• vom 02.01.2009, 14:13 Uhr

Kompendium

Update: 02.01.2009, 14:17 Uhr

Mond

Die Reize der Frau Luna




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Von Christian Pinter

  • Am 4. Jänner 1959 begann der Wettlauf der beiden Großmächte um die Erforschung des Mondes. Das Interesse am Erdtrabanten währte nur ein Jahrzehnt Doch könnte bald ein neuer Wettstreit ausbrechen.

Die Mondbesucher der Apollo 11-Mission in ihrer fragil anmutenden Landefähre Eagle.Foto: Nasa

Die Mondbesucher der Apollo 11-Mission in ihrer fragil anmutenden Landefähre Eagle.Foto: Nasa Die Mondbesucher der Apollo 11-Mission in ihrer fragil anmutenden Landefähre Eagle.Foto: Nasa

Jubel in Moskau:


Am 4. Jänner 1959 rast die Sonde Luna 1 am Mond vorbei, in einer Distanz von bloß 6000 Kilometern. Die Russen nennen sie "Metschta" - Traum. Ein solcher geht tatsächlich in Erfüllung, denn alle drei vorangegangenen sowjetischen Mondflugversuche sind gescheitert. Allerdings auch jene der USA. Dort hatte man bald nach dem traumatischen Sputnik-Schock vom 4. Oktober 1957 versucht, die Russen zu überflügeln: Die US-Sonde Pioneer sollte schon am 17. August 1958 zum Mond aufbrechen. Sie erreichte dieses Ziel jedoch ebenso wenig, wie ihre drei unmittelbaren Nachfolger. Mit der erfolgreichen Luna 1 geht daher auch dieser Punkt an die UdSSR.

Im September 1959 meldet Moskau den nächsten Triumph: Luna 2 trifft den Mond und schlägt nahe dem Krater Archimedes auf. An Bord sind Embleme der UdSSR und der Roten Armee. Die sollen den Aufprall mit 11.000 km/h "durch spezielle konstruktive Maßnahmen" unbeschadet überstehen. Jedenfalls werden sie zur ältesten Hinterlassenschaft der Menschheit auf einer anderen Welt.

Lunas Janusgesicht

Drei Wochen später jagt die UdSSR wieder eine Sonde am Mond vorbei - diesmal so, dass Luna 3 die bislang völlig unbekannte Rückseite des Trabanten fotografieren kann. Fast scheint es den sowjetischen Forschern, als blickten sie auf einen "anderen" Mond. Denn während die uns vertraute Hälfte zu einem Drittel von grauen Flächen erstarrter Lava bedeckt ist, fehlen solche "Mondmeere" auf seiner fernen Hemisphäre. Wie man später herausfindet, liegt das an der unterschiedlichen Mächtigkeit der Mondkruste. Auf der uns zugewandten Seite ist sie, der Erdanziehung wegen, deutlich dünner. Deshalb konnte sie den Austritt von Magma nicht verhindern, das vor 3,9 bis 3,2 Milliarden Jahren aus dem Mondinnern quoll. Auf der Rückseite blieb es in der dickeren Kruste stecken. Eines der dort höchst seltenen Meere wird von den siegreichen Russen "Moskauer Meer" getauft, ein ebenfalls mit Lava gefüllter Krater, dem 1935 verstorbenen Visionär Konstantin Ziolkowski gewidmet. Er hatte den Raumflug vorhergesehen und etliche technische Grundlagen dafür erarbeitet.

Ziolkowski inspirierte auch den 1907 geborenen Sergej Koroljow. Während des Stalin-Terrors in den Gulag verbannt, rehabilitiert sich der Ukrainer mit dem Bau der ersten atomwaffenfähigen Langstreckenrakete. Nun ist er ein wandelndes Staatsgeheimnis und Superhirn der roten Raumfahrt. Nikita Chruschtschow unterstützt ihn, seit Moskau das propagandistische Potenzial der Raumfahrt erkannt hat. Der Kommunismus soll als leistungsfähigstes Gesellschaftssystem präsentiert werden.

Chruschtschows Konkurrenz wird derweil von Fehlschlägen geplagt. Amerikanische Ranger-Sonden wollen sich auf den Mond stürzen und in den letzten Minuten vor ihrem Einschlag hochauflösende Fotos zur Erde senden. Doch zunächst geht alles schief. Dass man die teuren Kamikazeflüge nicht einstellt, liegt nur an John F. Kennedy: Er lässt die Nasa nach einem Großprojekt suchen, mit dem man die Führung im All langfristig an sich reißen könnte. Man entscheidet sich für das Experiment einer bemannten Mondlandung noch vor Ende des Jahrzehnts. Nicht nur ein einziger Mensch würde dann zum Erdbegleiter fliegen, verkündet der Präsident am 25. Mai 1961, sondern "eine ganze Nation". Der Mond gerät zur nationalen Frage. Bis zu 400.000 Menschen werden direkt oder indirekt am Apollo-Projekt mitarbeiten.

Erst 1964 ist der Einsatz der Ranger-Sonde von Erfolg gekrönt. Die Raumkapsel und ihre beiden Nachfolger funken zusammen gut 17.000 Nahaufnahmen heim. Jedes einzelne Bild kostet de facto 15.000 US-Dollar. Im Folgejahr versuchen die Russen mehrere automatische Landungen, die sämtlich scheitern. Dennoch plant Koroljow bereits bemannte Mondmissionen. Sein überraschender Tod lässt die rote Raumfahrt ohne Mentor zurück. Wenige Tage nach seinem Tod, am 3. Februar 1966, setzt die sowjetische Sonde Luna 9 weich und unbeschädigt im "Ozean der Stürme" auf. Sie liefert sensationelle Panoramafotos - erste Ansichtskarten von einer anderen Welt. Doch diese werden von einem leistungsfähigen britischen Radioteleskop aufgefangen und zunächst vom Daily Express veröffentlicht; die Prawda hat das Nachsehen.

Eine Decke aus feinem Schutt liegt über der Mondlandschaft. Das Trümmerwerk ist Resultat unzählbarer Meteoriteneinschläge und stapelt sich viele Meter hoch. Doch allen Unkenrufen zum Trotz versinkt Luna 9 nicht im Mondstaub. Dessen trockene Körner haften so fest aneinander wie feuchter Sand. Deshalb trägt der Boden. Andernfalls wären alle weiteren Mondträume wohl im Sand verlaufen.

Noch bevor die USA im Juni 1966 mit ihrer Landesonde Surveyor 1 gleichziehen können, ruft Moskau schon die nächste Premiere aus: Waren alle bisherigen Mondmissionen "Direktschüsse", so schwenkt Luna 10 endlich in eine richtige lunare Umlaufbahn ein. Der Automat wird zum ersten Mondsatelliten. In den folgenden Monaten setzen beide Weltraummächte abwechselnd Lande- und Orbitalsonden ein. Diese analysieren den Mondboden vor Ort oder studieren das lunare Antlitz aus der Vogelperspektive.

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Mond, Weltall

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Dokument erstellt am 2009-01-02 14:13:43
Letzte Änderung am 2009-01-02 14:17:00



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