• vom 02.08.2002, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 14:47 Uhr

Astronomie

Blitzender Kometenschmutz




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Von Christian Pinter

  • Sternschnuppen en gros im August und November

Mit etwas Geduld sieht man in jeder klaren Nacht Sternschnuppen aufblitzen und in Sekundenbruchteilen über das Firmament huschen. Manchmal kommen sie sogar zuhauf daher. Die Erde kreuzt dann einen "Sternschnuppenstrom". Die beiden berühmtesten lassen im August und November 2002 auf ein faszinierendes Naturschauspiel hoffen.


Zum Thema "Sternschnuppen" wissen alte Legenden höchst unterschiedliches zu berichten. In den einen sind es Männer, die über das Firmament zu ihren Frauen hasten; in anderen bloß Ausscheidungen von Sternen. Auch bei uns galten sie mitunter als himmlischer Putzrest: verglich man sie doch mit dem Ende eines Kerzendochts, das beim Lichtputzen fortgeschnitten wurde. Diese "Snuppe" schenkte den flüchtigen Himmelslichtern ihren deutschen Namen.

In Thessalien glaubte man, im August öffne sich der Himmel. Durch schmale, flüchtige Ritzen ließe sich dann ins himmlische Licht schauen. Andernorts blickten die Götter selbst vom Firmament herab, wobei sie versehentlich einen Stern loslösten. In Russland trachteten Dämonen, als Sterne getarnt, Einlass in das Himmelreich zu erlangen. Engel warfen sie wieder hinaus. Ähnlich erfolglos versuchten die Seelen von Trinkern nach einer philippinischen Erzählung, Ruhe im Himmel zu finden. Ihr Aufstieg endete stets mit dem Fall.

In Europa meinte man, jeder Mensch hätte seinen eigenen Stern. Beim Tod stürze das Gestirn herab. Andererseits galten Sternschnuppen als Seelen von Sündern, die sich, nach Reinigung im Fegefeuer, auf den Weg in den Himmel machten. Gebete und gute Wünsche sollten ihnen die Pforte öffnen. Vielleicht entstand so der Glaube, wonach beim Anblick einer Sternschnuppe auch ein Wunsch in Erfüllung ginge.

Entfernte Orte

Die alten Griechen betrachteten den Kosmos als idealen, ewigen und unveränderlichen Ort. Alles Kurzlebige konnte demnach nur Bestandteil der irdischen, vergänglichen Sphäre sein. Sternschnuppen wurden als Ausdünstungen der Erde angesehen, die sich hoch droben in der Luft entzünden sollten. Entsprechend taufte man die Lichtblitze "Meteore" (griechich, "in der Luft schwebend").

Der deutsche Vortragsreisende Ernst Florens Chladni widersprach 1794 entschieden. Während seine Zeitgenossen den Raum zwischen den Planeten und Kometen noch für vollkommen leer hielten, füllte er ihn mit Kleinkörpern. Diese sollten manchmal die Erdatmosphäre streifen, dort einen Augenblick lang in Brand geraten, als Sternschnuppen aufblitzen und dann wieder in den Kosmos entfliehen. Um Flughöhe und Bahn eines Meteors zu berechnen, schlug Chladni die gleichzeitige Beobachtung von "etwas voneinander entfernten Orten" aus vor. Dabei mussten sich nahe Objekte vor unterschiedlichem Sternenhintergrund zeigen. Je näher der Meteor, desto stärker die perspektivische Verschiebung.

Vier Jahre später griffen Heinrich Brandes und Johann Benzenberg die Anregung auf. Sie beobachteten 400 Sternschnuppen, davon 22 gleichzeitig. Allerdings betrug der Abstand der deutschen Studenten zueinander nur 15 km - sehr wenig für wirklich sichere Resultate. Sie kamen bei den Flughöhen auf Extremwerte von 11 und 226 km, wobei zwei Meteore sogar aufwärts zu eilen schienen. Das wurde rasch als Beweis für die alte These aufsteigender, entzündlicher Gase gewertet.

Die wahre Geburtsstunde der Meteorastronomie schlug somit erst sechs Jahre nach Chladnis Tod. Am 13. November 1833 ging ein gewaltiger Meteorschauer über Nordamerika nieder. Sternschnuppen fielen halb so zahlreich wie Flocken eines Schneesturms, schwärmten Augenzeugen. Wie der US-amerikanische Mathematikprofessor Denison Olmsted bemerkte, schienen alle von einem Punkt im Löwen auszustrahlen. Dieser bewegte sich mit, als das Sternbild im Lauf der zweiten Nachthälfte höher kletterte. Die Spur ins All war damit endgültig gelegt.

Späte Antwort

Nun traten auch Astronomen auf den Plan. Sie durchforsteten alte Chroniken nach ähnlichen Berichten oder teilten Freunde, Verwandte und Studenten zur Meteorwache ein. Dabei fielen ihnen Sternschnuppennächte im Dezember, April und August auf. Für diese Meteore wurden Ausstrahlungspunkte in den Sternbildern Zwillinge, Leier und Perseus ermittelt. Zwar waren die drei Ströme bei weitem nicht so spektakulär wie der Schauer vom November 1833 - dafür kehrten sie aber jedes Jahr verlässlich wieder.

Vor allem die hellen August-Meteore faszinierten Wissenschaftler. Im Volksmund waren sie längst als "Laurentius-Tränen" bekannt; stellten sie sich doch immer in den Nächten um das Fest des heiligen Laurentius ein. Der frühchristliche Märtyrer war am 10. August 258 auf Befehl Kaiser Valerians getötet worden. Bei diesen Sternschnuppen zählte man erstmals Fallraten in Stundenintervallen - eine bis heute geübte Praxis.

1862 entdeckten der US-Amateur Lewis Swift und der Berufsastronom Horace Tuttle einen scheinbar neuen, bald prächtig am Himmel thronenden Kometen. Man taufte ihn später "Swift-Tuttle". Wenige Jahre danach stöberte Tuttle mit Ernst Tempel, Frankreich, noch einen Schweifstern auf: Tempel-Tuttle. In Italien war inzwischen Giovanni Schiaparelli zum Direktor der Mailänder Sternwarte ernannt worden. Schon als Vierjähriger hatte er seinen Vater gefragt, was Sternschnuppen denn seien - und ein ratloses "Das weiß nur der Schöpfer" zu hören bekommen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2002-08-02 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 14:47:00



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