• vom 30.01.2009, 13:53 Uhr

Kompendium

Update: 16.08.2012, 17:00 Uhr

Deutschland

Kino als Kosmos der Schicksale




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Von Stefan May

  • Am 5. Februar beginnen die 59. Filmfestspiele in Berlin - eine Vorschau auf das reichhaltige Programm, das dort heuer geboten wird
  • Kino ist Unterhaltung, Entführung in die bunte Welt der Fiktion - aber auch Abbild der Wirklichkeit. Das zeigt sich besonders deutlich bei Filmfestspielen, wo nicht nur die Kassenschlager gezeigt werden, sondern auch Filme, die aus exotischen Ländern kommen, mit kleinem Budget gedreht wurden und wohl nie in die heimischen Kinos kommen werden.

"Der Knochenmann" von Wolfgang Murnberger ist einer der österreichischen Beiträge auf der Berlinale. Hier im Bild Birgit Minichmayr und Josef Hader. Foto: Petro Domenigg Filmstills/ Majestic Filmverleih

"Der Knochenmann" von Wolfgang Murnberger ist einer der österreichischen Beiträge auf der Berlinale. Hier im Bild Birgit Minichmayr und Josef Hader. Foto: Petro Domenigg Filmstills/ Majestic Filmverleih "Der Knochenmann" von Wolfgang Murnberger ist einer der österreichischen Beiträge auf der Berlinale. Hier im Bild Birgit Minichmayr und Josef Hader. Foto: Petro Domenigg Filmstills/ Majestic Filmverleih

Zwischen 5. und 15. Februar findet die 59. Berlinale statt. Dann ist die deutsche Hauptstadt für zehn Tage wieder einmal ein einziges Lichtspieltheater, wo nicht nur ins Reich der Fantasie entführt wird, sondern wo auch die aktuelle Situation der Gesellschaft reflektiert wird.


Sei es Drama oder Dokumentation: Fast immer geht es heuer um das persönliche Schicksal Einzelner, erstaunlich häufig um homosexuelle Beziehungen.

Etwa im taiwanesischen Film "Yang Yang", dessen junge Titelheldin wegen der Zuneigung zu ihrer Stiefschwester in ihrer Familie scheitert. Oder in "Ander": so heißt der baskische Bauer, der sich seine Homosexualität erst einmal selbst eingestehen muss, um sie dann in konservativer Umwelt offen leben zu können. "El niño pez" aus Argentinien pflegt ein bewährtes Klischee: Die lesbische Liebe zweier Mädchen mit Standesunterschieden droht an eben diesen zu scheitern. Der deutsch-taiwanesische Film "Ghosted", der seinen Ausgangspunkt im tragischen Ende einer Liebesbeziehung zwischen einer Hamburger Künstlerin und einer Taiwanesin nimmt, hebt hingegen ins Übersinnliche ab.

Die Berufswelt

Allen Geschichten ist gemeinsam, dass die besondere Tragik der Hauptperson nicht einmal von der engsten Umwelt wahrgenommen wird. Im Hong-Kong-Streifen "Claustrophobia" etwa, der die Hingezogenheit der jungen Pearl zu ihrem verheirateten Chef thematisiert und deren Geschichte gleichsam von vorn nach hinten erzählt - was zwar ein interessanter Kunstgriff ist, aber die Gefahr eines Spannungsabfalls in sich birgt, da die Vorgeschichte keine hilfreichen Klärungen fürs Folgende enthält. Doch zeigt der Streifen viel über die emotionale Bindung von Menschen, die mehr als zehn Stunden täglich eng miteinander zu tun haben.

