• vom 03.04.2009, 14:27 Uhr

Kompendium

Update: 03.04.2009, 14:28 Uhr

Weltraum

Asteroidale Ahnenforschung




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christian Pinter

  • 7. April 1959: Die Leuchtspur des Meteoriteneinfalls im böhmischen Pribram wird auf Film gebannt - und ermöglicht erstmals exakte Bahnanalysen

Dieser Meteorit stürzte 1924 bei Johnstown, Colorado, ab.Foto: Pinter

Dieser Meteorit stürzte 1924 bei Johnstown, Colorado, ab.Foto: Pinter Dieser Meteorit stürzte 1924 bei Johnstown, Colorado, ab.Foto: Pinter

Böhmen, am 7. April 1959: Eine brillante Feuerkugel, fast 400 Mal heller als der Vollmond, jagt über den Abendhimmel. In Pøíbram, zwischen Pilsen und Prag, fallen vier dunkle Steine mit einem Gesamtgewicht von 5,6 Kilo vom Himmel. Es ist der 800ste gesicherte Meteoritenfall der Geschichte - und doch einzigartig. Denn die Himmelskameras von Ondøejov und Prèice haben die Erscheinung auf Film gebannt. Da die Stationen 40 Kilometer auseinander liegen, erscheint die nahe Leuchtspur vor dem fernen Sternenhintergrund in unterschiedlicher Weise verschoben. Dieser perspektivische Effekt erlaubt es erstmals, die exakte Bahn des Meteoriten im Weltraum zu rekonstruieren. Er pendelte demnach auf einer recht exzentrischen Ellipse hin und her, zwischen dem Orbit der Venus und der breiten planetenfreien Zone vor Jupiters Toren. Pøíbram macht klar: Meteorite sind weder Reste von Kometen, noch exotische Besucher aus anderen Sonnensystemen - sondern Trümmer aus dem Reich der Kleinplaneten.


Geburt der Planeten

Vor 4,6 Milliarden Jahren trieb eine gigantische Wolke aus Eis, Gas und Staub um die junge Sonne. Der parallelen Flugbahnen wegen stießen ihre Teilchen sachte zusammen und blieben aneinander haften. Innerhalb von hundert Millionen Jahren wuchsen Körner zu Kieseln, handgroße Brocken zu Felsblöcken und gebirgsgroße Himmelskörper zu mondgroßen Objekten heran. Daraus wiederum formten sich die Planeten.

Der gierige Jupiter raffte gleich 318 Erdmassen an sich. Mit seiner enormen Anziehungskraft mischte er die verbliebenen Kleinkörper in seiner Nähe auf. Nun wichen deren Orbits immer deutlicher von der Kreisform ab. Die gegenseitigen Kollisionen wurden heftiger und gerieten nicht selten zum Desaster. Die Miniwelten wuchsen nicht mehr. Anstatt eines weiteren Planeten blieb ein Trümmerfeld zwischen Mars und Jupiter zurück: der Kleinplaneten- oder Asteroidengürtel.

Diese Meteorite landeten 1931 in Tatahouine, Tunesien. Stammen sie aus der Vesta-Familie?

Diese Meteorite landeten 1931 in Tatahouine, Tunesien. Stammen sie aus der Vesta-Familie? Diese Meteorite landeten 1931 in Tatahouine, Tunesien. Stammen sie aus der Vesta-Familie?

Dort kreisen Hunderttausende Objekte um die Sonne - auf Bahnen, deren Radius doppelt bis gut dreimal so groß ist wie jener der Erdbahn. Das dritte Keplersche Gesetz diktiert ihnen damit Umlaufszeiten von drei bis sechs Jahren. Trotz der enormen Abstände kommt es alle paar Dutzend Millionen Jahre zu einem Zusammenstoß zwischen solchen Himmelskörpern: Bei Kollisionsgeschwindigkeiten von 7000 km/h und mehr ist das Gestein der Kontrahenten einem Druck vom 750.000-Fachen der Erdatmosphäre ausgesetzt. Die abrupt abgebremste Bewegung verwandelt sich in höllische Hitze. Das kleinere Objekt schmilzt, verdampft teilweise oder löst sich in Staub auf. Das größere verliert Materie an den Weltraum, wird zerrüttet, entzwei gehauen oder gar in hunderttausende Fragmente zerlegt. Aufgrund der eigenen Anziehungskraft findet das Gros der Bruchstücke aber schon in wenigen Tagen zu neuen Körpern zusammen. Die ziehen dann auf recht ähnlichen Ellipsen weiter.

