• vom 13.12.2002, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:18 Uhr

Wissenschaft

Gefangen in ewiger Eiszeit




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Von Christian Pinter

  • Ganymed -der größte Mond des Planetensystems

Zöge er um die Sonne, würden wir ihn "Planet" nennen. Mit einem Durchmesser von 5.260 km ist Ganymed größer als Pluto (2.250 km) oder Merkur (4.880 km). Doch weil er selbst um einen Planeten kreist, gilt er bloß als Mond. Er ist der mächtigste im ganzen Sonnensystem.


Touristen

Vielleicht werden irgendwann auch Menschen auf Ganymed landen. Sie bewegten sich auf dem Jupitermond ähnlich leichtfüßig, wie einst die Apollo-Astronauten auf dem irdischen Begleiter. Wer normalerweise 70 kg wiegt, bringt dort nur 10 kg auf die Waage. Möglicherweise würden Ganymed-Besucher zuerst gar nicht auf den braunen Boden zu ihren Füßen schauen - sondern am pechschwarzen, sternenübersäten Himmel Ausschau nach der fernen Heimat halten. Von Ganymed aus betrachtet, erscheint die Erde nur mehr als Lichtpunkt: manchmal so hell wie die prominentesten Sterne, dann wiederum zu schwach, um überhaupt erspäht zu werden.

Jupiter, der gewaltigste Planet des Sonnensystems, blickt dafür wie ein neugieriges Auge auf die Raumfahrer herab. Er ist nun 15-mal so groß wie der irdische Mond am Himmel über der Erde, und gleich drei Dutzend Mal heller. Während Ganymed den Jupiter in sieben Tagen umkreist, ändert sich die Perspektive. Hinter dem Planeten ziehen sämtliche Tierkreissternbilder vorbei. Jupiter selbst zeigt ein Spiel von Lichtphasen wie Frau Luna, hängt dabei aber wie angenagelt an Ganymeds Himmel. Denn längst hat der Riesenplanet die Rotationen seiner Trabanten gebunden. Sie weisen ihm stets die gleiche Hemisphäre zu. Nur wer auf der richtigen Seite Ganymeds weilt, sieht Jupiter. Wer auf der falschen steht, bekommt ihn nie zu Gesicht.

Ganymed hält noch weitere Sehenswürdigkeiten für Touristen bereit: etwa den Ausblick auf die anderen Monde. Dabei fasziniert vor allem die schwefelbedeckte Io. Bliebe man lange genug auf Ganymed, könnte man von dort aus mit freiem Auge mitverfolgen, wie vulkanisches Auswurfmaterial Ios Antlitz langsam verändert.

Eiskrater

Entdeckt wurden die vier größten Jupitermonde im Jänner 1610, als Galileo Galilei das neu erfundene Fernrohr auf Jupiter richtete. Der Deutsche Simon Marius sah sie fast gleichzeitig. Er schlug Namen aus der griechischen Mythologie vor - Liebschaften des Zeus, den die Römer mit ihrem Gott Jupiter gleichsetzten: Die Nymphe Io, die Königstochter Europa und Kallisto, eine Begleiterin der Mondgöttin Artemis.

Für den hellsten Trabanten wählte Marius "Ganymed". Tros, König der Troer, hatte drei Söhne. Einen davon raubte Zeus, indem er sich entweder eines Adlers bediente oder in dessen Federkleid schlüpfte. Im Olymp wurde Ganymed göttlicher Mundschenk. Homer, Vergil und Ovid erzählen die Legende. Autoren des Altertums verknüpften auch Sternbilder damit: den Adler und mitunter den Wassermann. Der Astronom Gottfried Kirch nannte letzteren noch im 17. Jahrhundert "Ganymed".

Der gleichnamige Jupitermond ist eine Welt in ewiger Eiszeit. Die Sonne schenkt ihm keine 4 Prozent jener Strahlung, mit der sie die Erde verwöhnt. Der Boden wird auf bestenfalls minus 120 Grad Celsius erwärmt. Gefrorenes Wasser bildet die gesamte Landschaft. Bergriesen sucht man vergeblich. Das Eis würde sie nicht tragen, ließe sie kollabieren. Das Relief bleibt somit flach. Höhenunterschiede übersteigen selten 1.500 Meter.

Auch die vielen kreisrunden Krater, einst beim Einschlag von Asteroiden und Kometen entstanden, sind aus Eis geformt. Oft wirken sie ungewöhnlich "sanft", anders als die in Fels gehauenen Einschlagswunden auf dem Erdmond. Man hat Ganymeds Krater meist nach Gottheiten aus dem Großraum des "fruchtbaren Halbmonds" benannt. Beim geistigen Wandern über die Oberfläche wird an sumerische, assyrische, babylonische, phönizische und ägyptische Mythen erinnert. Man trifft auf Osiris, Isis, Nabu, Ea, Enlil oder Gula. Rund 50 Krater sind mehr als 100 km weit.

Manchmal reiht sich ein ganzes Dutzend kleinerer Narben wie an einer Perlenschnur auf. Enki Catena (catena, lat. Kette) ist dafür ein Beispiel. Hier muss einst ein Komet Jupiter zu nahe gekommen und zerrissen worden sein. Die Kometenteile zogen dann in engem Abstand zueinander weiter. In dieser Flugformation trafen sie auf Ganymed und hinterließen so eine Kraterkette von 150 km Länge.

Furchen

Ganymeds Eis ist verschmutzt, silikatisches Material darin enthalten. Im Lauf der Jahrmilliarden haben Kometen zudem dunklen, kohlenstoffhaltigen Staub darauf gestreut. Wenn das Eis im Sonnenlicht langsam verdampft, bleiben die dunklen, weniger flüchtigen Substanzen zurück. Der Boden ist deshalb braungrau wie alte Milchschokolade. Heller erscheint die Umgebung mancher Einschlagskrater, z. B. jene des 94 km weiten Tros. Bei seiner Entstehung wurde offenbar frisches, reineres Eis exponiert. Wahrscheinlich handelt es sich bei solchen Gebilden um vergleichsweise junge Strukturen. Andere lassen sich nur schemenhaft ausmachen. Solche "Geisterkrater" muten an, als wären sie im Eis versunken.

Auf Ganymeds Oberfläche fände Asien, der größte Erdteil, zweimal Platz. Vier Zehntel werden von dunklen Ebenen bedeckt, für die sich der Fachbegriff "Regio" (lat., Gegend, Landstrich) eingebürgert hat. Die einzelnen Regionen taufte man nach Astronomen, die Jupitermonde entdeckt haben - darunter Marius und Galilei. Galileo Regio besitzt mit mehr als 3.000 km Durchmesser gleichsam "kontinentale Ausmaße". Die große Zahl von Einschlagskratern lässt ein Alter von gut 4.1 Milliarden Jahren vermuten.

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Dokument erstellt am 2002-12-13 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:18:00



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