• vom 24.10.2008, 13:31 Uhr

Kompendium

Update: 24.10.2008, 13:36 Uhr

Rhetorik

Wenn Sprache zur Gewalt wird




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Der Justizpalastbrand im Juli 1927 bot Anlass zu scharfer parteipolitischer Polemik. Hier ein christlichsoziales Wahlplakat aus dem Jahr 1930. Foto: aus "Tagebuch der Straße. Geschichte in Plakaten". Jugend und Volk Verlag Wien, 1981.

Der Justizpalastbrand im Juli 1927 bot Anlass zu scharfer parteipolitischer Polemik. Hier ein christlichsoziales Wahlplakat aus dem Jahr 1930. Foto: aus "Tagebuch der Straße. Geschichte in Plakaten". Jugend und Volk Verlag Wien, 1981. Der Justizpalastbrand im Juli 1927 bot Anlass zu scharfer parteipolitischer Polemik. Hier ein christlichsoziales Wahlplakat aus dem Jahr 1930. Foto: aus "Tagebuch der Straße. Geschichte in Plakaten". Jugend und Volk Verlag Wien, 1981.

Jugoslav Vlahovic

Jugoslav Vlahovic Jugoslav Vlahovic

Ideologischer Sprachgebrauch, rhetorische Sprachlenkung und identitätsstiftende Sprachregelung, mit allen ihren positiven und negativen Konnotationen, werden in diesem Programm referentiell zum Zweck der eigenen Legitimation und zur Decouvrierung der Widersprüchlichkeit des politischen Gegners verwendet. Überschriften wie "Der Kampf um die Staatsmacht" waren eben durch ihre Wortwahl dazu angetan, von christlichsozialer Seite als politische Handlungsanleitung im Sinne des Mobilisierungsbestrebens der Sozialdemokratie aufgefasst zu werden. Formulierungen wie "den Staatsapparat... als Machtmittel zu benützen" beunruhigten stark, und konnten nicht als bloße ästhetische Paraphrasierungen einer Klassenkampfterminologie abgetan werden; denn sie erzeugten bei vielen bolschewistische Schreckensbilder einer Diktatur des Proletariats.

Otto Bauer, der dominierende Redner des sozialdemokratischen Parteitages von 1926, definierte mit Hilfe von Kriegsmetaphern zunächst einige Prämissen des Klassenkampfes, sprach von der "Prüfung des Kampfgeländes" , vom "Kampfboden", auf dem der Klassenkampf zu erfolgen habe, und beschwor die Einheit des Proletariats, das die Macht nur dann erringen könne, wenn die "ganze Arbeiterklasse ein Heer in diesem Kampfe bildete".

Der Begriff "Kampf" stellte in Otto Bauers Äußerungen die am häufigsten verwendete Metapher für politische Ziele dar, der sozialdemokratische Führer setzte Kampf hauptsächlich im Sinne einer rhetorisch-pathetischen Verstärkerfunktion ein, wenn er etwa fragte: "Wie ist nun der Kampf selbst zu führen, wie die Schlacht selber zu schlagen, mit welchen Mitteln der Gegner zu besiegen?"

Explizit betonte Otto Bauer jedoch den defensiven Charakter der Anwendung von Gewalt: Erst wenn die Demokratie ernsthaft in Gefahr gerate und alle anderen Mittel ausgeschöpft wären, erst vor die Wahl gestellt, sich mit "Waffen zu verteidigen oder in völlige Knechtschaft zu verfallen", erst dann wäre es legitim, den Weg der Gewalt zu beschreiten.

Der Begriff "Diktatur" fand schließlich doch Eingang in das Linzer Parteiprogramm, allerdings trug gerade diese vermeintlich stärkere Fixierung einer ideologischen Position als programmatische Referenz entscheidend zur Verschärfung des politischen Klimas in Österreich bei, da das Wort Diktatur damals immer weniger mit dem wissenschaftlich-marxistischen Begriff der "Diktatur des Proletariats", sondern immer mehr mit der bolschewistischen Praxis der Diktatur assoziiert wurde.

