im Jahr 1922 sind Anzahl und Namen der Sternbilder endgültig normiert. Deren Grenzen sind jedoch noch nicht einheitlich gezogen und werden weiterhin freihändig gezeichnet. Jede Figur ist von einem unregelmäßigen Linienzug umschlossen, wobei die einzelnen Kartenwerke voneinander abweichen. Manche Sternchen landen, je nach Autor, einmal in diesem, dann wieder im benachbarten Sternbild. Natürlich sucht die IAU Abhilfe. Der Belgier Eugene Delporte soll die Konstellationen verbindlich abzirkeln.

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Astronomie

Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2005-03-18 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-11 15:00:00


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