
Er meinte damit "Philosophen, Sozialwissenschafter und so weiter. In Wirklichkeit aber verstehen die Evolutionstheorie sehr wenige Leute und das gilt selbst für die Evolutionstheorie, so wie Darwin sie zu seiner Zeit formulierte, und noch mehr für das Verständnis der Evolutionstheorie, das uns heute in der Biologie möglich ist."
In derselben Vorlesungsreihe - den 1973 in Oxford gehaltenen "Herbert Spencer Lectures" - hat Karl Popper noch auf eine andere Besonderheit der Evolutionstheorie hingewiesen, die besonders oft zur Komponente einer Ideologie umfunktioniert worden ist. Popper erinnerte daran, dass große wissenschaftliche Revolutionen auch zu "ideologischen" Revolutionen beitragen können. Es war ihm wichtig zu betonen, dass er mit dem bewusst vage gewählten und viele Aspekte ansprechenden Begriff "Ideologie" Vermutungen, Glaubenssätze oder Haltungen meinte, die auch Naturwissenschafter - zum Guten oder Schlechten - stark beeinflussen oder sogar inspirieren können. Wenn eine neue naturwissenschaftliche Theorie zu einer Komponente in einem neuen Weltbild wird, dann bekommt sie eine neue Rolle: sie hat dann die Funktion, die Ideologie zu stützen.
Die naturwissenschaftliche Theorie wird dadurch allerdings nicht selbst schon zur Ideologie, denn immer noch unterscheidet sie sich von einer durch Ideologie geprägten Vermutung ganz entscheidend dadurch, dass sie durch empirische Prüfung widerlegt werden kann. Die Evolutionstheorie ist geradezu der Prototyp einer solchen naturwissenschaftlichen Theorie - immer wieder Versuchen ausgesetzt, in verschiedenen Ideologien - wie Sozialdarwinismus oder Materialismus - eine Funktion zugewiesen zu bekommen.
Das war schon zu Darwins Zeiten so, aber der Empiriker Darwin war sich des Unterschieds zwischen einer von empirischen Widerlegungen bedrohten und daher "sterblichen" wissenschaftlichen Theorie und einer durch immer neue Immunisierungsstrategien unwiderlegbar gemachten Ideologie wohl bewusst. Er kannte Herbert Spencer, den spekulativen evolutionistischen Philosophen und Ahnherrn aller sozialdarwinistischen Ideologien, persönlich, mochte ihn aber nicht. In seiner Autobiographie schrieb er: "Seine Art zu Denken ist meiner ganz entgegengesetzt. Seine Schlüsse überzeugen mich nie. Immer wieder habe ich mir gesagt: das wäre ein wunderbares Thema, an dem man ein halbes Dutzend Jahre lang arbeiten könnte."
Gerade im Hinblick auf ideologisch motivierte Vereinnahmungen sind Gedenkjahre nicht ohne Risiken. Sie haben mehrere Funktionen, und das nun angebrochene "Darwin-Jahr" ist - wie alle "Darwin Jahre" vor ihm - dafür ein exzellentes Beispiel: immer wieder standen im Mittelpunkt der Diskussion nicht so sehr Darwin selbst oder seine Evolutionsbiologie, sondern Ideologien, in denen Darwins Biologie eine Funktion hatte.
Der Darwin-Kult
Dafür ist schon Darwins Begräbnis das erste Beispiel. Als er am 19. April 1882 starb, war klar, dass er am ländlichen Kirchhof in Downe begraben werden wollte - neben seinem Bruder Erasmus und seinen beiden vor ihm verstorbenen Kindern. Noch am selben Abend haben Darwins Freunde davon erfahren und begonnen, jenes prunkvolle Begräbnis zu inszenieren, das am 26. April in der Kathedrale von Westminster unweit von Newton stattfand - Symbol für den Sieg der bahnbrechenden Ideen Darwins und der Glorie der englischen Wissenschaft, und Beleg dafür, dass die Evolutionstheorie zwar aus einem "gottesfürchtig" lebenden Mann einen Agnostiker machen konnte, was aber nicht notwendigerweise auch seine moralischen Vorstellungen untergraben muss.
Eine Verwandte aus Darwins gutbürgerlicher und weitläufiger Familie schrieb nach einem ländlichen Familientreffen: "Wir haben genügend viel stumpfsinnige Langweiler und eine Fülle von Tugenden in unserer Familie - ein bisschen von einem Laster wäre eine angenehme Abwechslung."
Vor allem in Diskussionen mit den Kritikern der Evolutionsbiologie aus den Geisteswissenschaften tauchen durch alle die folgenden Gedenkfeiern immer dieselben Missverständnisse und Darwin-Mythen auf, deren Wurzeln zum Teil bis in die ersten Jahrzehnte nach Darwins Tod zurück verfolgt werden können.
Schon bald nach Darwins Tod begann man alle Evolutionsbiologie als "Darwinismus" zu bezeichnen, und so ist es weithin bis heute geblieben, obwohl seither mehr als 150 Jahre vergangen sind, in denen viele der produktivsten Naturwissenschafter der Welt an der Weiterentwicklung von Darwins Ideen gearbeitet haben.
Janet Browne, heute Professorin an der Harvard Universität und Autorin einer hinreißend geschriebenen großen Darwin-Biografie, merkte dazu jüngst an, dass diese Sicht schon für Darwins Zeit nicht stimmt: "In den letzten 20 Jahren hat man gezeigt, dass das, was man die Revolution Darwins genannt hat, weder eine Revolution im herkömmlichen Sinn des Wortes war, noch auf Darwin allein zurückgeht." Dazu haben Jean-Baptiste Lamarck, Darwins Großvater Erasmus Darwin oder eben Herbert Spencer ebenso beigetragen, wie viele andere mit nicht minder interessanten Ideen: die Idee eines Wandels der Organismen im Lauf der Erdgeschichte lag damals "in der Luft" und die Idee, dass "natürliche Auslese" eine der Ursachen dieses Wandels ist, hat Alfred Russel Wallace gefunden, noch bevor Darwin darüber eine Zeile veröffentlicht hatte.