Der 1874 geborene japanische Astronomieprofessor Kiyotsugu Hirayama untersuchte knapp 800 Kleinplanetenorbits. Dabei fielen ihm zunächst drei Gruppen mit analogen Bahnelementen auf: 1918 sprach er ganz bewusst von "Familien", vermutete er doch die gemeinsame Abstammung der jeweiligen Mitglieder. Zum Familienvorstand kürte er stets die erstentdeckte Vertreterin jeder Gruppe. So kreierte Hirayama die "Koronis-", die "Eos-" und die "Themis-Familie". Später deckten er und andere Astronomen noch Dutzende weitere Kleinplanetenfamilien auf.

Manchmal dominiert ein Körper den ganzen Verband, wie im Fall der Eunomia. Sie vereint zwei Drittel der Gesamtmasse in sich. Die Verwandtschaft der Koronis hingegen hat den Familienbesitz viel gleichmäßiger unter sich aufgeteilt: und der Namensgeberin selbst bleibt höchstens ein Fünfundzwanzigstel. Wie auch immer: Diese Familien sind dem langsamen Zerfall preisgegeben. Die Bahnen ihrer Mitglieder werden nämlich in unterschiedlicher Weise manipuliert. Dafür verantwortlich sind die Anziehungskräfte von Jupiter, Saturn und Mars, aber auch Effekte, die letztlich auf der Sonnenstrahlung beruhen. Je zerstreuter eine Asteroidenfamilie, desto weiter liegt ihre Geburt zurück. Komplexe Bahnanalysen erlauben es, den Zeitpunkt der Familiengründung einzugrenzen. Allerdings ist mittlerweile so mancher Spross neuerlich Opfer einer Karambolage geworden - und hat damit seine eigene "Unterfamilie" gegründet.

So kam es vor zwei bis drei Milliarden Jahren zu einer allzu heftigen Begegnung zwischen einem 60 und einem 120 Kilometer großen Asteroiden: Die beiden lösten sich in mindestens 300 Fragmente auf. Eines davon ist die schon erwähnte, knapp 40 Kilometer kleine Koronis; ein anderes die Ida, 1884 vom Österreicher Johann Palisa entdeckt. Ein weiteres Familienmitglied wurde vor knapp sechs Millionen Jahren abermals gerammt, und dabei blieb der Karin-Haufen zurück.

Kosmische Irrläufer

1867, lange bevor Hirayama die "asteroidale Ahnenforschung" begründete, waren dem US-Astronomen Daniel Kirkwood seltsame Lücken im Kleinplanetengürtel aufgefallen. So zeigten sich etwa jene Zonen verarmt, in denen ein Objekt 3,95 oder 5,94 Jahre für eine Sonnenumkreisung gebraucht hätte. Dies ist aber genau ein Drittel bzw. die Hälfte von Jupiters Umlaufzeit. Solche Objekte kämen somit häufiger in relative Nähe des Riesenplaneten und würden entsprechend stärker in ihrem Lauf gestört. Wenn die Mitglieder einer Asteroidenfamilie langsam auseinander driften, nähern sich manche von ihnen einer dieser Resonanzzonen. Jupiter zieht die Bahnellipsen dann immer mehr in die Länge: Der innerste Bahnpunkt marschiert dann in Richtung Sonne.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Weltraum

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-04-03 14:27:54
Letzte Änderung am 2009-04-03 14:28:00



Werbung




Werbung


Werbung