• vom 29.06.2001, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 15:00 Uhr

FKK

Die Nackerten von Wien




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Von Fritz Keller

  • Die FKK-Bewegung zwischen Rassenwahn und Revolution

Im Fin de siècle herrschte in den Kontoren der Bürger der k. u. k. Monarchie nicht mehr der Sturm und Drang der Gründertage, sondern der langweilige Trott der alltäglichen Geschäfte. Der Liberalismus hatte seine große Zukunft bereits hinter sich. Die politischen Repräsentanten des Bürgertums hatten sich mit dem Kaiser, der Hocharistokratie und der katholischen Kirche arrangiert.


Die Last gesellschaftlicher Konventionen wurden in dieser erstarrenden Gesellschaftsordnung immer drückender empfunden, was natürlich Gegenkräfte hervorrief: Künstler, die von der Wiederherstellung des verlorenen Zusammenhangs von Kunst und Leben träumten; Frauen, die durch das Ablegen des Cul de Paris und Besteigen von Fahrrädern rebellierten; Wandervögel, die mit Christusschlappen oder Bundschuhen, Hemd und Joppe bekleidet nach der blauen Blume der Romantik suchten . . .

Naturapostel, Rasseveredler

Eine dieser Reformbewegungen am Vorabend des Ersten Weltkrieges war das, was später die Freikörperkulturbewegung werden sollte. Sich nackt zu zeigen schien damals aller Welt noch verrückt. Nur gesellschaftliche Außenseiter wagten es deshalb anfangs, sich hüllenlos zu präsentieren. Einer von ihnen, Florian Berndl, ein Naturapostel im Gebiete des heutigen Gänsehäufel-Bades in Wien, wurde durch seine Waldursprünglichkeit schnell zum Symbol für alternative Lebensentwürfe - bewusste Körperlichkeit, freiere Sexualität, Naturnähe.

Für Adolf Josef Lanz, der sich selbst in Jörg Lanz von Liebenfels umbenannte, bedeutete "Nackt- und Rassekultur" gleichzeitig "Kampf gegen Mucker- und Tschandalakultur" (Candala hießen die Mischrassen in Indien). "Rassenkampf bis aufs Kastrationsmesser" war für diesen Mann, der Hitler die Ideen gab, die Parole. Damit an eine Legalisierung und eine breitere Öffentlichkeit für diese aufkeimende Freikörperkulturbewegung überhaupt gedacht werden konnte, musste erst die Monarchie zerfallen und die demokratische Republik gegründet werden.

Und selbst dann sollte es noch Jahre dauern, bis ein Mutiger den Gang zur Vereinsbehörde wagte. In den ersten Jahren nach 1918 entfaltete ein in Geheimlogen organisierter "Bund der Lichtfreunde" seine Aktivitäten ohne legale Basis. Die ausgedehnten Wälder der Lobau, vor allem aber die Hirscheninsel, die an bestimmten, nur Eingeweihten bekannten Stellen durchs Wasser watend erreicht werden konnte, entwickelten sich schnell zum Zentrum "wilder" Nacktbader.

Im Windschatten einer sich in Deutschland schnell ausdehnenden Bewegung erfolgte 1925 in Graz die Gründung des ersten selbstständigen österreichischen Nacktkulturvereins "Gesunde Menschen" (später "Eugnesia"). Noch immer mussten sich die Proponenten im Kernland der katholischen Reaktion eines Tricks bedienen: Im Statut war nicht von "unbekleideten Turnübungen", sondern vom "Turnen im natürlichen Zustand" die Rede, worunter die Vereinsmitglieder etwas anderes verstanden als die Behörde.

1928 entstand dann in Wien die "Liga für freie Lebensgestaltung" - die erste Organisation in Österreich, die Nacktkultur nicht mit Rasseideologie verband. Zusammen mit der gleichnamigen deutschen Organisation war die Liga führend an der Bildung einer "Europäischen Union für Freikörperkultur" beteiligt.

Die Sozialdemokratie, in manchem ein verspäteter Nachkomme des Liberalismus, knüpfte an die bürgerliche Lebensreformbewegung an und verband sie mit sozialistischen Inhalten. Die Nacktkultur war dabei nur ein kleiner Sektor im Kampf um den "neuen Menschen", wie das von Max Adler formulierte Schlagwort lautete.

Drunt in der Lobau

Zwei Deutsche, die beiden Lehrer Adolf Koch und Martha Bruno, die im Berliner Arbeiterviertel Moabit Gymnastikgruppen, in denen Kinder unbekleidet tanzten, ins Leben riefen, dienten den österreichischen Genossen als Vorbild für den 1927 in Wien gegründeten "Bund freier Menschen", dem die Stadtverwaltung ein 3.000 m² großes Gelände in der Lobau am Mühlwasser gegenüber dem Fuchsenhäufel zur Verfügung stellte. Bis zu 200 Mitglieder, meist junge Menschen, bevölkerten diesen Platz. Männer konnten nur zusammen mit einer Frau aufgenommen werden. Frauen stand hingegen der Eintritt als Einzelpersonen frei. Alkohol und Nikotin waren verpönt. Vegetarische Nahrung wurde gefördert. Die Mitglieder sollten, wie die allgemeine Losung der Lebensreform lautete, "mit ihrem Körper unzufrieden sein" und daher Sport treiben.

Fast alle freien Menschen waren Freidenker, das heißt bewusste Atheisten, viele betätigten sich als Esparantisten, ein Großteil der Männer war in der bewaffneten Formation der Sozialdemokratie, dem Schutzbund, organisiert.

Während der schlechten Jahreszeit trafen sich die freien Menschen im Margarethenbad. Sie veranstalteten gemeinsame Ausflüge in den Wienerwald und hielte alle 14 Tage im Heim der Sozialistischen Studenten in der Werdertorgasse selbst Vortragsabende ab. Als Referenten betätigten sich unter anderem Wilhelm Reich und Ernst Fischer, damals Kulturredakteur der "Arbeiter-Zeitung". Der aufkommende klerikale Faschismus bereitete dem Aufschwung der Freikörperkulturbewegung ein jähes Ende. In der Steiermark, wo die Verbindungen zwischen Hahnenschwanz und Hackenkreuz besonders eng waren, wurde der Nacktkulturverein "Eugnesia" bereits 1932 wegen "Statutenüberschreitung" aufgelöst.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2001-06-29 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 15:00:00



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