• vom 14.08.2009, 14:58 Uhr

Kompendium


Kunst

Die Angst als Kapital




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief





Verändertes Weltgefühl

Zur Literatur hatte Kubin eine innige Beziehung, nicht zuletzt deshalb, da er selbst auch schriftstellerisch tätig war. Das wichtigste Werk aus seiner Feder ist der Roman "Die andere Seite", in dem er detailreich und visionär die Weltkatastrophen des 20. Jahrhunderts vorausahnend beschrieb. Hermann Hesse bezeichnete den 1908 erschienenen Roman als das "am meisten dichterische Werk der letzten Jahrzehnte". Kubin selbst sprach von einem "veränderten Weltgefühl", das nun in seine Seele einzog; das Buch mit seinen autobiographischen Bezügen hatte zweifellos therapeutischen Charakter. Außerdem verfasste er Erzählungen, Essays und eine Autobiographie.

Alfred Kubin war, wie Albert Gütersloh, Fritz von Herzmanovsky-Orlando und Oskar Kokoschka eine künstlerische Doppelbegabung. Trotz seiner verhältnismäßig geringen Schulbildung war der "Einsiedler von Zwickledt" ein Mann von weitreichenden geistigen Interessen. Er beschäftigte sich intensiv mit philosophischen und religiösen Fragen; weltanschaulich neigte er zum Buddhismus.

Die wirtschaftliche Grundlage seiner Künstlerexistenz bildete seine Tätigkeit als Illustrator bedeutender Werke der Weltliteratur, die ihm bereits in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts internationale Anerkennung eintrug. Er hat die Bücher geistesverwandter Schriftsteller wie Edgar Allan Poe, Franz Kafka, Fjodor Dostojewski, E.T.A. Hoffmann und August Strindberg, um nur einige zu nennen, kongenial illustriert. In seiner dämonischen, zwielichtigen Bilderwelt mischt sich Visionäres mit Skurrilem, Unheimliches mit Grauenerregendem, Gespenstisches mit Groteskem. Hin und wieder blinzelt aber auch ein kauzischer, schalkhafter Humor durch die labyrinthische Traumwelt des begnadeten Zeichners.

In der nationalsozialistischen Ära wurden zahlreiche Werke Kubins als "Entartete Kunst" diffamiert und beschlagnahmt. Er wurde aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen, erhielt aber kein Ausstellungsverbot.

Ein österreichisches Schicksal blieb dem großen Graphiker leider nicht erspart: Die öffentliche Anerkennung erreichte ihn sehr spät. Erst im Alter von 73 Jahren erhielt Alfred Kubin den Preis der Stadt Wien für Malerei und Graphik, 1951 wurde ihm der Große Österreichische Staatspreis für bildende Kunst verliehen, zwei Jahre vor seinem Tod erhielt er das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst.

Alfred Kubin starb am 20. August 1959 in Zwickledt und wurde auf dem Friedhof in Wernstein beerdigt. Schule hat der künstlerische Einzelgänger keine hinterlassen. Aber sein Werk war für viele österreichische Künstler eine Quelle der Inspiration. Hans Fronius, mit dem er eine langjährige Korrespondenz unterhielt, und der vor kurzem verstorbene Paul Flora verdienen es, in diesem Zusammenhang an vorderster Stelle genannt zu werden.

Tipp: Werke von Alfred Kubin zeigt das Leopold-Museum in der Schau "Edvard Munch und das Unheimliche".

16. 10. 2009 - 18. 1. 2010, MuseumsQuartier, 1070 Wien, Museumsplatz 1, www.leopoldmuseum.org.

Friedrich Weissensteiner war Direktor eines Wiener Bundesgymnasiums und ist Autor zahlreicher historischer Bücher.

zurück zu Seite 1




Schlagwörter

Kunst

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2009-08-14 14:58:13
Letzte ─nderung am 2009-08-14 14:57:00



Werbung




Werbung


Werbung