• vom 02.10.2009, 14:40 Uhr

Kompendium

Update: 02.10.2009, 14:41 Uhr

Wissenschaft

Doppelanschlag auf den Mond




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Von Christian Pinter

  • Mit zwei infernalischen Manövern sucht die Nasa am 9. Oktober nach Eis am lunaren Pol.

Lunares Gestein - hier das eines Mondmeteoriten - galt bisher als staubtrocken. Neueste Untersuchungen stellen das in Frage. Foto: Pinter

Lunares Gestein - hier das eines Mondmeteoriten - galt bisher als staubtrocken. Neueste Untersuchungen stellen das in Frage. Foto: Pinter

Bei ihren kurzen Affären mit Frau Luna kamen die Apollo-Astronauten ohne Mondwasser aus - sie brachten das kostbare Nass zum dreitägigen Rendezvous von der Erde mit. Doch wer eine feste Beziehung anstrebt, muss bei Luna einziehen und eine Mondbasis errichten. Bei solchen Langzeitaufenthalten würde Wasser knapp werden. Die Anlieferung von der Erde erwiese sich angesichts der Transportkosten von etlichen tausend Euro pro Liter als teurer Luxus. Ein eigener Brunnen wäre für jede Mondstation von Vorteil. Er löschte den Durst der Bewohner, schenkte ihnen Sauerstoff zum Atmen und Wasserstoff für Raketentriebwerke. Doch leider gibt es auf dem Mond kein Grundwasser.


Schneemann am Mond

Man stecke einen Schneemann in die Raumkapsel und stelle ihn am Beginn der zwei Wochen währenden, finsteren Mondnacht in einem Krater auf. Die extrem tiefen Temperaturen ließen seinen Körper fast so hart wie Stein werden. Doch kaum erscheint die Sonne wieder am Horizont, verwandelt er sich in einen "Minikometen". Bei plus 120 Grad Celsius verdampft Eis geschwind. Nicht einmal eine Lacke bleibt zurück. Nur Wasserdampf, der sich in dunkle, kalte Schatten rettet, hat eine Überlebenschance. Er kondensiert dort neuerlich zu Eis. Doch wo will man solche Schatten finden? Im Lauf von 29,5 Tagen sticht die Sonne auf jeden Punkt der Mondoberfläche herab.

Von der lunaren Südpolregion aus betrachtet, schwebt die Erde nur knapp über dem Horizont. Grafik: Pinter

Von der lunaren Südpolregion aus betrachtet, schwebt die Erde nur knapp über dem Horizont. Grafik: Pinter Von der lunaren Südpolregion aus betrachtet, schwebt die Erde nur knapp über dem Horizont. Grafik: Pinter

An den lunaren Polen ist das anders. Dort bleibt sie sechs Monate lang unsichtbar. Und auch im folgenden Halbjahr kriecht sie bestenfalls einen Finger breit über dem Mondhorizont dahin. Ihre äußerst flach einfallenden Strahlen lassen dann selbst winzige Erhebungen dramatische Schatten werfen. Die Böden kleinerer Polkrater sehen überhaupt nie direktes Licht. Sie verharren beständig im Dunkel der Kraterwälle.

Geht man von einer stabilen Lage der Mondachse aus, müssten solche Flecken seit Jahrmilliarden nur im Schatten gelegen sein und damit immerwährende Finsternis erlebt haben. Das Thermometer zeigte an manchen Stellen wohl nie mehr als minus 240 Grad Celsius an - das sind tiefere Temperaturen, als sie etwa auf dem fernen Pluto herrschen. Deshalb könnte dort, so spekulieren Forscher seit 1961, tatsächlich Wassereis existieren. Es mag von eisreichen Kometen angeliefert worden sein oder von bestimmten Meteoritentypen, die wasserhaltige Silikate beinhalten.

