• vom 20.11.2009, 15:37 Uhr

Kompendium


Hofknickse am nächtlichen Himmel




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Von Christian Pinter

  • Selbst das Sternenzelt ist nicht ganz frei von Politik, denn die Astronomen benannten die Sternbilder immer wieder gerne nach Herrschern und Gönnern.

Johann Elert Bode ersann das Sternbild "Honores Friderici". Andromedas rechte Hand war seiner "Friedrichsehre" aber im Weg. Aus Bodes Himmelsatlas Uranographia, Berlin 1801. Foto: Isolde Müller

Johann Elert Bode ersann das Sternbild "Honores Friderici". Andromedas rechte Hand war seiner "Friedrichsehre" aber im Weg. Aus Bodes Himmelsatlas Uranographia, Berlin 1801. Foto: Isolde Müller Johann Elert Bode ersann das Sternbild "Honores Friderici". Andromedas rechte Hand war seiner "Friedrichsehre" aber im Weg. Aus Bodes Himmelsatlas Uranographia, Berlin 1801. Foto: Isolde Müller

Fast zur gleichen Zeit wie Galileo Galilei erspähte Simon Marius, der Astronom des Markgrafen von Brandenburg-Ansbach, im Jänner 1610 die vier großen Jupitermonde. Und er wollte sie spontan "Brandenburgische Gestirne" nennen. Doch zum Glück folgte er dem Vorschlag von Johannes Kepler und wählte als Namensspender mythologische Figuren - nämlich vier Liebschaften des Zeus (römisch: Jupiter). Damit begründete Marius eine Tradition, der später viele Mondentdecker folgten.


Galilei hingegen kümmerte sich nicht um Eigennamen. Er sprach bloß pauschal von den vier "Sternen der Medici" und widmete das Quartett diesem Florentiner Fürstengeschlecht: "Zungen gleich" sollte es die Tugenden Cosimos II. rühmen. Während aber Bildnisse aus Marmor oder Bronze letztlich doch Opfer von Unwetter, Gewalttaten oder Alter würden, blieben diese himmlischen Denkmäler unbeschadet, schmeichelte Galilei. Tatsächlich ernannten ihn die Medici noch im selben Jahr zum Hofphilosophen von Florenz.

Die Locken der Berenike

Damals prangten übrigens bereits zwei höfische Verbeugungen am Sternenhimmel. Sie ergänzten die 48 klassischen Konstellationen, die Claudius Ptolemäus um 150 n. Chr. in seinem berühmten "Almagest" überliefert hatte. Ebenfalls in Alexandria wirkte, allerdings 400 Jahre vor Claudius Ptolemäus, der Astronom Konon von Samos, ein Freund des Archimedes und Untertan des ägyptischen Königs Ptolemäus III. Als der in den Krieg zog, schnitt sich dessen Gattin Berenike II. ihre berühmten goldenen Locken ab. Mit diesem Opfer wollte sie von der Liebesgöttin Aphrodite die sichere Rückkehr des Gemahls erflehen.

Der König kehrte denn auch wohlbehalten heim, vermisste jedoch Berenikes Haarpracht. Sogar aus dem Tempel war sie verschwunden. Zur Besänftigung soll Konon damals auf ein Dutzend schwacher Sternchen am Frühlingshimmel gezeigt und gesagt haben: Die Liebesgöttin selbst habe das Opfer unter die Sterne versetzt. Spätere Astronomen rechneten diese Sternchen der Jungfrau oder dem Löwen zu. Erst zu Ende des 16. Jahrhunderts erinnerte der Däne Tycho Brahe an diese alte Geschichte und machte das "Haar der Berenike" zu einer eigenständigen Konstellation.

