• vom 29.06.2001, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 15:00 Uhr

Astronomie

Vita mit dunklen Flecken




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Von Christian Pinter

  • Im Mondgesicht spiegelt sich die Geschichte des Sonnensystems

Es ist ein Areal von etwas mehr als der Fläche Südamerikas, das man beim Blick zum Vollmond überschaut. Ein Drittel zerfällt für das bloße Auge in ein Dutzend grauer Flecke. Unsere Vorfahren suchten darin vertraute Formen und fanden eine Krabbe, Mann und Frau, zwei Kinder mit einem Wassereimer oder das berühmte "Mondgesicht": als Mondsymbol lacht es uns noch immer aus dem Kalender entgegen.


Viele alte Legenden ranken sich um den Mond: Auf den Fidschi-Inseln schwor einst Gott Takei, ihn mit Salzwasser zu zerstören. Zum Glück ahnte Takeis Mutter das Vorhaben, füllte Süßwasser in die Bambuseimer. So überstand das Himmelslicht den Anschlag mit ein paar Flecken verkrusteten Schlamms.

Auf den Admiralitätsinseln wollten zwei Frauen Taro schneiden. Da sie ihre Muschelmesser vergessen hatten, holten sie die scharfkantige Mondscheibe vom Himmel. Die dunkle Rinde der stärkehaltigen Knollen hinterließ ihre Spuren.

In Südafrika wollte ein Hase den Menschen vom Kreislauf des Sterbens und der Geburt erzählen, so wie ihn der Mond in seinem Phasenspiel zeige. Doch er vergaß den zweiten Teil der Botschaft, verkündete nur den Tod. Der erboste Mond verfolgte darauf hin den Hasen. Der "Hase im Mond" taucht auch in Sagen aus Japan, China und Indien auf.

Manche Chinesen erblickten in den Flecken einen Alten, der Liebende zusammenführt; dazu wickelt er ihnen einen roten Zauberfaden um die Füße. In einer baltischen Sage stört der Mond hingegen den Teufel beim nächtlichen Treiben. Er lässt die leuchtende Kugel mit Teer bemalen. Das Unterfangen scheitert. Die ersten Teerbatzen wird der Mond allerdings nicht mehr los.

An den Pranger gestellt

Im christlichen Europa taucht häufig das Motiv von Schuld und Sühne auf. So soll es in Deutschland eine alte Witwe gegeben haben, deren einzige Tochter die beste Spinnerin weit und breit war. Als das Mädchen gegen alle Versprechungen nachts mit Männern auf dem Kirchhof tanzte, verfluchte es die Mutter. Jetzt sitzt Marie mit dem Spinnrad im Mond. Oft sprach man von einem Sünder, der an den "himmlischen Pranger" gestellt wurde. Auf dem Mond ist er den strafenden Blicken aller ausgesetzt.

Einer Legende nach stellten arme Kinder einst einen alten Mann mit den Worten: "Mein Herr, nun kommen Sie also noch, um uns das Holz zu stehlen." Er leugnete und fügte hinzu: "Bei Gott, ich wollte, ich wäre im Mond, wenn ich lüge." Den Rest kann man sich ausmalen. Auch die Verletzung der Sonntagsruhe, etwa durch das Sammeln von Reisig, genügte in solchen Geschichten schon zur Verbannung auf den Erdbegleiter.

Aus der Antike stammt der Glaube, der Mond spiegle bloß das Antlitz der Erde wider. Der hellere Teil der Mondscheibe wirkt für das freie Auge fast strukturlos - man hielt ihn daher für die Reflexion des irdischen Ozeans. Die verschiedenen Flecken wurden hingegen als Abbild unserer Landschaften betrachtet. Mittelalterliche Texte griffen diese Vorstellung immer wieder auf. Leonardo da Vinci kritisierte das: Wäre der Mond tatsächlich ein Spiegel, so argumentierte er, müsste sich das Spiegelbild während seines Laufs um die Erde verändern; das ist aber nicht der Fall. Trotzdem fragte Kaiser Rudolf II. seinen Hofastronomen Johannes Kepler noch 1610, ob man im rechten Teil der Mondscheibe nicht ganz Italien erkennen könne. 40 Jahre zuvor erblickte ein arabischer Kartograf anscheinend in genau den selben Flecken Afrika. Auf seiner Weltkarte spaltet sich der südliche Teil des Kontinents und sieht aus, als wäre er vom Mond abgezeichnet worden.

Anderen galt der Erdbegleiter als eigene Welt mit Bergen und Tälern. So ging etwa der griechische Philosoph Plutarch in seinem mystischen Werk Mondgesicht von erdhafter Beschaffenheit des Mondes aus. Auch für da Vinci besaß er Gebirge und Meere. Wohl noch von der Spiegeltheorie beeinflusst, glaubte er die Mondozeane in den hellen Mondpartien zu sehen. Diese Interpretation teilte anfangs auch Kepler. Beim Blick vom Grazer Hausberg Schöckel glänzten Gewässer am stärksten; gleiches müsse auch auf dem Mond gelten, meinte er.

Fernrohrbeobachtungen drehten das Bild um. Im Teleskop zerbrach der vermeintliche "Mondozean" in Abertausende bergähnlicher Gebilde. Bei niedrigem Sonnenstand warfen sie lange Schatten. Diese fielen auch in die offenbar tiefer liegenden dunklen Fleckengebiete, die selbst bei starker Vergrößerung nur wenige Details zeigten. Wenn also auf dem Mond Wasser existieren sollte, schrieb Galileo Galilei 1610, dann in den grauen Flecken.

Michael Langren studierte die Mondoberfläche 1645 in Belgien und taufte die Formationen nach adeligen Gönnern. Der Danziger Astronom, Bierbrauer und Bürgermeister Johannes Hevelius publizierte 1647 eine präzisere Mondkarte. Darin versetzte er auch die Namen irdischer Gebirge wie Alpen, Apennin oder Kaukasus auf den Mond. Giovanni Riccioli musterte in Bologna gemeinsam mit Francesco Grimaldi die Mondlandschaften. Seinem 1651 erschienenen Almagestum novum gab er eine detaillierte Mondkarte bei. Der Jesuit legte vor 350 Jahren damit den Grundstein der bis heute gültigen Mond-Nomenklatur.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2001-06-29 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 15:00:00



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