Bei der Suche nach diesen mutmaßlichen Eisvorkommen sorgte Frau Luna bisher für ein Wechselbad der Gefühle: 1994 studierte die US-Sonde "Clementine" die Pole, wo Krater mit Namen wie Peary, Byrd, Scott, Amundsen oder Shackleton an berühmte Arktis- und Antarktisforscher erinnern. Dabei kartierte die Sonde auch Gebiete, in denen ewige Nacht herrscht. Am Südpol ist deren Fläche größer als im Norden und übertrifft jene der Stadt Wien ums Dreißigfache. Aus der Art, wie die finsteren Kraterböden Clementines Funksignale reflektierten, schloss man tatsächlich auf das Vorhandensein von Eisflächen.

Lunares Gestein - hier das eines Mondmeteoriten - galt bisher als staubtrocken. Neueste Untersuchungen stellen das in Frage. Foto: Pinter

Lunares Gestein - hier das eines Mondmeteoriten - galt bisher als staubtrocken. Neueste Untersuchungen stellen das in Frage. Foto: Pinter Lunares Gestein - hier das eines Mondmeteoriten - galt bisher als staubtrocken. Neueste Untersuchungen stellen das in Frage. Foto: Pinter

Später sandten Techniker von der Erde aus Radarsignale zum Mond, die ebenfalls kräftig "gespiegelt" wurden - allerdings ebenfalls von gnadenlos heißen Regionen, die im Sonnenlicht badeten. Offenbar ahmten ungewöhnlich raue Mondlandschaften die funktechnischen Eigenschaften von Eis nach. Die Hoffnung auf Mondwasser schmolz dahin.

1998 fasste man neuerlich Mut. Damals entdeckte die Nasa-Sonde "Lunar Prospector" vom Orbit aus indirekt Wasserstoff an den beiden Polgebieten, im extremen Norden mehr als im Süden. Daraus schlossen Forscher auf Wassereisvorräte von Millionen bis Milliarden Tonnen. Nach Abschluss der Erkundungsarbeit schlug der Prospector hart am Südpol auf, ohne dass in der Staubwolke auch nur die Spur von Wasserdampf nachzuweisen war. Möglichweise stammte der zuvor registrierte Wasserstoff gar nicht von lunarem Eis. Er erschien nun als fragwürdiger Indikator. Wieder trat Ernüchterung ein.

Später warfen die europäische Sonde "Smart-1" und ihre japanische Kollegin "Kaguya" neugierige Blicke in den Südpolkrater Shackleton. Als Lichtquelle nutzten sie das spärliche, vom Kraterwall gestreute Sonnenlicht. Eisflächen erspähte keiner der beiden Mondsatelliten. Allerdings könnte gefrorenes Wasser auch unter einer meterdicken Trümmerdecke aus Staub und Stein verborgen liegen. Diese Regolithschicht bedeckt den Mond praktisch überall und ist das Resultat unzähliger Meteoriteneinschläge, die sein Oberflächengestein pulverisiert haben. Eis mag in diesen Regolith eingemischt sein, sei es auch nur in Form winziger Kristalle.

Tatsächlich weisen brandneue Untersuchungsergebnisse Wassermoleküle und das Hydroxyl-Radikal (OH) im Mondmaterial nach, vor allem in Polnähe. Als Lieferant könnte Sonnenwind dienen.

Im Juni 2009 feuerte die Nasa eine Atlas-V-Rakete ins All. Rasch zündete deren Centaur-Oberstufe, um zwei brandneue US-Späher mit einem Gesamtwert von 580 Millionen US-Dollar Richtung Mond zu katapultieren. Der "Lunar Reconnaissance Orbiter" (LRO) zieht seither enge Kreise um die Mondgöttin, studiert ihren Körper aus 50 Kilometer Nähe. Daher vermag er auch intimste Details von weniger als einem Meter Durchmesser abzulichten. Der Aufklärer sucht die dunklen polaren Höhlungen nun neuerlich nach Eisflächen ab. Als Beleuchtung genügt ihm dazu das schwache Licht der Sterne.

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Dokument erstellt am 2009-10-02 14:40:24
Letzte Änderung am 2009-10-02 14:41:00



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