Zurück zum Astronomen Ptolemäus: Etwa 30 Jahre war er alt, als sich ein Günstling Kaiser Hadrians namens Antinoos angeblich selbst im Nil ertränkte - um durch sein Opfer ein langes Leben des römischen Imperators zu erwirken. Hadrian ließ Antinoos daraufhin wie einen Gott verehren. Man setzte ihn sogar mit dem mythologischen Königssohn Ganymed gleich, den Zeus in Gestalt eines Adlers auf den Olymp geholt hatte.

In der Renaissance wurde der Stoff wiederbelebt. Der untere Abschnitt des Sternbilds Adler hieß vom 16. bis ins 19. Jahrhundert daher auch "Antinous". Der deutsche Astronom Johann Heinrich Mädler ging mit derartigen Verbeugungen allerdings hart ins Gericht. Für ihn gehörten "Antinous" und das "Haar der Berenike" einer Zeit an, "die sich durch höfische Schmeichelei bestimmen ließ".

Mädlers Verärgerung war durchaus verständlich. Mittlerweile hatten nämlich weitere Berufskollegen den Himmel zur Karriereförderung benutzt: Dazu entwendeten sie den klassischen Konstellationen schwächere, an deren Rand liegende Sterne und erklärten diese zu Souvenirs ihrer jeweiligen Schutzherren.

1649 wurde Karl I. vom englischen Parlament des Hochverrats angeklagt und enthauptet. Sein Sohn wollte die königliche Macht wiederherstellen - freilich nicht ganz uneigennützig. Dazu musste er erst gegen Oliver Cromwell kämpfen, welcher die neue Republik regierte. Als dieser 1651 in der Schlacht von Worcester unterlag, versteckte er sich in einer hohlen Eiche. Später gelang ihm die Flucht auf den Kontinent. Nach Cromwells Tod bestieg Karl II. den Thron.

Mittlerweile war die Astronomie zu einem Politikum geworden. Im Zeitalter der kolonialen Seefahrt sollte sie Verfahren bereit stellen, die den Schiffen sicheres Navigieren erlaubten: Deshalb gründete Karl II. eine Sternwarte in Greenwich. Der Astronom Edmond Halley wurde auf die Atlantikinsel St. Helena entsandt, um die Position südlicher Sterne zu vermessen. Bei dieser Gelegenheit stahl er ausgerechnet dem antiken Sternbild Argo, das an das Schiff der legendären Argonauten erinnerte, mehrere Sterne. Er formte daraus die "Karlseiche" - als Präsent für den königlichen Sternwartegründer.

Der Engländer machte sich außerdem für die Konstellation "Herz Karls" (lateinisch: Cor Caroli ) stark, zum Gedenken an den enthaupteten Karl I. Das himmlische Herz bestand bloß aus einem einzigen Stern. Doch Halleys Zeitgenosse Johannes Hevelius übermalte es bald wieder: Der Danziger Astronom verzierte die fragliche Himmelsstelle mit dem ausladenden Sternbild "Jagdhunde". Inoffiziell behielt der Hauptstern der jagenden Hunde aber weiterhin den Namen "Cor Caroli".

Szepter und Lilie

Auch auf dem Kontinent absolvierten Astronomen diverse Hofknickse. Der Deutsche Gottfried Kirch wollte 1688 den Himmel um das "Brandenburgische Szepter" bereichern. Wenige Jahre zuvor hatte der Franzose Augustin Royer seinem König Ludwig XIV. ebenfalls ein "Szepter" am Firmament geschenkt, und überdies eine "Lilie" des königlichen Wappens verstirnt. Der deutsche Mathematiker Erhard Weigel aber trieb die kosmische Heraldik auf die Spitze. Auf einem Teil seiner Globen wurden nämlich sämtliche Himmelsfiguren durch die Wappen verschiedener Fürsten, Länder und Städte ersetzt. (Diese Wappen gingen ursprünglich auf die bemalten Schutzschilde mittelalterlicher Ritter zurück.)

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-11-20 15:37:15
Letzte Änderung am 2009-11-20 15:37:00



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