• vom 01.04.2011, 15:11 Uhr

Kompendium

Update: 01.04.2011, 15:16 Uhr

Wissenschaft

Winkelfunktion und Sonnenuhr




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christian Pinter

  • Vor 550 Jahren starb der Humanist Georg von Peuerbach, der mit seinen gründlichen mathematischen und astronomischen Studien die kopernikanische Wende vorbereitete.

Georg von Peuerbachs Astrolabium als Rathausuhr in Peuerbach im Hausruckviertel. Zum Vergrößern bitte hier klicken!

Georg von Peuerbachs Astrolabium als Rathausuhr in Peuerbach im Hausruckviertel. Zum Vergrößern bitte hier klicken!© Christian Pinter Georg von Peuerbachs Astrolabium als Rathausuhr in Peuerbach im Hausruckviertel. Zum Vergrößern bitte hier klicken!© Christian Pinter

Wahrscheinlich drängen sich die Aunpekhs in einer dunklen Küche mit großem Herd und schwarzen Holzwänden zusammen, als am 30. Mai 1423 ihr jüngster Sohn geboren wird; bald darauf wird er in der Peuerbacher Pfarrkirche St. Martin auf den Namen Georg getauft. Der kantige Wehrturm des gotischen Gotteshauses ragt über den mauergeschützten Markt, ebenso das Schloss der Grafen Schaunberg.


Ein einflussreicher Pfarrer entdeckt, dass der Knabe Georg sehr talentiert ist, und bringt ihn im Augustiner-Chorherrenstift von Klosterneuburg unter. Dort erschließt sich dem Buben aus der oberösterreichischen Provinz eine ganz andere, neue Welt: mit prunkvollen mittelalterlichen Handschriften und mit Karten, die von den Kanaren bis zum Indischen Ozean reichen.

1446 trägt sich der nun 23-Jährige als Georgius Aunpekh de Pewrbach an der Wiener Universität ein. Seine Kommilitonen sind bis zu acht Jahre jünger. Bevor sie sich für Medizin, Rechtswissenschaft oder Theologie entscheiden, müssen sie die Artistenfakultät meistern. Dort erlernen sie die sieben freien Künste: Latein, Rhetorik und Logik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik. Kaum hat Georg das Bakkalaureat erlangt, zieht es ihn schon nach Italien, das Stammland des Humanismus. Er ist fasziniert von der Kultur und der Philosophie der Antike und möchte die alten Meister, die beim Übertragen und Kopieren oft verfälscht wurden, im Original lesen.

Die träge, schwere Erde

In Padua trägt Georg über arabische Astronomen vor. Dann lehrt er in Bologna und Ferrara - alles Universitätsstädte, in denen fünf Jahrzehnte später auch Nikolaus Kopernikus studieren wird. In Rom lernt Georg den Kardinal Nikolaus von Kues kennen, der glaubt, dass sich Himmel und Erde um eine gemeinsame Achse drehen. Doch Georg bleibt skeptisch. Ihm ist die Erdkugel ein träger, schwerer Koloss, unfähig selbst zu einem täglichen Umschwung. Seine Zeitgenossen sehen das genauso. Deshalb lassen sie lieber den ganzen Kosmos um die vermeintlich ruhende Erde rotieren.

Bald lehrt Magister Georg von Peuerbach an der Wiener Universität. Er liest Klassiker der lateinischen Dichtkunst: Vergil, Juvenal, Horaz. An der Bürgerschule St. Stephan, gegenüber dem Dom gelegen, unterrichtet er Mathematik und Astronomie. Außerdem tritt er in den Dienst des Kaisers Friedrich III.. Der residiert in der Wiener Neustädter Burg und ist begeisterter Sammler - auch von astronomischen Instrumenten. Schon vor etlichen Jahren hat Georg in seinem Auftrag das Horoskop der zierlichen Gemahlin Eleonore von Portugal erstellt. Den frühen Tod ihres erstgeborenen Sohns sagte er korrekt voraus; keine allzu gewagte Prognose angesichts der damals hohen Kindersterblichkeit.

Nun fertigt Georg für Friedrich III. ein handgroßes Astrolabium aus vergoldetem Messing an. Diese alten "Sternfasser" wurden von den Arabern kunstvoll weiterentwickelt. Nachts messen sie Sternhöhen und verraten so die aktuelle Ortszeit. Dazu sind Höhenkreise auf der unteren Scheibe eingraviert. Die kleinere Scheibe darüber lässt sich drehen. Sie ist fast zur Gänze durchbrochen und mit geschwungenen Dornen bestückt: Diese zeigen die Lage von 31 hellen Sternen an. Jahrhunderte später werden "drehbare Sternkarten" so manche Funktion dieses bewährten astronomischen Beobachtungs- und Rechengeräts übernehmen.

Das Astrolabium vermag aber auch irdische Probleme zu lösen. Dank der Peilvorrichtung an seiner Rückseite kann man damit z.B. den Fußpunkt und die Spitze eines Turms anvisieren und aus dem sich so ergebenden Winkel auf die Höhe oder die Entfernung des Bauwerks schließen.

Sinus und Cosinus

Georg verbessert die Winkelrechnung erheblich; er propagiert die aus der arabischen Trigonometrie überlieferte Sinusrechnung. Dazu erstellt er Tafeln, die Sinuswerte nicht nur für volle, sondern sogar für Sechstelgrade auflisten. Außerdem rechnet er mit dem Cosinus - wohl als erster Mathematiker des Abendlands. Eindrucksvoll führt er das Potential der Winkelfunktionen vor: mit einer verblüffend einfachen Formel, welche die Sonnenhöhe für jede beliebige Tageszeit angibt.

Am Stephansdom bringt Georg eine große Sonnenuhr an. Viel wichtiger sind jedoch seine Reisesonnenuhren, die man leicht in die Tasche stecken kann. Beim Aufklappen spannt sich ein schattenwerfender Faden, der die Himmelsachse imitiert. Das erste dieser Geräte widmet Peuerbach dem Kaiser. Es ist auf die geografische Breite Wiens zugeschnitten. Spätere Sonnenuhren Georgs funktionieren auch anderswo, sofern man sie in Nord-Südrichtung hält, welche der eingebaute Kompass anzeigt. Georg weiß ja schon, dass die Magnetnadel nicht genau zum geografischen Pol weist. Er ritzt eine entsprechende Markierung ein und gilt daher oft als Entdecker der magnetischen Missweisung.

Noch versucht man den Kosmos vor allem durchs Bücherstudium zu ergründen. Doch Georg erkennt bereits die Notwendigkeit neuer, aktueller Himmelsbeobachtungen. Mit seinem Schüler und Freund Johannes Müller, geboren im bayerischen Königsberg und später daher "Regiomontanus" genannt, mustert er die Phasen des Mondes, den Sonnen- und den Planetenlauf sowie astronomische Finsternisse.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-04-01 15:11:04
Letzte Änderung am 2011-04-01 15:16:00



Werbung




Werbung


Werbung