• vom 10.06.2011, 12:12 Uhr

Kompendium

Update: 10.06.2011, 12:32 Uhr

Österreich

Die Mythen der "Feuernacht"




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Von Rolf Steininger

  • Vor 50 Jahren, in der Nacht auf den 12. Juni 1961, wurden in Südtirol 37 Strommasten sowie andere Einrichtungen in die Luft gesprengt. Welche Folgen das für die Südtirol-Frage hatte, ist bis heute umstritten - Versuch einer Klärung.

Eine gesprengte Wasserbrücke in Südtirol: Dass die Attentate in der "Feuernacht" und danach Italien in die Knie gezwungen hätten, gilt mittlerweile als widerlegt. Foto: Archiv "Dolomiten"

Eine gesprengte Wasserbrücke in Südtirol: Dass die Attentate in der "Feuernacht" und danach Italien in die Knie gezwungen hätten, gilt mittlerweile als widerlegt. Foto: Archiv "Dolomiten"

In der Nacht vom 11. auf den 12. Juni 1961, der sogenannten Herz-Jesu-Nacht, führte der "Befreiungsausschuss Südtirol" (BAS) seinen lange vorbereiteten großen Schlag durch: In Südtirol wurden 37 Hochspannungsmasten, zwei Hochdruckleitungen und mehrere Eisenbahnmasten gesprengt. Auf Flugblättern hieß es: "Wir fordern für Südtirol das Selbstbestimmungsrecht!" Es gab einen Toten.

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Aus Sicht der Attentäter

Diese Nacht ist als die "Feuernacht" in die Geschichte Südtirols eingegangen. Sie wurde und wird zum Teil noch - vor allem von den Attentätern selbst, aber auch von Nordtiroler Politikern - ganz im Sinne der Attentäter interpretiert. Demnach hätten die Attentate die Italiener in die Knie und zur Einsetzung jener Kommission gezwungen, die Südtirol letztlich die Autonomie brachte (die sogenannte "19er-Kommission"), die Qualität der Verhandlungen zwischen Österreich und Italien verbessert und die Welt auf das Südtirolproblem aufmerksam gemacht.

Ein Flugblatt aus 1961, dessen Forderung mehr als deutlich ist. Foto: Archiv "Dolomiten"

Ein Flugblatt aus 1961, dessen Forderung mehr als deutlich ist. Foto: Archiv "Dolomiten" Ein Flugblatt aus 1961, dessen Forderung mehr als deutlich ist. Foto: Archiv "Dolomiten"

Alles zusammen genommen, ein großer Erfolg, der durch die Attentate der folgenden Jahre abgesichert worden sei. Kurz: Südtirol verdanke seine Autonomie den "Freiheitskämpfern" des Jahres 1961, deren Leiden - Folter und Gefängnis - demnach nicht umsonst gewesen seien. Noch kürzer: Mit Bomben zur Freiheit! Ein Mythos war geboren. Die Fakten sehen allerdings anders aus. Neu zugänglich gewordene, vertrauliche Dokumente sprechen nämlich eine andere, wenn auch keine besonders populäre Sprache.

"Selbstbestimmung" hieß damals: Die Rückkehr Südtirols zu Österreich. Das wollten die Attentäter, und nicht etwa Autonomie. Allerdings war von Selbstbestimmung schon bald keine Rede mehr. Warum? Weil die Attentate dafür eindeutig kontraproduktiv waren.

Selbstbestimmung war damals ein großes Thema, etwa auf den Landesversammlungen der Südtiroler Volkspartei (SVP) in den Jahren 1959 und 1960: Die SVP-Ortsobleute wollten sie. Nur mit Mühe wurde 1960 eine entsprechende Resolution von der Parteileitung verhindert.

War die Forderung nach Selbstbestimmung unrealistisch? Aus Sicht der Bundesregierung in Wien - allen voran Bundeskanzler Julius Raab und Außenminister Bruno Kreisky - jedenfalls. In Tirol gab es allerdings Stimmen, die Selbstbestimmung forderten, wobei einige bereit waren, auch Gewalt anzuwenden. In Südtirol war die Mehrheit der SVP-Führung - mit Obmann Silvius Magnago an der Spitze - massiv dagegen. Es gab aber auch dort andere Stimmen; etwa jene von Magnagos Stellvertreters Peter Brugger, der Ende 1959 einmal meinte, man solle allmählich auf die Selbstbestimmung "umstecken".

