• vom 23.04.2010, 15:10 Uhr

Kompendium

Update: 23.04.2010, 15:12 Uhr

Wissenschaft

Der Mond der Scheherazade




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christian Pinter

  • Auf dem Saturnmond "Enceladus" könnte Leben existieren. Der beeindruckende Eisvulkanismus dieses Trabanten gibt der Wissenschaft allerdings noch viele Rätsel auf.

Wer hat nicht schon von den "Geschichten aus tausendundeiner Nacht" gehört - von Prinz Ahmed und der Fee Pari Banu, von Aladin und der Wunderlampe, von Sindbad dem Seefahrer oder von Ali Baba und den 40 Räubern? Deren Abenteuer werden allnächtlich von der schönen Scheherazade erzählt, um den mordlüsternen König Shahryar zu besänftigen. Nun haben die Motive der orientalischen Märchensammlung eine neue Heimat gefunden: in 1,3 Milliarden Kilometer Entfernung von Alexandria, Kairo, Samarkand oder Kaschmir. Denn die "Internationale Astronomische Union" taufte Landschaften auf dem Saturnmond Enceladus nach Charakteren und Schauplätzen dieses Klassikers der Weltliteratur.


Keine schlechte Wahl, zumal der ferne Trabant wirklich Erstaunliches zu erzählen weiß. So zeigte er aktiven Vulkanismus, den man bisher nur auf vier Welten im Sonnensystem nachwies. Auf Enceladus wird allerdings nicht, wie auf Erden, heiße Gesteinsschmelze an die Oberfläche gedrückt, sondern Eis. Verblüffend genug: Ein derart zwergenhafter Himmelskörper hätte längst völlig auskühlen und somit der Leichenstarre anheim fallen müssen. Mit einem Durchmesser von 500 Kilometern könnte man ihn zwischen Wien und Bregenz begraben. Um das Rätsel des Eisvulkanismus zu lösen, wäre ein hilfreicher Dschinn willkommen.

Der geringen Schwerkarft wegen schießen die Geysire geradewegs in den Himmel. Speist sie ein verborgener Ozean? Grafik: Pinter

Der geringen Schwerkarft wegen schießen die Geysire geradewegs in den Himmel. Speist sie ein verborgener Ozean? Grafik: Pinter Der geringen Schwerkarft wegen schießen die Geysire geradewegs in den Himmel. Speist sie ein verborgener Ozean? Grafik: Pinter

Am 28. August 1789 richtete der deutschstämmige Astronom Wilhelm Herschel sein gerade fertig gestelltes, brandneues Fernrohr zum Himmel. Mit einem 1,2 Meter weiten Metallspiegel war es das größte und mächtigste auf der Welt. Damals erschien Saturn gerade ohne seinen hellleuchtenden Ringschmuck. Das flüchtige Spiel der Perspektive erlaubte es Wilhelm, zwei bisher völlig fremde, äußerst schwache Lichtpunkte in Saturns unmittelbarer Nähe zu erspähen. Erst 58 Jahre später verlieh Herschels Sohn John den Saturnmonden Namen aus der antiken Mythologie: Die früher entdeckten hießen fortan "Titan", "Japetus", "Rhea", "Dione" und "Tethys", die jüngeren Funde seines Vater "Mimas" und "Enceladus".

John erinnerte damit an griechische Götter aus dem Geschlecht der Titanen und der Giganten. Beide entstammten der Erdgöttin Gaia und lehnten sich gegen Zeus auf; allerdings erfolglos, wie man weiß.

Der Gott Enceladus bewegte sich auf Schlangenbeinen. Gierig, die Herrschaft zu erringen, trug er Berge zusammen, um den Olymp zu stürmen. Bis zu den Sternen sollte dieses Gebäude ragen. Doch letztlich erdrückte es den Erbauer. Seither ruht Enceladus, vom Blitz des Zeus halbverbrannt, unter dem Ätna. Wechselt er ermattet die Seite, erzittert ganz Sizilien, schreibt Vergil. Rauch umschleiert dann den Himmel. Bald entlässt der Vulkan Glut aus seinem Schlund: So leckt der begrabene Enceladus noch immer zu den Sternen.

