• vom 23.02.2001, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 15:02 Uhr

Raumfahrt

Der letzte Countdown




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Von Christian Pinter

  • Die orbitale Herberge MIR soll demnächst vom Himmel fallen

Kurz nach seinem 15. Geburtstag fällt der Stolz der russischen Raumfahrt vom Himmel: die riesige Station MIR, orbitale Herberge von mehr als hundert Kosmonauten und Astronauten, sollte im Lauf des März 2001 zum kontrollierten Absturz gebracht werden. Ihre Module werden großteils in der Lufthülle verglühen. Ihre Reste platschen - so der Plan - in den Pazifik.


Drei Wochen nach der Startexplosion der US-Raumfähre Challenger schoss die Sowjetunion am 20. Feber 1986 das Kernstück ihrer neuen Raumstation hoch. MIR (russ., "Friede") folgte den kleinen, zunächst nur aus einem einzigen Modul bestehenden Schiffen der Saljut-Serie. Die ersten Saljuts waren "Wegwerfstationen" gewesen. Konzipiert für militärische Erdbeobachtung, flogen sie tief und verglühten rasch. Erst Saljut 6 und 7 erlaubten effizientere Nutzung. Dort hatten sowjetische Kosmonauten sogar ausländische Gäste mit Brot und Salz begrüßt.

Während die USA noch unter dem Schock des Challenger-Desasters stand, präsentierte sich Moskau selbstsicher: Im März 1986 übertrug man den Start der ersten MIR-Crew live im Fernsehen. Das nagelneue Zuhause bot der Mannschaft Sitz- und Schlafgelegenheit, Küche und Tisch sowie einen Wasch- und Toilettenbereich.

Leben im All

Zunächst nur auf gedrängtem Raum. Doch mit der Schwerlastrakete Proton hoben die Sowjets bald weitere Module hoch: Kvant 1 und Kvant 2 (russ., "Quantum"), Kristall, Spektr ("Spektrum") und schließlich Priroda ("Natur"). Die meisten waren 4,4 m breit, 13 m lang und knapp 20 t schwer. Sie erweiterten den Arbeitsbereich für Stamm-Crew und Kurzzeitbesucher und stellten wissenschaftliche Instrumente zur Verfügung; darunter ein Röntgen- und ein UV-Teleskop, Spektralmessgeräte, Kameras zur Erdbeobachtung und die Laboreinrichtung für biologische Experimente.

Nach und nach geriet MIR zum größten künstlichen Erdsatelliten. Im 33 mal 27 Meter weiten Komplex werkten zwei bis sechs Kosmonauten gleichzeitig. Dreisitzige Sojus-Schiffe brachten sie hinauf und wieder zurück. Automatische Progress-Transporter sorgten für Nachschub. Das Konzept war genial. Für den einwöchigen Aufenthalt eines Raumfahrers samt Ausbildung und Transfer legten interessierte Staaten jeweils mehr als 100 Mio. Schilling hin. Viele wurden erst Dank der MIR zur "Weltraumnation".

So auch Österreich. Nach eineinhalbjährigem Training flog DI Franz Viehböck am 2. Oktober 1991 zur Raumstation. Die meisten seiner Experimente kreisten um medizinische Fragestellungen. Sie wurden drei Jahre später auch ins wissenschaftliche Programm Dr. Waleri Poliakows aufgenommen. Der Russe hält mit 14 Monaten Aufenthalt im All bis heute den Langzeitrekord.

Die erfolgreiche Austro-MIR-Mission ließ so manchen Österreicher neugierig zum Himmel blicken. Bei Flügen über Mitteleuropa zog MIR als strahlend heller Lichtpunkt von West nach Ost über das heimische Firmament und mitunter konnte man sogar den Anflug von Progress- und Sojus-Schiffen beobachten. Im Juni 1996 sorgte die Weltraumstation für "UFO-Alarm": Freigesetzter Weltraummüll flog neben ihr her, bildete eine auffällige Lichterkette am Himmel. Die USA hatten 1973 die Raumstation Skylab gestartet. Sie verglühte 1979 nach dem Besuch von nur drei Crews. Die Idee einer nationalen Nachfolgerin stürzte aus Kostengründen ab. Stattdessen lud Washington nun Moskau zur Mitarbeit an einer internationalen Station ein, der ISS. Die schubstarken russischen Proton-Raketen und die bemannten Sojus-Schiffe sollten den US-Shuttle beim Bau und beim Betrieb entlasten. Zur Vorbereitung steuerten die Raumfähren Atlantis und Discovery ab 1995 mehrmals die MIR an.

Allerdings steckte die russische Raumfahrt bereits in einer schweren Krise. Seit dem Zerfall der Sowjetunion lag der wichtigste Startrampenkomplex im Ausland. Kasachstan, 1991 unabhängig geworden, forderte jetzt Miete für Baikonur. Moskau blieb im Rückstand. Um die junge Republik bei Laune zu halten, gab man Franz Viehböck kurzfristig einen kasachischen Begleiter mit. Zum Glück verzichtete MIR-Flugingenieur Sergeij Krikalew, derzeit auf der ISS im Einsatz, damals auf seine Ablöse und blieb länger als vereinbart im Orbit.

Dennoch drehten die Kasachen dem ungeliebten Weltraumbahnhof mehrmals den Strom ab. Der Zoll beschlagnahmte russische Geräte. Aufstände in Baikonur forderten Todesopfer. Ein Progress-Transporter wurde knapp vor dem Start ausgeplündert. Techniker warteten monatelang auf ihren Lohn.

Angesichts der gravierenden wirtschaftlichen Probleme im Land musste sich die russische Raumfahrt immer lautere Fragen über Sinn und Nutzen gefallen lassen. Das Budget wurde gestutzt. Spektakuläre Erfolge lagen lange zurück. Neben dem Start von kommerziellen Satelliten konnten die Erben Gagarins nur noch auf ihr altes Flaggschiff MIR stolz sein.

Viele Widersprüche waren bloß im Spannungsfeld zwischen ökonomischer Krise und nationalen Prestige-Träumen zu begreifen: So unkten die einen laut, dass die bemannte Raumfahrt bald gänzlich eingestellt würde, während andere gleichzeitig vom Bau einer Nachfolgestation MIR-2 schwärmten.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2001-02-23 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 15:02:00


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