Eine gesprengte Wasserbrücke in Südtirol: Dass die Attentate in der "Feuernacht" und danach Italien in die Knie gezwungen hätten, gilt mittlerweile als widerlegt. Foto: Archiv "Dolomiten"

Eine gesprengte Wasserbrücke in Südtirol: Dass die Attentate in der "Feuernacht" und danach Italien in die Knie gezwungen hätten, gilt mittlerweile als widerlegt. Foto: Archiv "Dolomiten" Eine gesprengte Wasserbrücke in Südtirol: Dass die Attentate in der "Feuernacht" und danach Italien in die Knie gezwungen hätten, gilt mittlerweile als widerlegt. Foto: Archiv "Dolomiten"

Selbstbestimmung adé

Die einflussreiche Leiterin des Referates "S" der Tiroler Landesregierung, Viktoria Stadlmayer, gehörte zu jener Gruppe, die für Selbstbestimmung, aber gegen Gewaltanwendung war. Als die Attentäter sie noch vor den Anschlägen um Unterstützung baten, warnte sie: "Das bringt nichts, lasst die Finger davon. Man wird euch verhaften. Und was dann?" Das war in der Tat die entscheidende Frage. Stadlmayer versprach sich mehr davon, wenn Zehntausende friedlich für die Selbstbestimmung demonstrieren würden.

Fazit: Ohne Attentate wäre aus der Selbstbestimmung möglicherweise etwas geworden, mit den Attentaten war das Thema politisch definitiv erledigt, es wurde geradezu weggebombt. Die Attentäter hatten das Gegenteil von dem erreicht, was sie gewollt hatten. Ein ehemaliger Südtiroler Attentäter, Siegfried Carli, dem 1961 die Flucht nach Nordtirol gelang und der später zu 18 Jahren Haft verurteilt wurde, formulierte es Jahrzehnte später so: "Wir haben es verhackt." Genauso war es.

Die "19er-Kommission" ( Der italienische Ministerrat setzte sie am 21. September 1961 ein, um die Südtirolfrage zu prüfen und der Regierung Vorschläge zu unterbreiten, Anm. ) wird von den Attentätern bis heute direkt mit der Feuernacht in Verbindung gebracht, nach dem Motto: Ohne Anschläge keine 19er-Kommission, ohne 19er-Kommission kein "Paket" (d.h. die Autonomielösung aus dem Jahre 1969). Die Frage lautet aber zunächst: Hat Rom die Kommission auf Grund der Feuernacht eingesetzt? Und war das ernst gemeint oder nur ein taktischer Schachzug?

Scelba setzt sich durch

Tatsache ist, dass die Feuernacht und die anschließenden Anschläge im Juli 1961 kontraproduktiv für die Haltung etlicher Mitglieder der italienischen Regierung waren. Tatsache ist auch: Schon vor der Feuernacht hatte Innenminister Mario Scelba den Südtirolern Vorschläge für ein inneritalienisches Gespräch gemacht, die gerade wegen der Attentate beinahe nicht realisiert worden wären, weil Mitglieder des italienischen Ministerkomitees den Eindruck der Schwäche in der Öffentlichkeit vermeiden wollten, der durch die Kommission ihrer Meinung nach entstanden wäre.

Der Hardliner Scelba setzte sich im Ministerrat durch. Er wollte trotz der Attentate die Kommission - als Zeichen der Stärke und als Instrument vor der UNO. Die 19er-Kommission wurde also nicht wegen, sondern trotz der Feuernacht eingesetzt! Im Ministerrat war Scelba zuvor mit seinem Vorschlag auf "harten Widerstand" gestoßen. "Ein Anderer", sagte Scelba Monate später zum österreichischen Botschafter in Rom, Max Löwenthal, "hätte sich nicht durchgesetzt." Dabei ist festzuhalten: Die Attentäter wollten alles, nur keine 19er-Kommission! Denn diese bedeutete ja das Ende jeglicher Forderungen nach Selbstbestimmung.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2011-06-10 12:12:21
Letzte Änderung am 2011-06-10 12:32:00



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