• vom 16.11.2001, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 14:57 Uhr

Astronomie

Sinnbild der Einsamkeit




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Von Christian Pinter

  • Ende November scheint ein "Blue Moon" über Europa

Es ist kein normaler Vollmond, der sich am Abend des 30. November 2001 über den Horizont schwingt. Es ist ein "Blue Moon". Zumindest im Englischen. Im Deutschen existiert der "blaue Mond" gar nicht. Kein Wunder - denn eigentlich geht die ganze Geschichte auf ein Missverständnis in den USA zurück.


Gleich vorweg: Nur wenige Menschen haben den Mond jemals "blau" gesehen. Kurz nach dem Aufgang ist der Erdbegleiter höchstens rot. Seine Strahlen fallen dann unter flachem Winkel ein, müssen einen sehr langen Weg durch die Erdatmosphäre zurücklegen. Dabei wird der Blauanteil des Mondlichts wesentlich stärker geschwächt als der rote, geradezu ausgelöscht. Klettert der Mond höher, nimmt der Effekt ab. Frau Luna färbt sich nun orange, golden, gelb, gelblich-weiß. Schließlich lacht sie praktisch reinweiß auf uns herab.

Dennoch gibt es auch Berichte von grünen und blauen Monden. Sie tauchten im Gefolge von heftigen Vulkaneruptionen wie der des Krakatau vor der Westküste Javas 1883 oder des philippinischen Pinatubo 1991 auf; auch nach schweren Waldbränden, wie jenem in der kanadischen Provinz Alberta 1951. Solche Katastrophen reichern die Luft mit Staub und Ascheteilchen an. Unter bestimmten Umständen mögen diese Partikel tatsächlich ungewöhnliche Lichtstreuungseffekte bewirken, die dann zu blauen Mondbildern führen.

Die meisten einschlägigen Beobachtungen dürften jedoch bloß Illusion sein. Die von mächtigen Vulkanen hochgewirbelten Teilchen sorgen nämlich auch für besonders intensive Verfärbungen des Dämmerungshimmels: rot, orange, purpurn. Dominiert aber eine bestimmte Farbe, nehmen wir in der Umgebung ihre Komplementärfarbe verstärkt wahr. Dieser Farbkontrast kann dem Mond in der Dämmerung scheinbar grünliche bis bläuliche Tönung ins Gesicht zaubern.

Solche Illusionen lassen sich künstlich erzeugen, indem man den Mond nächtens dicht neben hell beleuchteten orangen, gelben oder magentafarbigen Flächen betrachtet. Ohne derartige Tricks blei-

ben blaue Monde spärlich. Vielleicht führte das zur Redewendung "Once in a Blue Moon", die im Englischen die besondere Seltenheit eines Ereignisses unterstreicht. Sie lässt sich mindestens bis 1824 zurückverfolgen. Im Deutschen würden wir statt dessen etwa "nur alle Jubeljahre einmal" sagen.

Erdbeermond

Bei Vollmond ist die uns zugewandte Hälfte der Mondkugel komplett von der Sonne beschienen. Frau Luna gleißt dann besonders hell, weilt die ganze Nacht hindurch über dem Horizont. Sonne, Erde und Mond bilden eine Linie im Raum. Berechnen lässt sich dieser Zeitpunkt auf die Minute genau. Beim Blick zum Mond schätzen Betrachter die volle Phase hingegen oft mit einem Fehler von einem oder zwei Tagen ein. Für Menschen ohne Lese- und Rechenkenntnisse war der Mond trotzdem seit Urzeiten idealer Kalender. Sein Phasenspiel bildete die erste aller Kalendereinheiten.

Der Vollmondtermin wiederholt sich im Mittel alle 29,53 Tage. Jedes Jahr umfasst damit zwölf Mondmonate zu jeweils 29 oder 30 Kalendertagen. Nach diesem Dutzend sind allerdings erst 354 Tage vergangen - elf Tage zu wenig für ein komplettes Sonnenjahr. Hielten wir am Mondkalender fest, würde sich ein bestimmtes Kalenderdatum im Laufe des Lebens zweimal durch sämtliche Jahreszeiten schieben. Für den Ackerbau wäre ein reiner Mondkalender also nur bedingt geeignet.

Daher teilte Julius Cäsar das Sonnenjahr in zwölf Abschnitte und schuf damit die Basis unserer heutigen Einteilung mit ihren typischen 30- und 31-tägigen Monaten. Der Mond spielt darin keine Rolle mehr - die Anzahl der Monate und die Ähnlichkeit der Worte "Mond" und "Monat" erinnern dennoch an seine frühere Bedeutung für den Kalender.

Einst tauften wir die Monate nach bäuerlichen Arbeiten, Erscheinungen der Natur oder religiösen Festen. Der März hieß "Lenzmonat" (nach Lenz, Frühling). Dann kamen Ostermonat, Wonnemonat, Brachmonat, Heumonat, Ährenmonat und Herbstmonat. Der Oktober hieß "Wein- oder Weinlesemonat", der November "Wind- oder Nebelmonat", der Dezember "Christmonat".

Dabei verwendete man, nicht nur in der dichterischen Sprache, statt "Monat" häufig das Wort "Mond". Der Lenzmonat wurde dann also "Lenzmond", der Wonnemonat "Wonnemond" genannt. Auch der Vollmond im jeweiligen Monat hieß so. Diese Bezeichnungen waren freilich vom jeweiligen Kulturkreis abhängig. Andere Völker kannten etwa einen Krähenmond, Grasmond, Blumenmond, Milchmond, Rosenmond, Erdbeermond, Donnermond, Blutmond, Biebermond, Frostmond oder Schneemond.

Ab dem 16. Jahrhundert setzten sich langsam die uns heute vertrauten, aus dem Lateinischen stammenden Monatsnamen durch. Die Römer hatten den Jänner nach ihrem Tür- und Torgott Janus, den März nach dem Kriegsgott Mars, den Mai wohl nach dem Wachstumsgott Maius und den Juni nach Jupiters Gattin Juno getauft. Juli und August erinnerten an die Kalenderreformer Julius Cäsar und Augustus. Im Februar waren Reinigungsriten (lat. februare, reinigen) vorgesehen.

Der "April" könnte sich vom jährlichen "Öffnen der Natur" (vergleiche lat. apertus, offen) oder der griechischen Liebesgöttin Aphrodite herleiten. Deren römischer Entsprechung, Venus, war der Monat geweiht. Die Namen "September" (lat. septem, sieben) bis "Dezember" (lat. decem, zehn) gehen auf die ursprüngliche Nummerierung der Monate zurück; sie startete mit dem einstigen Jahresbeginn der Römer im März.

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Dokument erstellt am 2001-11-16 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 14:57:00



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