• vom 06.04.2001, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 15:01 Uhr

Wissenschaft

"Pojechali" -Los geht's!




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Von Christian Pinter

  • Vor 40 Jahren flog der erste Mensch ins All

Am 12. April 1961 wurde in der Sowjetunion das erste bemannte Raumschiff der Welt, Wostok, auf eine Umlaufbahn um die Erde gebracht. Pilot des Raumschiffes Wostok ist der Bürger der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, der Flieger Major Juri Alexejewitsch Gagarin. Diese historische Meldung der Nachrichtenagentur TASS ging vor genau 40 Jahren über die Fernschreiber. Sie läutete das Zeitalter der bemannten Weltraumfahrt ein.


Juri Gagarin, geboren am 9. März 1934, wächst in Kluschino auf. Als deutsche Soldaten das Haus beschlagnahmen, muss die hungernde Bauernfamilie in einer Erdhütte wohnen. 1945 zieht man ins stark zerstörte Gschatsk um. Juri wird zum Gießer ausgebildet. Während er das Industrietechnikum in Saratow an der Wolga besucht, packt ihn die Liebe zur Fliegerei. 1954 tritt er dem örtlichen Fliegerklub bei. Ein Jahr später steuert er die einmotorige Jak-18 schon selbstständig. Er wird in die Armee einberufen.

Sein Heimatland arbeitet entschieden an der Weiterentwicklung von Raketen. Das Genie im Hintergrund, zu Lebzeiten anonym, heißt Sergej Koroljow. Der ehemalige Leiter der zentralen Forschungsorganisation für Raketen- und Raumfahrttechnik wird 1938 Opfer stalinistischen Terrors und zur Zwangsarbeit verdammt. Paradoxerweise rettet ihm der Krieg das Leben: Andrej Tupolew fordert ihn an, um Triebwerke für Kampfflugzeuge zu entwerfen. 1944 fallen den Russen deutsche V2-Raketen in die Hände. Man baut sie nach. Koroljow, obwohl nicht rehabilitiert, wird wieder führend mit der Konstruktion von Raketen betraut. 1947 informiert er Stalin persönlich über ihren militärischen Nutzen.

Kalter Krieg

Während US-Bomber von nahen Stützpunkten aus die Sowjetunion erreichen könnten, gelangen Gagarins Fliegerkollegen mit ihren Maschinen nicht in den US-Luftraum. Daher setzt die UdSSR früh auf Raketen. Ihre Atombomben sind außerdem schwerer als die amerikanischen. Die Träger müssen daher besonders stark sein. Bald liegt Moskau in der Raketentechnologie weit vorn.

Am 4. Oktober 1957 schießt eine solche Atomrakete vom Typ R7 den allerersten Satelliten ins All. Der 84 kg schwere Sputnik (russ. Begleiter) gerät zur Sensation. Er macht nun auch das propagandistische Potential der Raumfahrt deutlich. Juri sitzt vor dem Radio der Militärfliegerschule Orenburg. Mit seinen Kameraden träumt er vom Mondflug, zeichnet Raumschiffmodelle. Auf einem Tanzabend lernt er Walentina Gorjatschewa kennen. Eine Woche nach ihrer Heirat trägt Sputnik 2 die Hündin Laika ins All. Gagarin wird zu einem Fliegerregiment der Nordmeerflotte versetzt.

Das Militär fordert eine Rakete, die 5 t nuklearer Last in die USA tragen kann. Koroljow weiß: Damit ließe sich auch seine alte Vision realisieren, einen Menschen in die Erdumlaufbahn zu hieven. Ende 1958 stimmt Moskau der Idee zu. Der erste bemannte Raumflug wird aber nur über eine einzige Erdumkreisung gehen. Niemand weiß, wie der menschliche Organismus die Schwerelosigkeit verträgt. Hunde, Meerschweinchen, Mäuse und Fliegen sind die Vorhut. Doch viele Tests scheitern.

Man fahndet nach geeigneten Kandidaten für die Raumflugpremiere. Angeblich bewerben sich "Tausende sowjetische Bürger verschiedener Berufe und Altersstufen". Tatsächlich sucht man gezielt nach Militärpiloten mit Erfahrung auf Düsenjets, aus dem europäischen Teil der UdSSR stammend und etwa 30 Jahre alt. Es ginge darum, eine "spezielle Maschine" zu fliegen, heißt es zunächst nur. Unter anderem fragt man Jagdfliegeroffizier Gagarin.

Von 2.000 Aspiranten bleiben Ende 1959 gerade 20 übrig. Sie haben außergewöhnlichen Patriotismus, Gesundheit, Kühnheit, Genauigkeit, Arbeitsliebe und Bescheidenheit bewiesen. Man interessiert sich aber auch für den "Lebenslauf, für die Familie, die Kameraden und die gesellschaftliche Tätigkeit", erzählt Juri, der mit den anderen Mitgliedern der Kosmonauten-Garde zur Ausbildung ins "Sternenstädtchen" übersiedelt. Es wird nahe Moskau aus dem Boden gestampft. Im Sommer 1960 stehen die Flieger erstmals vor ihrer Raumkapsel, der Wostok (russ. Osten). Juri zieht die Schuhe aus, zwängt sich als erster in die Kugel.

Koroljow und die Ausbildner suchen zwei Männer aus, zwischen denen eine staatliche Kommission am 8. April 1961 die letzte Entscheidung trifft. Vielleicht passt der Bauernsohn Gagarin besser zum Selbstverständnis des Arbeiter- und Bauernstaates als der Lehrerspross German Titow. Vielleicht will man Titow, weil eine Spur ausdauernder, auch lieber für den zweiten, wohl schon längeren Flug aufsparen. Jedenfalls wählt man Juri für die historische Premiere. Am Morgen des 12. April 1961 trägt ihn der Lift zur Spitze der 38 m hohen,

modifizierten R7 hoch. Sie ist die stärkste Rakete der Welt. Um

7.55 Uhr verschließt ein Techniker die Luke der Kapsel. Die Rampe wird geräumt.

Um 9.04 Uhr Moskauer Zeit steigt Juris Puls. Drei Minuten später erschüttert unvorstellbarer Lärm den Startkomplex von Tjura Tam in Kasachstan. "Abheben!" befiehlt Koroljow. In das Pfeifen, Grollen und Dröhnen von 20 Millionen PS hinein ruft Juri herzhaft und langgezogen "Pojechali", "Los geht's". Alles vibriert. Dann drückt ihn die Beschleunigung in den Sitz. "Welch eine Schönheit!", staunt der 27-Jährige, als er auf die bewaldeten Ufer eines sibirischen Flusses blickt. Die R7 stürmt den Himmel. Schon wirkt der Horizont gekrümmt. Um 9.21 Uhr ist Brennschluss. Alle Last fällt schlagartig von Juri ab, er ist schwerelos. Der Funkorter bestätigt: "Das bemannte Raumschiff befindet sich auf der Umlaufbahn."

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Dokument erstellt am 2001-04-06 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 15:01:00


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