• vom 09.11.2001, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 14:57 Uhr

Sprache

Wie klang Altgriechisch?




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Von Georg Danek

  • Erkenntnisse und Erfahrungen im Umgang mit einer toten Sprache

Wie hat Altgriechisch geklungen? Hört man heute einen deutschsprachigen Philologen einen griechischen Text rezitieren, so klingt das ziemlich deutsch; der Franzose klingt französisch, der Amerikaner amerikanisch, und ein Grieche meint dazu nur kopfschüttelnd, dass das mit Griechisch nichts zu tun hat. Und kein Laie kann sich des spontanen Eindrucks erwehren, dass eine natürliche Sprache ganz sicher nicht so klingt, wie Altgriechisch in der Aussprache der Philologen klingt. Auch wer versucht, griechische Dichtung für sich selbst hörbar zu machen, stellt bald fest, dass die gängige Schulaussprache es unmöglich macht, Rhythmus und Intonation, die der Sprache inhärent sind, zum Klingen zu bringen. Dieses Ärgernis hat auch in mir die Sehnsucht nach einer Aussprache des Altgriechischen geweckt, die der Sprache eher angemessen erscheint.

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Allen Versuchen, das Altgriechische "altgriechisch" auszusprechen, liegt das Bedürfnis zugrunde, dem "ursprünglichen" Klang nahezukommen. Vor allem im deutschen Sprachraum ging die Sehnsucht nach einer Wiederaneignung der griechischen Literatur schon immer Hand in Hand mit einer Obsession für die Wiedergewinnung ihres Klanges. Das äußerte sich in erster Linie in den Übersetzungen, wo man im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Sprachen die Nähe des Originals nicht nur in Bezug auf den Wortlaut, sondern auch auf die sprachlichen Eigen-heiten und den Rhythmus anstrebte. "Übersetzt im Vermaß des Originals" galt bei uns als Qualitätsmerkmal. Nach Goethe sollten wir "antiker Form uns nähern"; Johann Heinrich Voss erfand für seine Übersetzungen von Ilias und Odyssee gewissermaßen den deutschen Hexameter neu, und der Voss'sche Homer ist bis heute marktbeherrschend geblieben; und Friedrich Hölderlin blieb in seinen Übersetzungen griechischer Dichtung dermaßen nahe am Wortlaut, Rhythmus und Klang des Griechischen, dass seine Versionen heute gemeinhin als unverständlich gelten.

Diese Versuche gründen in der Überzeugung, dass für das Ver-ständnis griechischer Literatur der Klang eine entscheidende Rolle spielt: Griechische Dichtung der klassischen Zeit lebte nur in der öffentlichen, also laut vorgetragenen Aufführung. Die Form der Dichtung war eine gebundene, durch das Versmaß regulierte, der Rhyth-mus war also für das Hörerlebnis von eminenter Bedeutung. Und wir hatten es oft mit musikalischen Formen zu tun: das Heldenepos in seiner ursprünglichen Vortragsweise, die gesungenen und getanzten Chorpartien des Dramas, die meisten lyrischen Formen. Als man im 19. Jh. in Deutschland begann, griechische Tragödien aufzuführen, hielt man es für selbstverständlich, dass man die verlorene Musik der Chorlieder ergänzen, d. h. neu komponieren müsse; erst das 20. Jh. hat den Chor zum Sprechchor degradiert.

Es liegt somit nahe, dass man sich auch dafür interessiert, wie griechi-sche Dichtung im Original geklungen hat. Doch schon die musikalische Komponente ist uns zumeist unwiederbringlich verloren - es gibt nur wenige Fragmente poetischer Texte mitsamt der Original-Notenschrift, die es uns ermöglichen, griechische Musik hörbar zu machen (z. B. in der Computer-Variante von Stefan Hagel auf http://www.oeaw.ac.at/kal/agm und es ist auch keineswegs selbstverständlich zu definieren, wie Griechisch ausgesprochen wurde.

Der Klang des Altgriechischen ist uns nicht mehr unmittelbar zugänglich; die Traditionslinie ist unrettbar unterbrochen, und es gibt auch keinen durch die Praxis verbürgten Konsens über die Aus-sprache des Altgriechischen. Sowie man also versucht, einen griechi-schen Text wiederzugeben, muss man seine Aussprache rekonstruieren. Dies gilt auch für den Regelfall, dass man sich nur - unausge-sprochen oder unbewusst - bereits vorhandener Rekonstruktionen bedient.

Rekonstruktionsversuche

Die Geschichte der Rekonstruktion der Aussprache des Altgriechi-schen beginnt mit der Wiederent-deckung der altgriechischen Sprache und Literatur im Westen nach dem Fall von Byzanz (1453): Zuerst in Italien, dann im übrigen huma-nistischen Europa lernt man mit Hilfe von griechischen Gelehrten Altgriechisch und liest die Texte jener antiken Klassiker, die das Mittelalter nur in der Vermittlung der römischen Antike gekannt hatte. Bald stellt sich die Frage der Aus-sprache: Die Griechen selbst lehren eine Aussprache des Altgriechischen, die der neugriechischen entspricht. Bald erkennt man, dass sich in den 2.000 Jahren einiges geändert haben muss, und versucht zu rekonstruieren. Einflussreich wird eine Schrift des Erasmus von Rotterdam (1528), die letztlich die "erasmische" Schulaussprache des Griechischen etabliert, die bis heute cum grano salis in Europa und Amerika verwendet wird.

Die Rekonstruktionen beschränken sich zumeist auf die Klangwerte der einzelnen Laute, die heute als gesichert gelten können. Wir wissen auch gut Bescheid über das System der Silbenquantitäten: Das Griechische (so wie das Lateini-sche) unterscheidet streng zwischen langen und kurzen Silben; griechische Verse sind durch die geregelte Abfolge von langen und kurzen Silben definiert, nicht durch die Abfolge von betonten und unbetonten Silben wie im Deutschen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2001-11-09 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 14:57:00



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