Das Versäumnis oder der Verzicht der Sozialdemokratie, verbale Deeskalation zu praktizieren, führte dazu, dass die Gesprächsbereitschaft auf christlichsozialer Seite tendenziell abnahm. Diesen Umstand versuchte die sozialdemokratische Führung jedoch nicht zu ändern, sondern hielt ihn als ständige politische Drohung gegen die Christlichsozialen aufrecht. Karl Renner war sich der Tragweite der verbalradikalen Wortwahl durchaus bewusst, wenn er meinte: "Die Bourgeoisie hat ein Gruseln überlaufen, als sie gelesen hat, Eroberung der Macht´."

Der herrschende politische Diskurs wurde jahrelang so verschärft, dass schon ein einziger Funke den Brand auslösen und zur Katastrophe führen konnte. Als nach einem Zusammenstoß von Mitgliedern der Frontkämpfer mit jenen des republikanischen Schutzbundes Anfang 1927 ein unbeteiligtes Kind und ein Schutzbündler zu Tode kamen und die zu den Frontkämpfern gehörenden Todesschützen beim nachfolgenden Strafprozess freigesprochen wurden, kam es in Wien zu den bekannten bürgerkriegsähnlichen Zusammenstößen zwischen zehntausenden Demonstranten und den Sicherheitskräften: Am Morgen des 15. Juli 1927 entlud sich auf tragische Weise jene Gegenmacht, die auch durch das übersteigerte Verbalisieren von Machtansprüchen heraufbeschworen wurde. Die "Arbeiter-Zeitung" spielte eine wesentliche Verstärker- bzw. Auslöserrolle bei den Eskalationen, noch vor dem fatalen Schießbefehl an die Polizei.

Isoliert betrachtet und ohne inhaltlichen Konnex zu sozialdemokratischen Parteiprogrammen, wäre der Leitartikel von Friedrich Austerlitz in der "Arbeiter-Zeitung" wohl anders gelesen und verstanden worden. Die entscheidende Passage war der Schlussabsatz mit einer verhängnisvollen rhetorischen Gleichstellung von Freispruch und Bürgerkrieg: "Denn die Versagung der Gerechtigkeit ist das Schlimmste, was den arbeitenden Menschen angetan werden kann... die bürgerliche Welt warnt immerzu vor dem Bürgerkrieg; aber ist diese glatte, diese aufreizende Freisprechung von Menschen, die Arbeiter getötet haben, weil sie Arbeiter getötet haben, nicht schon selbst der Bürgerkrieg? Wir warnen sie alle, denn aus einer Aussaat von Unrecht... kann nur schweres Unheil entstehen."

Am 15. Juli 1927 starben in Wien bei der politischen Demonstration vor dem Justizpalast 90 Menschen. Trotz dieser tragischen Ereignisse setzte sich die sprachliche Eskalation weiter fort, in antidemokratischen Strukturen und Tendenzen von 1933 bis zum Februar 1934, und danach im Ständestaat; sie kulminierte schließlich im Verbalradikalismus des Nationalsozialismus, mit seinen unzähligen sprachlichen Pervertierungen jeglichen Humanismus.

Zeit der Vorwürfe

Der Wiederaufbau Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg brachte mehrere kontroversielle Diskurse in Gang: Die im Kontext des Verbalradikalismus interessantesten und heterogensten waren zweifellos jene, die anhand der Definitionen von Befreiung und Besatzung die Identität und das Selbstverständnis Österreichs in den Mittelpunkt stellten und ein breites Spektrum von gegenseitigen Vorwürfen und Verteidigungsreflexen umfassten: vom Opfermythos Österreichs bis zur völligen Bagatellisierung der eigenen Schuld.

Bemerkenswert war auch, dass in den Jahrzehnten nach 1945 seitens der rechtsgerichteten Parteien staatsbürgerliche und nationale Zugehörigkeit gegeneinander ausgespielt wurden und der spezifisch österreichnationale Aspekt zugunsten eines ostentativ vorgetragenen Deutschnationalismus in den Hintergrund trat.

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Dokument erstellt am 2008-10-24 13:31:17
Letzte ─nderung am 2008-10-24 13:36:00



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