Im Fernrohr ist der mythische Gigant bloß ein Lichtpünktchen. Astronomen wussten daher lange Zeit kaum etwas mit ihm anzufangen. Erst Anfang der Achtzigerjahre funkten die beiden Voyager-Sonden Nahaufnahmen von Saturn und seinen Monden erdwärts. Als säßen die Forscher auf einem fliegenden Teppich, zogen nun die Eislandschaften des Enceladus vor ihren Augen vorbei. Bei einem Alter von 4,5 Milliarden Jahren hätte seine Oberfläche mit Einschlagswunden geradezu übersät sein müssen. Doch man sah bloß wenige und kleine Krater, die man "Sindbad", "Ali Baba" oder "Shahryar" nannte. Weite Ebenen zeigten sich überhaupt ohne Relief. Frisches Eis musste die Einschlagsnarben wieder zugedeckt und ausradiert haben - vielleicht zu jener Zeit, als auf Erden gerade die Saurier herrschten.

Der alte Enceladus verblüffte durch ein höchst jugendliches Antlitz. Es war schneeweiß und reflektierte das Sonnenlicht besser als jede andere Oberfläche im Planetensystem. Entsprechend schlecht drang bescheidene Sonnenwärme ins Eis ein. Die Temperaturen lagen unter minus 200 Grad Celsius.

Tigerstreifen im Eis

2004 schwenkte die US-Sonde Cassini in den Orbit um Saturn ein. Seither jagte sie neunmal dicht an Enceladus vorbei. Rasch machte Cassini vier parallele Gräben (lateinisch: sulci) in der Nähe des Südpols aus. Die ziehen, in leicht schlangenförmiger Gestalt, jeweils etwa 130 Kilometer lang durchs Eis. Den längsten nannte man "Baghdad Sulcus", einen anderen "Damascus Sulcus". Die dunklen Gräben erinnern an Streifen in einem Tigerfell. Diese "Tigerstreifen" entpuppten sich als die mit Abstand wärmsten Gebiete auf Enceladus. Doch damit nicht genug: Aus ihnen schossen gut 30 überaus mächtige, geysirartige Fontänen in den Himmel!

Eisvulkanismus verwandelt den kleinen Enceladus in eine überraschend aktive Welt. Welchen Schatz verbirgt dieser "Märchenmond"? Foto: NASA

Eisvulkanismus verwandelt den kleinen Enceladus in eine überraschend aktive Welt. Welchen Schatz verbirgt dieser "Märchenmond"? Foto: NASA Eisvulkanismus verwandelt den kleinen Enceladus in eine überraschend aktive Welt. Welchen Schatz verbirgt dieser "Märchenmond"? Foto: NASA

Cassini raste sogar selbst durch eine Fontäne hindurch. Die Sonde entdeckte dabei vor allem Wassereis und Wasserdampf, verfeinert mit Kohlendioxid, Stickstoff und Ammoniak, Methan, Ethin und Propan. Im kalten All kondensiert der Wasserdampf bald wieder zu Eis. Es stürzt großteils auf Enceladus zurück. Die leichtesten Teilchen hetzen aber mit 1800 km/h davon und lassen die Miniwelt hinter sich. Schon vor 44 Jahren hatte man einen feinen, fast unsichtbaren Materiering ausgemacht, der weit außerhalb des hellen Saturnrings schwebt. Dieser E-Ring ist optisch dünn, besteht also bloß aus mikroskopisch kleinen Partikeln. Heute weiß man, dass sie von Enceladus stammen. Weil Mimas, Tethys, Dione und Rhea ebenfalls im E-Ring kreisen, schneit es seinetwegen sogar auf diesen Monden.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-04-23 15:10:32
Letzte Änderung am 2010-04-23 15:12:00



Werbung




Werbung


Werbung