Die Wirtschaftswelt von heute bietet viel Stoff für die Leinwand. "Die wundersame Welt der Waschkraft", ein deutscher Dokumentarfilm von Hans-Christian Schmid, widmet sich der Arbeit im Billiglohnland: Er verfolgt den Weg der Berliner Hotelwäsche nach Polen, in die Wäscherei über der Grenze, und schildert das Leben zweier Wäscherinnen und deren Umfeld - sie sind nicht mit dem Herzen dabei, aber das Geld wird daheim dringend gebraucht. Die Arbeit ist schwer, die Frauen schuften ohne Unterlass. Wie langsam man drüben in Deutschland arbeite, wundert sich eine von ihnen. Der Film klagt nicht an, er zeigt nüchtern die polnischen Frauen beim selbstmitleidlosen Rackern zum Erhalt ihrer Familien. Ironie der Geschichte: Die Protagonistinnen sind zur Berlinale eingeladen, und werden in den Hotels in der von ihnen gewaschenen Wäsche schlafen.

Migrationsprobleme

Schon im Vorjahr Gegenstand eines Berlinale-Films war die illegale Migration mittelamerikanischer Arbeitswilliger in die USA, das gelobte Land im Norden. Auch im aktuellen spanischen Streifen "Coyote" hängen Menschentrauben an langsam sich dahin schiebenden Güterzügen, die immer näher ans Ziel ihrer Wünsche rollen. Coyoten werden in Mittelamerika die Schlepper genannt. Im Film ist es ein ebenso gläubiger wie schlitzohriger Guatemalteke, dem Alkohol wie den Frauen verfallen, aber einer, der sich verantwortlich fühlt für seine menschliche Fracht. Überraschend groß, auch in anderen Dokumentarfilmen, ist die Bereitschaft der Protagonisten, die Kamera so dicht an ihr höchstpersönliches Abenteuer heran zu lassen.

Ebenso aktuell wie heikel ist der Stoff von "La journée de la jupe", der wie der ebenfalls aus Frankreich stammende, kürzlich angelaufene Film "Die Klasse" die zunehmende Unmöglichkeit von Wissensvermittlung in Schulen darstellt. Dass die Lehrerin in einer Kurzschlusshandlung zur Waffe greift, steht am spannenden Anfang. Dass aber dann die abhanden gekommene Autorität nur mehr so durchgesetzt werden kann, dass man gerne jene ganz klein sieht, die die Professorin sonst Tag für Tag aufs Blut reizen, erscheint gefährlich. Das Anprangern der religiösen Doppelmoral manch jungen muslimischen Machos könnte eine Zeitenwende andeuten: Das alte Europa begehrt auf. Es lässt nicht mehr zu, dass Migranten den Anspruch erheben, über bestimmte Themen entweder überhaupt nicht diskutieren zu wollen, oder vorschreiben wollen, wie diskutiert werden darf.

Auch der libanesische Dokumentarfilm "The One Man Village", den Simon El Habre über seinen Onkel gedreht hat, hat einen politischen Hintergrund. Im Bürgerkrieg zwischen 1975 und 1990 wurde die kleine christliche Ansiedlung Ain el-Halazoun in den libanesischen Bergen von ringsum lebenden Drusen zerstört. Die Dorfbewohner waren schon früher geflohen; tagsüber kommen sie noch, um ihre Gärten zu bewässern oder Oliven zu ernten.

Semaan lebt hier ein nahezu idyllisches Leben, ein wenig einsam vielleicht, aber glücklich mit seiner Arbeit auf dem eigenen Hof. Wären da nicht die Hausruinen rundherum, und wäre Semaan nicht der einzige Dorfbewohner. Mit Einbruch der Dunkelheit ist Semaan allein. Er liebt seine Kühe im Stall, spricht mit ihnen und seinem Pferd - ein zufriedener Landwirt, dem nur eine Frau zum Glück fehlt, und vielleicht die Nachbarschaft. Ein bäuerlicher Einsiedler, der aber nicht wunderlich geworden ist, sondern stets weise unter seinem Schnauzbart hervorschmunzelt.

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Schlagwörter

Deutschland, Kino

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2009-01-30 13:53:24
Letzte Änderung am 2012-08-16 17:00:13



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