• vom 20.04.2001, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 15:01 Uhr

Wien

Flak-Trumm




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Von Jan Killian

  • Monströse Zeugen der Idee eines tausendjährigen Reiches

Frei nach Paul Virilio, dem Begründer der Bunkerarcheäologie, der sich intensiv mit dem Wesen des Krieges auseinandersetzte, sind Bunker eine merkwürdige Behauptung gegen die sozialen Auswirkungen von Technologie und Beschleunigung. Der Mensch versucht mit archaischer Festungstechnologie, die sich in Wien spätestens seit den Napoleonischen Kriegen überholt hat, die neu gewonnene, ungeheure militärische Mobilität aufzuhalten.

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Hat sich der Bau der Festungen bezahlt gemacht? Wohl kaum. Exemplarische Bauwerke, wie die Flaktürme symbolisierten Sicherheit und dienten mehr der psychologischen Stabilisierung der Bevölkerung, als dass ihnen eine militärische Kosten-Nutzen-Rechnung zugrunde lag. Virilio schreibt über Festungsanlagen: "Neben ihrer militärischen Funktion hat die Festungsanlage eine Klassenfunktion; die in ihr liegende Möglichkeit einen Angriff in eine Belagerung umzuwandeln, versetzte sie in die Lage, die sozialen Auseinandersetzungen unendlich zu verlängern."

In diesem Sinne stellen sie eine Antithese zum Bombenkrieg der Alliierten dar, der darauf abzielte, in der Bevölkerung Widerstand gegen das NS-Regime zu wecken. Die Flaktürme, deren Baubeginn zeitlich mit den Niederlagen im Osten und dem Kriegseintritt der Amerikaner zusammen fiel, präsentierten sich als gebaute Versicherung des Verteidigungswillens.

Die Tatsache, dass sie im Kernbereich der Stadt und nicht etwa zwischen den gründerzeitlichen Massenquartieren der Vorstädte hervorragen, sagt unter anderem aus, dass man vornehmlich um die öffentliche Meinung der bürgerlichen Bevölkerung besorgt war. In ihrer Funktion als Luftschutzraum wären sie in Ottakring oder Hernals, wo es eine nicht annähernd so umfangreiche Unterkellerung gibt, sinnvoller gewesen. Die NSDAP war nicht, wie uns ihr Name glauben machen will, eine Arbeiterpartei. Ihre Anhängerschaft rekrutierte sie hauptsächlich aus dem Klein- und Mittelbürgertum; jenen Bevölkerungsschichten, die die arisierten Wohnhäuser der Leopoldstadt nun im Schutze der Augartentürme für sich beanspruchen konnten.

Die Schutzfunktion der Flaktürme wurde in der NS-Propaganda in den Mittelpunkt gestellt. Abbildungen aus jener Zeit zeigen die Flaktürme als monolithische Kastelle, in die, selbstverständlich in geordneten Bahnen, die schutzsuchende Bevölkerung einströmt, während die Scheinwerfer auf dem Dach ihre suchenden Lichtsäulen in den Himmel schneiden.

Die Wiener Flaktürme sind auch ein Symbol für die Mechanik des totalen Krieges. Der Unterschied zwischen Kombattanten und Zivilisten wurde bewusst aufgehoben, der Krieg in dichtbesiedeltes Gebiet getragen. Ein Geschützturm ist zugleich Luftschutzbunker, die Zivilisten sind zugleich Besatzung und Belagerte. Die Zivilisten dienen nun dem Turm als menschlicher Schutzschild, und - geht man von dem offensichtlichen Fehlen von Beschädigung an den Türmen aus - war diese Geiselnahme von Erfolg gekrönt. Waffentechnisch wäre es damals nämlich sehr wohl möglich, wenn auch risikoreich, gewesen die Panzerungen der Türme zu durchschlagen, wie erfolgreiche Angriffe auf die stärker armierten U-Boot-Bunker bewiesen. Der Mikrokosmos Flakturm beherbergte auch das zentrale Bindeglied zwischen Front und Heimatfront: Die Rüstungsindustrie. Siemens und Halske oder das Flugmotorenwerk Ostmark, ließen Elektronenröhren und Elektromotoren im Schutz der Bunker herstellen. Bei der Gestaltung der Flaktürme bediente man sich vorwiegend im Reservoir der Reichsbaukunst. Die nationalsozialistische Repräsentationsarchitektur scheint sich vorwiegend einer "militär-politischen" Formensprache bedient zu haben. Die "Bauten für die Ewigkeit" waren monumentale Werbungen für die Ideologie von Volk, Rasse und Raum. Hitler, der sich selbst für einen Baukünstler hielt und in Albert Speer seinen kongenialen Weggefährten sah, forderte von den Repräsentationsbauten des Dritten Reiches, dass ihnen gleich griechischen Tempeln "Ruinenwert" inne wohnen sollte. In Wien ist dies derart gut gelungen, dass hier das tausendjährige Reich gute Chancen hat, zumindest in gebauter Form ein Millennium zu erleben.

Die "Archetypen" nationalsozialistischen Bauens orientierten sich an Monumentalbauten wie dem Pergamontempel, Castel del Monte, der Akropolis und an den Burgfrieden. Das menschliche Maß der griechischen Baukunst, das die Proportionen der Tempel auf deren "Benützer", den Mensch abstimmte, pervertierten die Reichsarchitekten zum Maßstab des Übermenschen.

Durch monumentale Bauweise sollte Architektur beeindrucken, einschüchtern und ein Instrument zur Lenkung der Masse werden. Eine der theoretischen Grundlagen war das von Siegfried Kracauer postulierte Ornament der Masse, welches erst zur Geltung kam, wenn es mit Menschenmaterial befüllt war. Architektur schuf Kulissen für vorbeimarschierendes Militär.

Die Flaktürme verkörpern dieses Zeichen- und Wertesystem der Naziarchitektur. Ihre Standorte und Gestalt sind auf Wirkung ausgerichtet. Die Türme im Augarten, ein 16-eckiges Stahlbeton-Castel del Monte und ein klotziger Burgfried mit "Schwalbennestern" an den Ecken als Wehrtürme, stehen nicht zufällig in den Schnittlinien der barocken Alleen. Der Turm in der Stiftskaserne ist eine einmalige Ergänzung des Semper'schen Kaiserforums und setzt gekonnt die Sichtachse Hofburg-Heldenplatz-Museen fort. Der gelernte Städtebauer Friedrich Tamms stritt diese gedachte Wirkung auch nur halbherzig ab und schwärmte von der "spürbaren Bekrönung des darunter stehenden, in viele Geschoße unterteilten Bauwerkes".

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Schlagwörter

Wien, Geschichte

Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2001-04-20 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 15:01:00


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