• vom 09.02.2001, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 15:02 Uhr

Astronomie

Rendezvous mit Eros




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Von Christian Pinter

  • Die NASA plant eine Landung auf dem steinernen "Liebesgott"

Die Mission endet halsbrecherisch. Ein Jahr lang hat die Sonde NEAR einen kleinen, erdnussförmigen Felsbrocken umkreist, vermessen und kartiert. Nun sollte sie am 12. Februar sogar einen Landeversuch wagen. Ausgerüstet ist sie dafür nicht. Gespannt blickt die NASA dem Experiment entgegen.


Der eigentümliche Himmelskörper sorgte bereits bei seiner Entdeckung am 13. August 1898 in Berlin für Aufregung. Astronomen hatten fast ein Jahrhundert lang Kleinplanet um Kleinplanet aufgestöbert. Alle kreisten brav zwischen Mars und Jupiter um die Sonne, bildeten dort den sogenannten Kleinplaneten- oder Asteroidengürtel. Nicht so Asteroid Nummer 433. Er schnitt die Marsbahn und würde, so zeigte sich, der Erde 1931 sogar 23 Mill. km nahe kommen.

Gustav Witts neuer Fund erschien wie ein "Seitensprung der Schöpfung". Man schenkte ihm den Namen des griechischen Liebesgottes Eros, selbst Resultat eines Abenteuers der Liebesgöttin Aphrodite mit dem Kriegsgott Ares. (Die römischen Entsprechungen Amor, Venus und Mars sind uns vertrauter.) Der knabenhafte, schöne Eros stand für die sinnliche Liebe, die Erotik. Seine Waffen waren Pfeile, die er in die Herzen der Menschen schoss. Vergoldet und mit scharfer, blinkender Spitze erregten sie Liebe. Stumpf und mit Blei unterm Schaft vertrieben sie jegliche Zuneigung.

Am Ziel vorbeigeschossen

Ausgerechnet den nun zu Stein gewordenen Liebesgott wählte die NASA zum Objekt ihrer Begierde. Der Asteroid Eros schien groß genug, um mit einer Fülle interessanter Details überraschen zu können, und ausreichend nahe, um ihn mit vergleichbar geringem Aufwand anzusteuern. Nach nur zweijähriger Bauzeit brach die Sonde NEAR (Kürzel aus "Near-Earth-Asteroid-Rendezvous") am 17. Februar 1996 zum himmlischen Stelldichein auf.

Beinahe endete das rund 3 Mrd. Schilling teure Projekt mit einem Fiasko. Beim nötigen Abbremsen knapp vor dem Rendezvous schaltete das Triebwerk am 20. Dezember 1998 vorschnell ab. Die Sonde schoss am Ziel vorbei. Zum Glück gelang es, sie auf Kurs zu einem neuerlichen "Date" zu bringen, wenngleich 13 Monate verspätet.

Am 14. Februar 2000 schwenkte NEAR endlich in die Umlaufbahn um Eros ein, geriet zum ersten künstlichen Satelliten eines Asteroiden. Der Roboter erhielt einen neuen Namen: "NEAR Shoemaker". Damit ehrte die NASA den populären Astronomen und Geologen Eugene Shoemaker, der 1997 beim Studium australischer Meteoritenkrater Opfer eines Autounfalls geworden war.

Bald senkte man die Flughöhe auf 200 km. Die etwa autogroße Sonde bewegte sich nur mit Schrittgeschwindigkeit um Eros. Stürmischeres Tempo, und die Affäre wäre gleich wieder zu Ende gewesen. Denn Eros Abmessungen sind mit 33x13x13 km bescheiden. Sein Gravitationsfeld ist entsprechend schwach, wegen der unregelmäßigen Form des Himmelskörpers außerdem noch kompliziert. Obacht war nötig, um NEAR im Orbit zu halten. Speziell am 26. Oktober 2000, als man sich kurzzeitig bis auf 5 km heranschmiegte. Die Kamera hielt dabei Details kleiner als 1 m fest.

Der Liebesgott Eros mag unwiderstehliche Anziehungskraft auf Menschen ausüben - der gleichnamige Kleinplanet hat so gut wie keine. An der Oberfläche beträgt die Gravitation nur ein Dreitausendstel des irdischen Werts. Ein Tennisspieler wäre dort halb so schwer wie ein Tennisball auf Erden. Allerdings schwankte das Gewicht je nach aktuellem Standort auf dem rotierenden Körper deutlich. Mancherorts würde ein Ball eine halbe Minute brauchen, um aus Kopfhöhe zu Boden zu fallen. Ein gekonnter Schlag beförderte ihn für immer ins All.

Ein kräftiger Sprung ließe den Spieler gleich folgen. Auf der Erde müsste sich dieser an die Spitze einer Rakete setzen, um Entweichgeschwindigkeit zu erreichen. Auf Eros genügte ein kurzer Sprint.

Narbengesicht

Vermutlich ist Eros nur Bruchstück eines etwas größeren Himmelskörpers. Seine längliche Gestalt deutet darauf hin. Die prägende landschaftsformende Kraft sind jedenfalls Meteoriteneinschläge. Meteorite sind Fragmente anderer Kleinplaneten. Sie prasseln mit typischerweise 18.000 km/h auf Eros herab. Ihre extreme Bewegungsenergie wird explosionsartig frei. Kreisförmig begrenzte Krater entstehen: NEAR fotografierte etwa 100.000 solcher Narben mit Durchmessern über 15 m.

Für die weitesten schlug man Namen von Liebenden aus der Mythologie und der Weltliteratur vor. Eindrucksvoll ist die gut 5 km durchmessende Psyche, benannt nach der Geliebten des Eros. Für andere Impaktwunden wählte man Narcissus, der sein eigenes Spiegelbild begehrte, oder Pygmalion - jenen Bildhauer, der sich in die von ihm geschaffene Mädchenstatue verliebte. Man trifft außerdem Orpheus und Eurydice, Don Juan, Don Quixote und Dulcinea sowie Nabokovs Lolita.

Sehr kleine Krater von nur wenigen Metern Durchmesser sind auf Eros selten. Dem Anschein nach heilt die Zeit zumindest harmlosere Wunden. Eine bis zu 100 m dicke Schicht aus lockerem Schutt, der ebenfalls beim Einschlag der vielen Meteorite entstand, dürfte sie zugedeckt haben. Dieser sogenannte "Regolith" rutschte in die Vertiefungen, füllte sie auf. Treffer schüttelten den Himmelskörper zudem durch. Der feine Gesteinsschutt geriet dabei wohl in ähnliche Bewegung wie Sand in einer leicht gerüttelten Schachtel: Niveauunterschiede gleichen sich langsam aus. Der Regolith verleiht Eros ein geglättetes, sanfteres Antlitz.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2001-02-09 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 15:02:00



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