• vom 25.03.2011, 13:35 Uhr

Kompendium

Update: 25.03.2011, 13:44 Uhr

Geschichte

Die Briefe der toten Kinder




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Von Manfred Wieninger

  • Im Zwangsarbeitslager Viehofen unterrichtete die damals 16-jährige Greta Balog die Kinder der Lagerinsassen. Die meisten ihrer Schüler und Schülerinnen haben das Jahr 1945 nicht überlebt.

Greta Balog (erste von links), aufgenommen ca. Anfang 1944 in ihrer Heimatstadt Subotica. Foto: Privat Miki Granski = Sohn von Greta Balog)

Greta Balog (erste von links), aufgenommen ca. Anfang 1944 in ihrer Heimatstadt Subotica. Foto: Privat Miki Granski = Sohn von Greta Balog)

Greta Balog (erste von links), aufgenommen ca. Anfang 1944 in ihrer Heimatstadt Subotica. Foto: Privat Miki Granski = Sohn von Greta Balog)

Greta Balog (erste von links), aufgenommen ca. Anfang 1944 in ihrer Heimatstadt Subotica. Foto: Privat Miki Granski = Sohn von Greta Balog) Greta Balog (erste von links), aufgenommen ca. Anfang 1944 in ihrer Heimatstadt Subotica. Foto: Privat Miki Granski = Sohn von Greta Balog)

Am 9. April 1945 rückt die SS in das Zwangsarbeitslager in der Viehofener Au ein. Schon in den Tagen zuvor sind immer wieder Lagerinsassen dazu herangezogen worden, rund um das nahe gelegene Schloss Panzergräben für die letzte Verteidigungslinie auszuheben. Doch nun kommen die Soldaten der SS, um das Lager für ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter in St. Pölten-Vie-hofen zu räumen. Sie erschießen alle kranken und schwachen Lagerinsassen und treiben die übrigen auf einen grausamen Todesmarsch in Richtung KZ Mauthausen.


Abschiedsbriefe

Den Tod vor Augen verabschieden sich die zwölf Kinder der informellen Schule des Lagers in den Stunden vor der Räumung von ihrer Lehrerin Greta Balog. Sie tun dies auch schriftlich, schreiben mit dem einzigen vorhandenen Schreibgerät, einem Bleistift, auf Ungarisch in stammbuchartiger Form in ein kleines Notizbuch der Lehrerin, die erst 16 Jahre ist, also nicht viel älter als sie selbst. Im Nachlass von Greta Balog, die Ende 2009 in Israel verstorben ist, sind die Grußbotschaften ihrer einstigen Schüler nun aufgetaucht.

"Für Greti!

Wenn ich dann anstatt der Hacke und der Schaufel wieder Buch und Stift in die Hand nehmen darf, werde ich mich gerne an diese "Lehrerin" zurückerinnern, die uns mit Kleinigkeiten vergessen ließ, dass wir aus der menschlichen Gemeinschaft gefallen waren.

Mit Liebe
Könyvesi Judith
Szeged
Viehofen, 7. 4. 1945
(Internierungslager)"

Das Zwangsarbeiterlager mitten in der Viehofener Au bestand seit Juli 1944. Die Internierten, darunter viele alte Menschen, leisteten Tag für Tag schwere Arbeit am Ufer der nahen Traisen, indem sie den mäandernden, zu Hochwässern neigenden Fluss in ein gerades Bett zu zwingen versuchten.

"Ich war mit meinen Eltern gemeinsam in Viehofen. Zusammengepfercht in einer Holzbaracke, in der Mitte eines Waldes. Von dort aus gingen wir auf zwei Holzbrettern ohne Geländer über den Fluss Traisen. Dann verluden wir Schienen, hackten mit Pickeln und verlegten Rasenziegel. Die vielen traurigen Erinnerungen sind in mir sehr lebendig", erinnert sich die damals 24-jährige Rózsi Wolf aus Szeged, die ihre Befreiung im KZ Mauthausen erlebte.

Die Verpflegung für die schwer schuftenden Zwangsarbeiter ist mangelhaft, besteht pro Tag nur aus 14 Broten für 180 Menschen. Acht alte Insassen erliegen der Erschöpfung und dem ständigen Hunger und sterben während der neun Monate, die das Lager existiert.

Die Lagerschule

Die Lagerkinder mussten zwar nicht an der Traisen Schotter schaufeln, aber Arbeiten innerhalb des Lagers verrichten. Olga Balog, Gretas zwölfjährige Schwester, hat gemeinsam mit einem Buben den ganzen Tag lang Holzklötze zu zersägen, mit einer für die beiden viel zu großen Doppelsäge.

Trotzdem fürchtet der "Lagerführer" Kubitschek - ein älterer Mann, den man mit zwei Kollegen namens Seif und Losleben aus der Pension geholt und als Wachmann in Dienst gestellt hat -, dass bei einer der häufigen, stets scharfen Kontrollen der SS im Lager unbeschäftigte Kinder vorgefunden würden. Daher richtet er in einer der Baracken eine Art Lagerschule ein. Zur Lehrerin und Aufsichtsperson bestimmt er die halbwüchsige Greta Balog.

"1945, IV. 7. Samstag

Teure Grete!

Niemals im Leben werde ich deine Lehrstunden und Betreuung hier im Lager vergessen. Das werde ich niemals vergessen.

Viel Liebe, deine Schülerin
Seidner Anni
Kecel"

Anfang April 1945 nähert sich die Front von Osten her der "Gauwirtschaftshauptstadt" St. Pölten, der Geschützlärm ist auch schon im Lager zu hören. Viele der erwachsenen Insassen glauben nicht mehr an eine Befreiung und rechnen damit, noch im letzten Moment von der SS liquidiert zu werden.

Ein Zeitzeuge aus St. Pölten-Viehofen erinnert sich: "Ich war sieben Jahre alt. Wir haben in der Austraße gewohnt bei den Großeltern. Im 44-er Jahr, wie die Bombardierung begonnen hat, sind wir dort [in die Viehofener Au in die Nähe des Lagers; M. W.] immer hin. In die Stauden sind wir hin mit dem Großvater und haben uns dort versteckt, immer wenn es gebüht hat [wenn Sirenen zu hören waren; M. W.]. So haben wir die Juden getroffen. Die haben sich auch dort versteckt bei Bombenangriffen. Es waren da drei Baracken. Hie und da waren Aufsichtspersonen da, Soldaten. Die Juden, das waren eher ältere Personen, mussten Schotter herausgraben aus der Au. Der Schotter wurde in die Böschung [des Traisenflusses; M. W.] eingearbeitet. [. . .] Meine Großeltern haben viel geredet mit den Juden, weil wie die Russen gekommen sind, haben die Juden immer gewusst, wo sie sind. Die Juden haben immer gesagt: "Die putzen uns weg." Gemeint haben sie die SS. Die Juden haben meinen Großeltern sogar eine Tuchent geschenkt, weil sie gesagt haben "Wir leben eh nicht mehr lang".

Viele der Lagerkinder aber hegen - im Gegensatz zu ihren Eltern - auch zu diesem Zeitpunkt immer noch Hoffnung.

"Teure Grete!

Wir stehen nahe unserer Befreiungsstunde. Und wie es eben im Leben ist, werde ich niemals die Bemühungen vergessen, die du uns entgegengebracht hast.

In Liebe
Kohn Györgyi
Kecel
1945. IV. 8.
St. Pölten
Viehofen"

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2011-03-25 13:35:27
Letzte Änderung am 2011-03-25 13:44:00



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